Du sitzt seit zwei Stunden im Meeting, in dem sich Phrasen duellieren. Das hätte auch locker in zwei Absätzen per Mail gepasst. Die Deadline war gestern, der Kunde hat Puls, und dein Laptop entscheidet sich genau jetzt für ein Update. Was kommt dir über die Lippen? Richtig: ein saftiges „Scheiße!“ – gefolgt von einem halb unterdrückten Seufzer. So sieht er aus, der ganz normale Wahnsinn des Arbeitsalltags. Und ja, da darf auch mal gemotzt werden. Die gute Nachricht: Fluchen ist nicht nur menschlich, es kann sogar nützlich sein. Die schlechte: Nur weil es raus muss, heißt das nicht, dass alles erlaubt ist.

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Warum wir manchmal einfach lospoltern müssen

Jeder Mensch hat eine innere Druckanzeige. Wenn der Stress zu groß wird, muss das Ventil auf, sonst fliegt der Kessel irgendwann in die Luft. In der Küche fluchen wir, wenn die Suppe überkocht. Beim Autofahren, wenn uns jemand die Vorfahrt nimmt. Und im Büro? Da beißen viele lieber die Zähne zusammen. Doch ist das klug? Nicht unbedingt. Studien zeigen: Wer Gefühle ausdrückt, auch in Form von Unmut oder Frust, handelt gesünder als Menschen, die alles in sich hineinfressen.

Lese-Tipp: Frust im Job: Was tun, wenn die Arbeit nervt?

Je mehr Verantwortung, Zeitdruck, Unterbrechungen oder Lärm ein Job mitbringt, desto größer wird das Bedürfnis, sich Luft zu machen. Und ganz ehrlich: Ein gut platziertes „Zum Kotzen, echt jetzt!“ nach dem dritten Softwareabsturz hat schon manchen davor bewahrt, den Laptop aus dem Fenster zu werfen. Fluchen ist also nicht nur ein emotionales Sicherheitsventil – es kann auch Spannung abbauen, Distanz schaffen zu einer belastenden Situation und sogar den Zusammenhalt im Team stärken.

Fluchen als soziales Schmiermittel? Durchaus!

„Was für ein Mist!“ – wenn dieser Satz in der richtigen Tonlage kommt, fühlen sich viele verstanden. Das nennt man solidarisches Meckern. Es geht nicht darum, jemanden zu beleidigen, sondern um das gemeinsame Auskotzen über ein gemeinsames Problem. Dieser kleine verbale Schulterschluss kann Wunder wirken: Man merkt, dass auch andere genervt sind, dass der eigene Ärger geteilt wird – und das entlastet. Der Sprachpsychologe Timothy Jay beschreibt Fluchen als eine Form sozialer Kommunikation mit hoher emotionaler Bandbreite

Der Arbeitstag

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Studien zufolge geben viele Beschäftigte an, regelmäßig im Job zu fluchen – ein erheblicher Teil sogar täglich. Besonders in stressigen Phasen steigt der Bedarf, sich mit deftigen Worten zu entladen. Und es sind nicht nur Azubis oder gestresste Assistenzkräfte: Auch Führungskräfte und Vorstände lassen gelegentlich den Dampf ab. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten etwa steigt der Gebrauch von Schimpfwörtern auch in der Chefetage deutlich an. Kein Wunder – auch an der Spitze knirscht’s.

„Scheiße“ ist nur der Anfang

Ob bei Softwareabstürzen, Deadlines oder Dauermeetings – jeder hat so seine Favoriten, wenn’s brennt. Auch wenn die konkrete Wortwahl individuell verschieden ist, gehört ein gut platziertes „Scheiße“ wohl zu den Klassikern unter den Kraftausdrücken im Büro. Dass Fluchen für viele längst zum Alltag gehört, bestätigt auch eine aktuelle Umfrage der Sprachlernplattform Preply: Demnach schimpfen Deutsche im Schnitt 9,5-mal pro Tag – und immerhin jeder Fünfte gibt an, auch am Arbeitsplatz zu fluchen.

Besonders häufig wird übrigens beim Autofahren oder zu Hause geschimpft, aber eben auch im Büro entlädt sich der Frust gelegentlich verbal. Männer fluchen im Durchschnitt häufiger als Frauen, jüngere deutlich öfter als ältere. Am häufigsten richtet sich der Ärger dabei gegen einen selbst. Fluchen ist also nicht nur Aggression, sondern vor allem auch Selbstkritik, Stressventil oder schlicht ein menschlicher Reflex.

