Um Bewerbungslügen zu enttarnen, greift Tesla-Chef Elon Musk zu einer effektiven Methode, die auch in der forensischen Psychologie erforscht wird.

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Im Alltag, in Ermittlungen, im Job, in Freundschaften: Menschen lügen. Forscher aus der forensischen Psychologie beschäftigen sich seit jeher mit der Frage, warum es zu Verbrechen kommt, aber auch, wie Wahrheit von Unwahrheit unterschieden werden kann.

Auch Elon Musk will wissen, wer lügt – zumindest in Jobinterviews. Der milliardenschwere Unternehmer soll sich laut eigener Aussage, welche er auf der World Government Summit 2017 tätigte, einer Methode bedienen: Befragte sollen nicht nur erzählen, welche Probleme sie lösen konnten. Sondern sie sollen vor allem ganz genau schildern, welchen Weg sie gegangen sind, um ein Problem zu lösen.

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Der Detailumfang ist ausschlaggebend. Klingt einfach – ist es für Lügner aber nicht. Vor allem in Situationen, die ohnehin angespannt sind und viel Gewicht haben, kann ein Schwindel mit dieser Methode schnell entlarvt werden, wie aktuelle Forschungen zeigen.

Lügen erkennen: Das sagt die Forschung dazu

Lügner neigen im Ernstfall tendenziell dazu, mehr Details für sich zu behalten, während ein ehrliches Gegenüber so viele Details wie möglich schildert, um die eigene Glaubhaftigkeit zu untermauern. Das belegen aktuelle Forschungen. Eine Studie von Wissenschaftlern, unter anderem von der University of Portsmouth, hat zum Beispiel eine Technik zur Lügenerkennung untersucht, die der Strategie von Musk entspricht: die Methode „Asymmetric Information Management“ (AIM).

Ob jemand schuldig oder unschuldig ist, also lügt oder die Wahrheit sagt, soll laut AIM-Methode an der Detailtiefe erkannt werden. Ganz unkritisch ist die Methode aber nicht. Denn aus Erfahrung wissen viele Menschen: Wenn sie belogen werden, neigen Geschichtenrzähler manchmal dazu, in die Tiefe zu gehen, die Story auszuschmücken und sich manchmal auch in Details zu verrennen, weil es so viele sind. Am Ende kann deshalb auch das eigene Gespür für Lügen und Wahrheiten entscheidend sein, um eine Antwort richtig einzuordnen.

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Was steckt hinter der AIM-Methode?

Aus Angst, dass Ermittler eine Lüge enttarnen, so die Annahme der AIM-Forscher, werden Informationen zurückgehalten, um das eigene Risiko zu minimieren. Eine der Studienautorinnen, Cody Porter, erzählt: Es sei zwar nicht einfach, Lügen zu erkennen. Mit der Anwendung von kognitiv basierten „Lügenerkennungsmethoden“ sei es jedoch möglich, neue Ansätze zu entwickeln. Bei forensischen Ermittlungen spielen demnach vor allem die kleinen Details eine wichtige Rolle, um den großen Unterschied zwischen Ehrlichkeit und Unehrlichkeit zu erkennen.

Das Besondere an der AIM-Methode: Verdächtige werden informiert. Demnach sollen Menschen, die etwas genau schildern sollen, darüber aufgeklärt, dass ein Interviewer besser beurteilen kann, ob jemand lügt oder nicht, wenn sie mehr Details nennen. Die Studienautoren weisen auf zwei Punkte hin:

  • Die Studienteilnehmer, die eine Lüge erzählten, haben Informationen strategisch für sich behalten, was als eine Reaktion auf die Aufforderung folgte, so viele Details wie möglich zu liefern.
  • Die Studienteilnehmer, die als Antwort auf die AIM-Anweisung die Wahrheit erzählten, konnten mehr Details liefern.

Die Forscher leiten auch ab, dass die Asymmetrie der jeweiligen Antworten von Lügnern und Nicht-Lügnern es um 70 Prozent wahrscheinlicher macht, dass wir Lügen erkennen können. So sieht es auch Musk: Leute, die ein Problem tatsächlich lösen konnten, so der 51-Jährige, wüssten, wie es ginge und könnten kleinere Details genauer beschreiben. Aber auch andere Interviewer, welche die Methode anwenden, ohne die wissenschaftlichen Hintergründe zu kennen, machen damit wohl alles richtig.

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Umso wichtiger ist es, dass Bewerber bereit sind, Detailfragen zu beantworten, auch wenn sie selbst glauben, dass eine ausführliche Antwort das Gegenüber langweilen könnte. In Wahrheit gibt eine detailreiche Antwort Auskunft darüber, ob wir Ahnung von dem haben, was wir da erzählen – oder eben nicht. Bei Personalentscheidungen kann das ausschlaggebend sein.

