Schaut man sich die aktuelle Wirtschaftslage an, könnte man meinen, das Schreckgespenst „Fachkräftemangel“ habe sich endlich verzogen. Doch wer glaubt, dass weniger offene Stellen auch weniger Probleme bedeuten, irrt. Der neue Fachkräftereport 2025/2026 der DIHK zeigt: Der Fachkräftemangel ist keineswegs erledigt – er hat sich lediglich in eine trügerische Ruhephase zurückgezogen.

Anzeige

Einstellungsstopp statt Entspannung

Rund 36 Prozent der knapp 22.000 befragten Unternehmen geben an, offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen zu können – schlicht, weil ihnen das passende Personal fehlt. Ja, das sind sieben Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Aber das liegt nicht an einem Wunder auf dem Arbeitsmarkt, sondern daran, dass viele Betriebe derzeit einfach niemanden mehr einstellen.

Fast die Hälfte der Unternehmen (48 %) hat aktuell keinen Personalbedarf – ein Höchststand, der fast wieder das Niveau der Corona-Krise 2020 (51 %) erreicht. Die Gründe? Wirtschaftsflaute, Transformation, Unsicherheit, steigende Kosten – und die Angst vor anhaltendem Abschwung.

Und trotzdem: In den Kommentarspalte unserer Kanäle von Arbeits-ABC taucht sie immer wieder auf, die Überzeugung, dass es den Fachkräftemangel so gar nicht gebe. „Erfunden“, „übertrieben“, „ein PR-Trick der Wirtschaft“ – so oder so ähnlich lauten viele Stimmen. Ein Gefühl, das sich hartnäckig hält, gerade, wenn man selbst seit Monaten erfolglos auf Jobsuche ist. Und doch: Die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Was genau zeigt der Fachkräftereport?

Der Report belegt, dass besonders Fachkräfte mit dualer Berufsausbildung rar sind: Unter den Unternehmen, die offene Stellen nicht besetzen können, suchen 57 Prozent vergeblich nach Menschen mit dualer Ausbildung. Und das betrifft längst nicht nur Handwerksbetriebe. Auch in der Industrie, im Bau, in der Logistik und im Einzelhandel fehlen die Profis von morgen. Das Bittere daran: Gerade diese Berufsgruppen sind zentral für Zukunftsaufgaben wie Energiewende, Digitalisierung oder Infrastruktur.

Der Arbeitstag

Welche Jobs haben Zukunft? Wo knirscht’s zwischen Boomern und Gen Z? Wie verändern KI und Fachkräftemangel unser Berufsleben? „Der Arbeitstag“ ist der Newsletter mit allem, was die moderne Arbeitswelt bewegt. Klar, kompakt und direkt ins Postfach.


Der Mittelstand ist besonders betroffen. In Betrieben mit 20 bis 199 Mitarbeitenden berichten 44 Prozent von Stellenbesetzungsschwierigkeiten, bei Unternehmen mit 200 bis 999 Mitarbeitenden sind es sogar 47 Prozent. Und während in Großunternehmen strukturierte HR-Prozesse und die finanziellen Mittel noch helfen, neue Leute zu finden, kämpfen kleine und mittlere Unternehmen oft mit stumpfen Waffen um Talente.

Schon heute sagen 83 Prozent der Betriebe: Der Mangel an Arbeits- und Fachkräften wird sie in den kommenden Jahren negativ treffen. Die erwarteten Folgen sind klar benannt: steigende Arbeitskosten (63 %), überlastete Belegschaften (55 %), Angebots- und Auftragsengpässe (36 %) und der Verlust von Know-how, das sich nicht einfach ersetzen lässt.

Das Paradoxe: Akademiker straucheln am Arbeitsmarkt

Gerade junge Akademikerinnen und Akademiker spüren derzeit, wie wenig ihr Abschluss gegen die Flaute auf dem Arbeitsmarkt ausrichtet.

Anzeige

Wer heute Anfang 20 ist und gerade seinen Bachelor oder Master gemacht hat, dachte sich vielleicht: Jetzt geht’s los. Der Arbeitsmarkt wartet. Schließlich herrscht in Deutschland akuter Fachkräftemangel. Doch das stimmt eben nur halb.

Eine Stepstone-Analyse zeigt: Der Anteil ausgeschriebener Einstiegsjobs lag im ersten Quartal 2025 45?Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2025 – und damit sogar unter dem Niveau der ersten Corona-Monate. Klassische Bürojobs, einst sicherer Einstieg für Akademiker, brechen massiv weg: minus 56 Prozent im Vertrieb, minus 50 Prozent im Personalwesen, minus 34 Prozent in der Verwaltung.

Viele, die gerade frisch von der Uni kommen, erleben einen harten Aufschlag. Da sitzt jemand mit Abschluss, zwei Praktika und Auslandserfahrung – und wird trotzdem auf Jobs im Callcenter oder für den Aufbau für Messestände verwiesen. Was zählt, ist nicht der Abschluss, sondern: drei bis fünf Jahre Berufserfahrung. Für viele junge Absolventen fühlt sich der Einstieg ins Berufsleben gerade nicht wie ein Start, sondern wie eine Sackgasse an.

Das Problem ist nicht nur ein Mangel an Jobs. Viele Unternehmen haben angesichts der wirtschaftlichen Lage ihre Personalpläne auf Eis gelegt. Neueinstellungen werden aufgeschoben, ausgesetzt oder nur noch sehr selektiv vorgenommen – und zwar gezielt für Profile mit Berufserfahrung. Berufseinsteiger? Nur noch selten erwünscht.

