Für Maschinen gibt’s Wartung, für Daten Backups – doch wenn Menschen unter Dauerstress ächzen, heißt es oft nur: Augen zu und durch. Was zählt, ist das Ergebnis. Wer nicht mehr liefert, wird ersetzt. Mitarbeitende werden verschlissen wie Büromaterial – und aussortiert, wenn sie schlappmachen.

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In so einer Realität zu arbeiten, das geht nicht spurlos an einem vorbei. Und es bleibt nicht bei Frust oder Müdigkeit. Eine US-amerikanische Langzeitstudie zeigt: Ein Job, der überfordert, keine Mitsprache zulässt und keinerlei Spielraum gibt, gefährdet nicht nur die psychische Gesundheit – er kann auch das Leben verkürzen.

Über zwanzig Jahre hinweg wurden dafür Daten von über 3.000 Personen erhoben. Die Ergebnisse sind alarmierend: Menschen, die im Job kaum Kontrolle haben, hohem Druck ausgesetzt sind oder nicht gut mit Problemen umgehen können, sterben im Durchschnitt früher. Der Weg dahin ist gepflastert mit Depressionen, chronischen Beschwerden, innerer Leere. Und oft genug mit einem System, das diese Symptome als „Kollateralschäden“ abtut.

Dass dieser Zusammenhang nicht neu ist, zeigt auch die berühmte Whitehall-Studie aus Großbritannien: Je niedriger der Status im Job, desto höher das Krankheits- und Sterberisiko, selbst unter Beamten. Entscheidend ist dabei nicht nur, was Menschen arbeiten. Sondern, wie viel Einfluss sie dabei haben.

Und auch andere Studien zeichnen ein ähnliches Bild: Eine französische Untersuchung mit über 1,5 Millionen Beschäftigten zeigt, wie stark psychosoziale Arbeitsbelastungen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Todesfälle beeinflussen. Besonders gefährlich: geringe Kontrolle über die eigene Arbeit, fehlende soziale Unterstützung – und die Kombination aus hohen Anforderungen bei gleichzeitig geringem Entscheidungsspielraum (sogenannter „Job Strain„).

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Über 26 Jahre wurden die Zusammenhänge untersucht, mit klarem Ergebnis: Zwischen 5,6 und 6,4 Prozent aller kardiovaskulären Todesfälle lassen sich auf diese Arbeitsbedingungen zurückführen. Und das unabhängig von Branche oder Geschlecht. Die Forscher fordern deshalb präventive Maßnahmen: mehr Entscheidungsspielraum, bessere soziale Unterstützung im Job – und Arbeitsbedingungen, die Beschäftigten echte Kontrolle über ihre Aufgaben ermöglichen.

Dein Körper kündigt – bevor du es tust

Stress hat viele Gesichter. Manchmal ist es hohe Puls vor dem ersten Meeting. Manchmal ist er das flaue Gefühl im Magen beim Gedanken an den nächsten Arbeitstag. Und manchmal ist er einfach nur noch Leere, weil der Körper keine Energie mehr hat, überhaupt noch irgendetwas zu fühlen.

Kurzfristig ist Stress aber ein Überlebensmechanismus. Der Körper stellt Energie bereit, fokussiert sich, funktioniert. Aber wenn der Ausnahmezustand zum Dauerzustand wird, verwandelt sich diese Anpassung in Zerstörung. Der Blutdruck bleibt erhöht, Entzündungswerte steigen, das Immunsystem fährt runter. Schlaf wird unruhig oder bleibt aus.

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Und dann ist da die Psyche. Wer dauerhaft das Gefühl hat, keine Kontrolle über sich und die Arbeitsumstände zu haben, wird passiv, innerlich leer, depressiv. Reize werden nicht mehr gefiltert, Gedanken kreisen. Und irgendwann bist du nicht mehr du, sondern nur noch die Hülle dessen, was mal du warst. Depression, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen sind keine Einzelfälle mehr, sondern längst Massenphänomene in einer sich immer schneller drehenden Arbeitswelt.

