Die Gehaltszahlen sehen erstmal ordentlich aus: Laut kununu verdienen Führungskräfte im Schnitt 75.600 Euro brutto im Jahr. Klingt nicht schlecht. Doch die Spanne reicht von 35.800 bis 138.400 Euro. Und was dazwischen liegt, ist selten gerecht verteilt. Je nach Branche, Geschlecht, Stadt und Netzwerk. Wer Personalverantwortung hat, bekommt zwar im Schnitt 10.000 Euro mehr. Muss dafür aber auch mehr schlucken. Konflikte, Launen, Krisengespräche. Kein Feierabend für den Kopf. Nur ein Kalender, der schneller taktet als der Puls.

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Vom Kollegen zu Chef – und dann?

Man kämpft sich die Karriereleiter hoch, liefert ab, hält durch – und zack, sitzt man plötzlich vorne im Besprechungsraum, auf dem Platz, wo früher die Chefs saßen. Jetzt ist man selbst gemeint, wenn von „Führungsebene“ die Rede ist. Ja, da ist er, der große Karriereschritt.

Was aber oft vergessen wird: Mit der neuen Rolle kommen nicht nur neue Aufgaben, sondern auch andere Beziehungen. Man führt plötzlich Menschen, mit denen man vorher noch Schulter an Schulter gearbeitet hat. Vielleicht sogar befreundet war. Jetzt soll man kritisieren, Entscheidungen treffen, Konflikte lösen – und dabei irgendwie souverän bleiben. Nähe ja, aber bitte nicht zu viel. Und bitte niemanden verletzen. Führung bedeutet eben nicht nur strukturieren und delegieren. Es bedeutet auch: aushalten, zuhören, Grenzen setzen, Feedback geben. Und zwar so, dass es was bringt – fürs Team, fürs Unternehmen, für einen selbst.

Blöd nur, dass genau das niemand wirklich vorbereitet. Empathie? Fingerspitzengefühl? Kommunikation auf Augenhöhe? Steht in keinem Einarbeitungsplan. Sollte es aber. Denn ohne das wird Führung schnell zur Überforderung, für alle Beteiligten.

Lese-Tipp: Führungsschwäche: Wenn Chefs nicht führen

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Rushhour des Lebens

Laut AUCTORITY-Studie fühlen sich 61,6 % der befragten Führungskräfte dauerhaft erschöpft. Besonders betroffen: Frauen in Führungspositionen zwischen 30 und 39 Jahren. Die also, die mitten in der Rushhour des Lebens stehen. Zwischen Kita, Elternabenden und Teammeeting. Die, die alles gleichzeitig wuppen sollen, beruflich und privat. Kein Wunder, dass da irgendwann die Luft raus ist.

Denn auch das ist Führung: Morgens um 8 Uhr im Meeting sitzen, während der Kopf noch bei der anstehenden Mathearbeit des Kindes ist. Nachts um halb elf noch Mails beantworten, weil der Tag mal wieder nur 24 Stunden hatte. Und dabei soll man bitte noch empathisch, klar, motivierend und souverän auftreten. Jeden Tag. Führung heißt eben nicht nur Job machen. Führung heißt Stimmung machen. Und das ist zermürbend, wenn man selbst kaum noch Saft hat.

Gute Miene, hoher Druck

Aktuell ist vielerorts so eine Art Dauerstimmungspflicht ausgebrochen. Vorne gute Laune, hinten gute Laune, oben gute Laune, unten gute Laune. Power und Motivation sind die Mantren in wirtschaftlich kriselnden Zeiten. Schließlich will man nicht das nächste Unternehmen sein, das Stellen abbaut oder Umsatzeinbrüche verkraften muss.

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Alle sollen lächeln, motivieren, funktionieren. Und mittendrin: die Führungskraft. Die soll Stabilität schaffen, Ruhe ausstrahlen, souverän bleiben, egal, wie turbulent der Joballtag auch ist. Dabei steht sie selbst unter Dauerbeobachtung. Da wird genau beäugt, wie man reagiert und agiert. Wie man Entscheidungen begründet oder eben nicht. Nicht selten wartet da jemand auf einen Fehler. Oder auf den Moment, in dem man schlapp macht. Am eigenen Stuhl wird doch ständig gesägt. Und dann kommt der Gedanke: Vielleicht bin ich hier doch fehl am Platz.

Und: Wer eine Führungsposition anstrebt, braucht mehr als den Wunsch, beruflich weiterzukommen. Es braucht Menschenkenntnis. Und vor allem Lust auf Menschen. Denn Führung heißt nicht nur entscheiden, sondern in erster Linie begleiten. Wer Teams entwickeln will, muss zuhören können. Ermutigen. Aushalten. Mitgehen. Nicht alles kontrollieren, aber trotzdem da sein. Empathie und Fingerspitzengefühl gehen Hand in Hand.

Gleiches Spiel, ungleiche Bezahlung

Aber statt Führung als Beziehungsarbeit zu begreifen, geht es oft um Zahlen, um Ergebnisse. Darum, möglichst effizient zu arbeiten. Darum, Präsenz zu zeigen. Selbst wenn man innerlich schon auf Reserve läuft. Und währenddessen bleibt vieles auf der Strecke: Familie, Freunde, das eigene Wohlbefinden. Man ist zwar körperlich anwesend, aber nur mit einem Ohr im Gespräch. Funktionieren statt fühlen.

Und das zahlt sich am Ende nicht (immer) aus. Der Gender Pay Gap ist auch in der Führungsetage bitterer Alltag. Frauen verdienen nach 10 Jahren Berufserfahrung im Schnitt 20.000 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen. Gleiche Rolle, gleicher Stress, weniger Geld. Herzlichen Glückwunsch.

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