Im April 2024 fällt Paul Graham, Mitgründer von Y Combinator, etwas auf: Das englische Wort „delve“ steht in wissenschaftlichen Aufsätzen plötzlich deutlich häufiger als zuvor. Die Datenkurve schießt mit dem Start von ChatGPT im November 2022 senkrecht nach oben. Das Sprachmodell liebt dieses Wort – und gibt sich damit zu erkennen. Im Deutschen heißt es „eintauchen“. Und kaum ein Wort verrät heute eine ChatGPT-Bewerbung schneller.

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Das Wichtigste in Kürze

  • 43 Prozent aller deutschen Bewerber lassen ihr Anschreiben mittlerweile von einer KI verfassen – meist von ChatGPT.
  • Das Werkzeug übersetzt englische Trainingsmuster ins Deutsche und produziert dabei Wörter, die im normalen Sprachgebrauch kaum vorkommen.
  • Personaler erkennen die KI nicht immer – die Bewerbung verschwindet trotzdem als generisch im Stapel.
  • 7 Wörter und Phrasen verraten den KI-Text am stärksten, allen voran „eintauchen“.

Fast jede zweite Bewerbung schreibt heute eine KI

Wie verbreitet das Phänomen in Deutschland ist, zeigt eine softgarden-Umfrage: 43,2 Prozent aller Bewerber lassen ihr Anschreiben heute von einer KI verfassen, weitere 30,3 Prozent können sich das zumindest vorstellen. Das mit Abstand beliebteste Werkzeug ist ChatGPT – 85,8 Prozent der KI-Nutzer greifen darauf zurück. Damit kommt fast jedes zweite Anschreiben heute mit Unterstützung eines Sprachmodells zustande.

ChatGPT wurde überwiegend mit englischen Texten trainiert. Wenn das Werkzeug ein deutsches Anschreiben verfasst, übersetzt es seine gewohnten Muster – die Lieblings-Vokabel „delve“ wird im Deutschen zu „eintauchen“. Vor 2022 hätte kaum jemand in einer Bewerbung geschrieben, er wolle „tief in die Themen Ihres Unternehmens eintauchen“. Heute liest man diesen Satz dutzendfach – und er steht selten allein. Ein ganzes Bündel weiterer Wendungen schwimmt mit.

Wichtig: Personaler müssen diese KI-Wörter und Formulierungen gar nicht enttarnen, um deine Bewerbung auszusortieren. Wenn sie wie hundert andere klingt, kommst du nicht ins Vorstellungsgespräch.

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Diese 7 Wörter verraten deine KI-Bewerbung

#1: Eintauchen

Das Wort, mit dem wir den Artikel begonnen haben. Im englischen Original „delve“ – das Verb, dessen Aufstieg in Aufsätzen mit dem Start von ChatGPT begann. ChatGPT übersetzt es zuverlässig: „Ich möchte tief in die Themenfelder Ihres Unternehmens eintauchen.“ Das klingt nach Meeresbiologie, nicht nach Job. Im Gespräch würde keiner so reden. Wer es trotzdem schreibt, schickt seine KI-Signatur gleich mit.

Besser: „Ich freue mich darauf, mich in die Themen einzuarbeiten.“ Oder konkret: „Mich interessiert besonders Ihr Projekt X, denn …“

#2: Versiert

Ein Lieblingswort von ChatGPT – und gleichzeitig eine Floskel, vor der Karriereberater seit Jahren warnen. „Versiert im Umgang mit Office“ klingt nach Bewerbungsratgeber von 1998. ChatGPT reproduziert es heute serienweise und macht jede Bewerbung dadurch austauschbar.

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Besser: „Ich arbeite täglich mit …“ oder „Ich habe drei Jahre Erfahrung in …“ – Konkretes statt Etiketten.