Anzeige

Hinzu kommt: Der vielzitierte technologische Wandel sortiert den Arbeitsmarkt gerade um. Künstliche Intelligenz ersetzt nicht nur Aufgaben, sondern ganze Stellenprofile, vor allem in der Verwaltung und bei Routinetätigkeiten. Gleichzeitig fehlen Bewerber mit den Fähigkeiten, die jetzt gebraucht würden. Die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage ist das Resultat aus KI-Druck, Qualifikationslücken und globaler Unsicherheit.

Gleichzeitig wächst die Nachfrage dort, wo echte Handarbeit zählt – im Bildungswesen (+96 % bei Einstiegsjobs) oder im Handwerk (+52 %). Der Markt sendet damit ein klares Signal: Handwerk ist wieder Gold wert. Und heute wird daraus mehr denn je eine berufliche Lebensversicherung.

Und auch hier bestätigen die Zahlen das Gefühl vieler Berufseinsteiger: Zwar liegt die Akademikerarbeitslosenquote offiziell weiterhin auf niedrigem Niveau bei rund 2,9?Prozent, doch die Zahl arbeitsloser Akademiker ist 2024 um etwa 19?Prozent gestiegen, fast dreimal so stark wie die Arbeitslosigkeit insgesamt (rund +7 Prozent). Und wer sich heute bewirbt, merkt schnell: Ein Studium ist kein Jobticket mehr. Akademiker unter 30 verschicken im Median rund 40 Bewerbungen bis zur ersten Einladung – mit Ausbildung reichen im Median oft schon 26.

Lese-Tipp: Studiert, motiviert, abgelehnt: Junge Akademiker finden kaum Jobs

Anzeige

Der demografische Tsunami: Warum das Problem erst noch kommt

Der Fachkräftemangel ist keineswegs überwunden, er wird nur vom derzeit schwachen Arbeitsmarkt überdeckt. Denn mit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand beginnt eine Phase, die das Fundament des Arbeitsmarkts dauerhaft verändert. Bis Mitte der 2030er-Jahre werden Millionen erfahrene Beschäftigte aus dem Erwerbsleben ausscheiden – und zwar schneller, als neue Fachkräfte nachrücken können.

Lese-Tipp: 13,4 Millionen Babyboomer gehen in Rente – droht der Kollaps am Arbeitsmarkt?

Die Statistik zeigt längst, was sich in vielen Unternehmen bereits andeutet: Die Zahl potenzieller Nachwuchskräfte reicht nicht aus, um die scheidende Generation zu ersetzen. Und selbst dort, wo jüngere Mitarbeitende nachkommen, fehlt oft die Zeit für ausreichende Einarbeitung, für gezielten Wissenstransfer, für ein organisches Zusammenwachsen der Generationen.

Besonders sichtbar wird diese Lücke in Fachbereichen mit hohen Qualifikationsanforderungen: Ingenieurwesen, Gesundheit, Bildung, IT. Hier geht nicht nur Kapazität verloren, sondern auch wertvolles Erfahrungswissen, gewachsen über Jahre, oft über Jahrzehnte. Wissen, das nicht nicht so einfach ersetzt werden kann.

Anzeige

Der demografische Wandel bringt nicht nur weniger Hände in den Betrieben, sondern stellt auch die Frage nach der Tragfähigkeit unserer sozialen Sicherungssysteme. Denn je weniger Menschen arbeiten, desto größer wird die Belastung für die, die es tun. Der Wandel ist absehbar – und doch wirkt er in vielen Bereichen, als sei man darauf nicht vorbereitet.

Der Fachkräftemangel beginnt schon bei der Kinderbetreuung

Der Fachkräftemangel ist Realität. In vielen Branchen wirkt er schon heute als handfeste Wachstumsbremse. Wer diese Entwicklung stoppen will, muss an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen. Etwa bei der Kinderbetreuung: Rund 300.000 Kitaplätze für unter Dreijährige fehlen aktuell. Solange flächendeckende, flexible Betreuungsangebote fehlen, bleibt vielen Frauen der Weg in eine vollzeitnahe Beschäftigung versperrt.

Auch ältere Menschen könnten länger im Erwerbsleben bleiben, wenn es sich für beide Seiten lohnt. Seit dem 1. Januar 2026 gilt die sogenannte Aktivrente: Wer die Regelaltersgrenze erreicht hat und sozialversicherungspflichtig weiterarbeitet, darf bis zu 2.000?Euro im Monat steuerfrei hinzuverdienen. Für viele Rentnerinnen und Rentner ist das ein echter Anreiz. Der Staat rechnet mit Entlastungen für Rentnerinnen und Rentner in Höhe von bis zu 890 Millionen Euro jährlich.

Parallel braucht es laut DIHK endlich eine funktionierende Fachkräftezuwanderung – unbürokratisch, digital und zentral organisiert. Die geplante Work-and-stay-Agentur (WSA), die Bundesregierung und Wirtschaft derzeit vorbereiten, kann hier zum Gamechanger werden, wenn sie nicht in Zuständigkeiten erstickt.

Anzeige

Der Fachkräftemangel steht in dem Sinne nicht mehr auf jeder Titelseite, aber er sitzt an jedem unbesetzten Arbeitsplatz, in jedem Team, das Überstunden schiebt, in jedem Azubi, der nicht gefunden wird.

Anzeige
Hinweis in eigener Sache:  Du fühlst dich im Job frustriert und brauchst einen klaren Plan für deinen Neustart? In unserem Guide „Die Exit-Strategie“ erfährst du, wie du deinen Absprung sicher meisterst – von der Kündigung bis zur Jobsuche. Hier geht’s zum Guide!
Anzeige