Wenn die Psyche leidet, dauert’s

Das zeigt auch der aktuelle Fehlzeiten-Report der AOK. 2024 waren psychische Erkrankungen für 12,5 Prozent aller Krankmeldungen verantwortlich – deutlich mehr als etwa Herz-Kreislauf-Leiden. Seit 2014 sind die Krankheitstage in diesem Bereich um ganze 47 Prozent gestiegen. Besonders alarmierend: Ein durchschnittlicher Fall psychischer Erkrankung dauert mit 28,5 Tagen fast dreimal so lang wie der übliche Krankenstand. Was das heißt? Wer psychisch krank ist, fällt oft lange aus – und kommt nicht so schnell wieder zurück. Die Psyche braucht eben Zeit. Und wer sie ignoriert, zahlt mit Ausfalltagen und im schlimmsten Fall mit dem eigenen Zusammenbruch.

Neue Arbeitswelt, alte Probleme?

Ein Grund für die zuspitzende Lage liegt im gesellschaftlichen Wandel. Die Arbeitswelt verändert sich rapide, aber nicht immer zum Guten. Remote-Arbeit, ständige Erreichbarkeit, asynchrone Kommunikation: All das bringt Vorteile, aber auch neue Stressquellen. Wer im Homeoffice arbeitet, spart sich zwar den Arbeitsweg – dafür verschwimmt die Grenze zwischen Job und Freizeit immer mehr. Und wer nicht sichtbar ist, muss sich doppelt beweisen. Der Druck, zu liefern, steigt. Der Rückzugsraum schrumpft.

Dazu kommt ein generationsbedingter Wertekonflikt. Die sogenannte Generation Y will Sinn, Selbstverwirklichung und Flexibilität, trifft aber oft auf Führungskräfte mit ganz anderen Vorstellungen von Arbeit. Das erzeugt zwangläufig Reibung, Missverständnisse, Frust. Während Jüngere ihre mentale Gesundheit priorisieren, empfinden Ältere das manchmal als mangelnde Disziplin. Dabei ist es schlicht ein anderes Verständnis von Lebensqualität – und ein berechtigtes.

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Nicht zu vergessen: Die wirtschaftliche Unsicherheit, gesellschaftliche Krisen, Digitalisierung, Fachkräftemangel. All das führt dazu, dass die Verbliebenen immer mehr schultern müssen. Der Druck steigt, während die Ressourcen sinken. Und viele Unternehmen reagieren nicht mit Entlastung, sondern mit noch mehr Zielvorgaben, noch mehr „Effizienz“.

Zwischen Purpose-Gelaber und Leistungsdruck: Wer soll das bitte aushalten?

Besonders fatal wird es, wenn die betroffenen Menschen keine Werkzeuge haben, um mit diesen Belastungen umzugehen. Die Studie der Indiana University zeigt: Fehlende Problemlösungskompetenz ist ein entscheidender Risikofaktor. Wer keine inneren oder äußeren Ressourcen hat, bricht schlicht schneller zusammen. Warum? Weil die Anforderungen jenseits des Machbaren liegen.

Die gute Nachricht: Es gibt Wege, gegenzusteuern. Wer Kontrolle über seine Aufgaben hat, wer selbst entscheiden darf, wann und wie er etwas erledigt, wer Vertrauen spürt – der ist belastbarer. Der bleibt gesünder. Auch dann, wenn der Druck zeitweise hoch ist. 

Ein gesundes Umfeld, empathische Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte, die Verantwortung für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden übernehmen – das alles kann viel bewirken. Und ja, auch Unternehmen selbst müssen in dem Punkt liefern. Wer seine Leute wie Maschinen behandelt, bekommt irgendwann kaputte Maschinen. Wer dagegen in Menschen investiert, bekommt gesunde, leistungsfähige, motivierte Teams. People first! Eigentlich ganz simpel, oder?

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