#3: Navigieren

Direkt aus dem Englischen übersetzt. „Ich navigiere komplexe Stakeholder-Strukturen“, „ich navigiere zwischen Teams und Abteilungen.“ Im normalen Deutsch navigiert man durch Städte oder über Meere. Im Anschreiben klingt es wichtig – und nach ChatGPT.

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Besser: „Ich stimme mich täglich mit drei Teams ab“ oder „Ich koordiniere mehrere Projekte parallel.“

#4: Gewährleisten

Bürokratendeutsch der Spitzenklasse. „Um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten“, „um die Qualität zu gewährleisten“. ChatGPT setzt das Wort reflexhaft ein, sobald es einen Beleg für Sorgfalt braucht. Das Problem: Du schreibst eine Bewerbung, keinen Verwaltungsbescheid.

Besser: „Ich sorge dafür, dass …“ oder „Ich achte darauf, dass …“ – aktive Verben, klare Verantwortung.

#5: Dynamisches Umfeld

„Ich freue mich darauf, in Ihrem dynamischen Umfeld zu arbeiten.“ Diese Phrase ist eine der ältesten Bewerbungs-Floskeln – und ChatGPT hat sie aus seinen Trainingsdaten direkt übernommen. Sie sagt nichts aus. Welches Umfeld? Was ist daran dynamisch? Personaler lesen es weg und wissen sofort: Hier hat jemand ChatGPT die Floskel-Schublade geöffnet.

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Besser: Sei konkret. „Ich kenne Ihre Software aus meiner täglichen Arbeit.“ Oder: „Sie haben im letzten Quartal Ihr Vertriebsteam verdoppelt – genau in solchen Wachstumsphasen arbeite ich am liebsten.“

#6: Mit Begeisterung

„Mit Begeisterung habe ich Ihre Stellenausschreibung gelesen.“ Klassischer Standard-Einstieg, den ChatGPT direkt aus alten Bewerbungsvorlagen übernommen hat. Liest sich ganz nett, klingt aber wie Tausende andere Anschreiben. Personaler haben das Wort längst stummgeschaltet.

Besser: Erzähl eine kurze Szene. „Als ich vor drei Wochen Ihren Beitrag auf LinkedIn zum Thema X gelesen habe …“

#7: Hiermit bewerbe ich mich

Die Mutter aller Anschreiben-Floskeln. Jeder seriöse Ratgeber warnt seit Jahren davor. Trotzdem liefern ChatGPT und Co. die Formulierung teils weiterhin – denn sie ist in den Trainingsdaten omnipräsent. Die Ironie: Die KI lernt aus Texten, die genau vor diesem Satz warnen, und reproduziert ihn als Standard.

Besser: Starte mit dem Konkreten. „Ihre Position als Produktmanagerin ist genau die Schnittstelle, an der ich seit drei Jahren arbeite.“

Merke: Die Wörter, die ChatGPT in deine Bewerbung schreibt, würden in einem echten Gespräch komisch wirken. Genau daran erkennst du sie – und genau deshalb sollten sie raus.

Lese-Tipp: 12 Anschreiben-Fehler, die deine Bewerbung ruinieren – und wie du sie vermeidest

Nachgefragt: Hast du deine letzte Bewerbung mit KI geschrieben? Welche dieser Wörter sind dir aufgefallen, vielleicht sogar erst beim Lesen dieses Artikels?

Quellen

  • Paul Graham, X-Post vom 7. April 2024, zur Häufigkeit von „delve“ in akademischen Aufsätzen
  • Philip Shapira, University of Manchester: „Delving into ‚delve'“, Blog-Post vom 31. März 2024 (Datenbasis OpenAlex)
  • Liang et al., Stanford University: „Monitoring AI-Modified Content at Scale“, arXiv 2024
  • Scientific American (Februar 2025): Auswertung der PubMed-Datenbank, 654 Prozent Anstieg von „delve“ zwischen 2020 und 2023
  • softgarden-Studie „KI trifft Recruiting 2025″, 6.929 Befragte, Mai bis Juli 2025
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