Ohne Lügen einen Job bekommen: Darauf sollten Bewerber achten

Jobkandidaten sollten zweifelsohne selbstbewusst in ein Interview gehen, um einen soliden Eindruck zu hinterlassen. Aber auch, wenn Erfolge und Errungenschaften der Ex-Firma in unseren Bewerbungen landen dürfen, gilt es, auf eine Regel zu achten: Es ist besser, kleinere Erfolgsprojekte anzugeben, an denen wir beteiligt waren, weil wir beispielsweise die technischen Details besser kennen. Denn oft sind die Projekte, die besonders „fancy“ klingen, nicht immer die, die sich für ein Bewerbungsgespräch eignen. Vor allem nicht dann, wenn Bewerber in die Tiefe gehen sollen – und sich am Ende herausstellt, dass sie nur mit wenig Verantwortung beteiligt waren.

Sich an die Wahrheit zu halten, ist auch wichtig, um herauszufinden, ob ein Arbeitgeber zu einem passt: Muss ich mich verbiegen, um mein Gegenüber zu beeindrucken? Oder genügt es, authentisch zu bleiben? Die Art der Wertschätzung im Vorstellungsgespräch zeigt bereits, ob fachliche Qualifikationen und Errungenschaften wichtiger sind als die zwischenmenschliche Chemie – denn Hard Skills können im Notfall immer noch erlernt werden, sofern sie nicht zwingende Voraussetzung für die ausgeschriebene Stelle sind.

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Dürfen Bewerber im Jobinterview lügen?

Nun ist es aber so, dass Bewerber und Personalinterviewer manchmal in eine Zwickmühle geraten, wenn es um „erlaubte“ Lügen geht. Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) macht es möglich, dass Bewerber sich vor Diskriminierung schützen. Personalchefs können zwar alle Fragen stellen, die ihnen einfallen. Und diese können manchmal ganz schön in die Tiefe gehen und auch unangenehm werden.

Um die eigene Privatsphäre jedoch nicht zu gefährden, dürfen Bewerber in Deutschland auf spezielle Fragen mit einer Lüge antworten, sofern es sich, job- und branchenabhängig, beispielsweise nicht um das Verschweigen von ansteckenden Krankheiten, um eine Vorstrafe oder um eine bestehende Schwangerschaft handelt.

Informationen verschweigen oder lügen dürfen Bewerber, wenn potenzielle Arbeitgeber zum Beispiel nach der sexuellen Orientierung, der politischen Richtung, der Religionszugehörigkeit oder nach dem Beziehungsstatus fragen. Denn die Antworten sind reine Privatsache und sollten nicht herangezogen werden, um die Eignung für einen Job zu beurteilen.

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Geht es hingegen um Fragen zur Ausbildung oder zur beruflichen Laufbahn, sollten Bewerber immer bei der Wahrheit bleiben. Im schlimmsten Fall kann eine Lüge dazu führen, dass eine arglistige Täuschung nachgewiesen werden kann, zum Beispiel, wenn Bewerber vorgeben, eine berufliche Qualifikation zu besitzen, die sie in Wahrheit nie besessen haben. Das ist rechtswidrig.

Wie reagiere ich, wenn mein Schwindel auffliegt?

Viele Jobinterviewer werden Wackelkandidaten direkt aussortieren, wenn sie merken, dass jemand sich in Widersprüche verstrickt. In den meisten Fällen ist es deshalb gar nicht notwendig, sich weiter zu rechtfertigen. Wer Lügen erzählt, muss aber auch damit rechnen, sich im Ernstfall erklären zu müssen.

Ehrlichkeit hilft, wenn wir auffliegen: Sie zeigt, dass wir in der Lage sind, Fehler einzusehen und unser Verhalten zu reflektieren. Vor allem, wenn es sich um den Traumjob handelt, lohnt sich der Kampf. Dennoch ist es wichtig, eine Niederlage mit Würde hinzunehmen, wenn wir merken, dass wir selbst dazu beigetragen haben, das Vertrauen zu zerstören.

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Am besten ist es deshalb, beim potenziellen Arbeitgeber gar nicht erst mit einer Lüge zu prahlen, sondern bei der Wahrheit zu bleiben. Zwar flunkert jeder einmal mit einer Notlüge. Sie ist aber kein Vergleich zu einer Lüge, die wir im weiteren Verlauf unseres Jobs aufrechterhalten müssen. Und das kann sich über mehrere Jahre hinziehen.

Bildnachweis: IMAGO / UPI Photo
Erstpublikation: 5.04.2023