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Wo hört das Menschliche auf – und wo beginnt das Problem?

Natürlich gibt es Grenzen. Wer ständig seinem Ärger Luft macht, sei es durch Fluchen, Nörgeln oder lautstarkes Lamentieren, belastet auf Dauer nicht nur andere, sondern auch sich selbst. Denn was anfangs ehrlich und entlastend wirkt, kann auch als aggressiv oder nervtötend wahrgenommen werden. Kritisch wird es vor allem dann, wenn sich der Frust gegen Personen richtet, etwa gegen Kollegen, Kunden oder Vorgesetzte. Hier wird aus Frust schnell ein Karrierekiller.

Dass die Art der Sprache direkten Einfluss auf unsere psychische Gesundheit hat, zeigt auch eine aktuelle Studie aus Japan: Sie belegt, dass bestimmte Arten verbaler Aggression, wie etwa lebensbedrohliche Aussagen oder herabwürdigende Kommentare zur Arbeitsleistung, das Risiko für Depressionen und Schlafstörungen signifikant erhöhen können.

Die Forscher analysierten mithilfe von Text-Mining die Sprache am Arbeitsplatz und stellten fest: Nicht nur eindeutig aggressive Äußerungen wirken belastend, sondern auch Kritik an der beruflichen Kompetenz einer Person – je nachdem, wie sie formuliert ist. Sprache kann verletzen, manchmal härter und nachhaltiger, als man glaubt. Und das betrifft nicht nur die direkt Angesprochenen: Auch Kollegen, die solche verbalen Angriffe miterleben, berichten in Studien von erhöhtem Stress und einer gestiegenen Kündigungsbereitschaft.

Fluchen und Dampf ablassen – aber bitte mit Köpfchen

Ein paar Faustregeln helfen dir dabei, dir Luft zu machen, ohne Grenzen zu überschreiten:

  • Schimpf auf das Problem, nicht auf die Person. Du darfst ein Projekt verteufeln, ein System verfluchen oder dich über Prozesse aufregen, aber nie auf einen Kollegen losgehen. Persönliche Angriffe zerstören das Miteinander.
  • Timing ist alles. Im Call vor Kundschaft laut fluchen? Eher unklug. Beim Kaffee mit der Lieblingskollegin ein bisschen Dampf ablassen? Viel besser.
  • Dosiere deine Wut. Wenn du ständig fluchst, stumpfst nicht nur du, sondern auch deine Zuhörer ab. Der gelegentliche Ausbruch hat mehr Wirkung – und weniger Nebenwirkungen.
  • Nutze kreative Flüche. Ein „Himmel, Arsch und Zwirn“ oder „Jetzt reicht’s mit diesem Digital-Dschungel“ sorgt eher für Lacher als ein „Leck mich, Excel“. Humor schlägt Aggression.
  • Lies den Raum. Nicht jeder mag es derb. Manche Chefs feiern offene Worte, andere finden sie respektlos. Beobachte dein Umfeld – und passe dich an, ohne dich zu verbiegen.

Erlaub dir, Mensch zu sein

Gefühle zu zeigen, ist menschlich. Natürlich gibt es Situationen, in denen Zurückhaltung gefragt ist – Kundentermine, Bewerbungsgespräche, wichtige Präsentationen. Aber im Alltag darfst du dir hin und wieder erlauben, ehrlich genervt zu sein. Wichtig ist nur, dass dein Ärger nicht zum Dauerzustand wird und du ihn in Bahnen lenkst, die dich nicht selbst sabotieren.

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Fluchen kann verbinden, entlasten und, ja sogar motivieren, wenn es clever eingesetzt wird. In einer Arbeitswelt, die oft auf Effizienz, Kontrolle und Professionalität getrimmt ist, darf man nicht vergessen: Wir sind Menschen. Und Menschen brauchen manchmal ein Ventil. Also ja, meckere, fluch, motze – aber tu es mit Hirn und Herz. Dann hilft’s dir. Und stört niemanden.

Nachgefragt: Welche Schimpfwörter rutschen dir im Job am häufigsten raus – und in welchen Situationen?

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