Ein anspruchsvolles Studium, schlaflose Nächte vor Prüfungen, mühsam angesammeltes Fachwissen und Jahre voller praktischer Fehler, aus denen man gelernt hat: Das war bislang die unumstößliche Währung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Wer Karriere machen oder zumindest ein anständiges Gehalt verhandeln wollte, musste Qualifikation und Berufserfahrung vorweisen. Doch diese alte Gewissheit bekommt Risse. Und die Schaufel, die an ihrem Fundament gräbt, heißt Künstliche Intelligenz.
Wie sehr Algorithmen die Spielregeln unserer Arbeitswelt bereits verändern, zeigt eine aktuelle Befragung des Münchner ifo-Instituts. Mittlerweile geben mehr als die Hälfte aller deutschen Unternehmen (54,5 Prozent) an, Künstliche Intelligenz in ihren Geschäftsprozessen einzusetzen. Und für einen bemerkenswerten Teil dieser Betriebe ist die Technologie längst mehr als nur ein nettes Werkzeug zur Effizienzsteigerung. Sie wird zum potenziellen Ersatz für teures Personal.
Die herbeigesehnte Abkürzung
Knapp 20 Prozent der Unternehmen, die bereits KI anwenden, halten es laut der ifo-Studie für leicht oder sehr leicht, akademisch ausgebildete Arbeitskräfte mit Fach- oder Hochschulabschluss zu ersetzen. Der Plan dahinter ist so simpel wie verlockend: Statt einer hochqualifizierten Fachkraft stellt man eine Arbeitskraft ohne Abschluss ein, die bei ihren Aufgaben von einer intelligenten Software unterstützt und angeleitet wird.
„KI verändert die Arbeitswelt und kann in manchen Bereichen auch formale Qualifikationen und Erfahrungen teilweise ersetzen“, erklärt ifo-Forscherin Anna Ruffert die Ergebnisse.
Dabei macht es offenbar kaum einen Unterschied, ob es sich um einen Weltkonzern oder einen kleinen Handwerksbetrieb handelt: Die Einschätzungen sind über alle Unternehmensgrößen hinweg nahezu identisch.
Der Effekt zeigt sich allerdings nicht nur bei akademischen Titeln, sondern rüttelt auch an einem anderen Heiligtum der Arbeitswelt: der Seniorität. Rund 15 Prozent der befragten KI-Nutzer sehen es als leicht oder sehr leicht an, eine erfahrene Arbeitskraft durch eine unerfahrene zu ersetzen, die stattdessen mit KI-Unterstützung arbeitet.
Der Handel prescht voran
Besonders stark ausgeprägt ist dieser Trend im Handel. Hier scheinen die Hürden für den digitalen Austausch am niedrigsten zu sein:
- Ersetzbarkeit von Abschlüssen: Sagenhafte 28,6 Prozent der Handelsunternehmen halten es für leicht oder sehr leicht, Hochschulabsolventen durch KI-unterstützte Kräfte ohne Abschluss zu ersetzen.
- Ersetzbarkeit von Berufserfahrung: Fast jedes vierte Unternehmen im Handel (22,9 Prozent) traut sich zu, erfahrene Mitarbeiter problemlos durch KI-gestützte Berufsanfänger auszutauschen.
In anderen Branchen ist man noch etwas zurückhaltender, wenngleich die Tendenz ähnlich ist. Bei den Dienstleistern halten immerhin 19,7 Prozent den Austausch von Akademikern für leicht machbar, gefolgt vom Verarbeitenden Gewerbe mit 14,6 Prozent. Das Schlusslicht bildet das Bauhauptgewerbe mit 9,3 Prozent.
Geht es um das Ersetzen von echter Berufserfahrung, zeichnet sich ein ähnliches Gefälle ab: Hinter dem Handel (22,9 Prozent) folgen die Dienstleister mit 14,5 Prozent, das Verarbeitende Gewerbe mit 12,6 Prozent und das Bauhauptgewerbe mit 7,7 Prozent.
Aus den Zahlen lässt sich eine klare Tendenz ablesen: „Berufserfahrung ist für Unternehmen offenbar etwas schwerer durch KI zu kompensieren als formale Abschlüsse“, stellt ifo-Forscherin Ruffert fest. Der gesunde Menschenverstand, das Fingerspitzengefühl und die Intuition, die man erst nach Jahren im Job entwickelt, lassen sich eben nicht so leicht in Zeilen von Programmcode pressen wie reines Fachwissen.
Keine Panik auf dem Arbeitsmarkt
Bedeutet das nun das kollektive Aus für Akademiker und erfahrene Fachkräfte? Werden Jobcenter bald von arbeitslosen Managern und Ingenieuren überschwemmt?
Die Daten des ifo-Instituts liefern hier ein klares „Nein“ oder zumindest ein deutliches „Noch nicht“. Denn trotz der technologischen Sprünge bleibt die Mehrheit der Unternehmen skeptisch, was den radikalen Austausch von Personal angeht.
Mehr als die Hälfte der Betriebe (55,4 Prozent), die KI bereits aktiv nutzen, schätzen es als schwer oder gar unmöglich ein, eine akademisierte Arbeitskraft durch eine KI-unterstützte, weniger qualifizierte Kraft zu ersetzen. Wenn es um das Ersetzen von erfahrendem Personal durch unerfahrene KI-Nutzer geht, liegt dieser skeptische Anteil sogar bei deutlichen 62,7 Prozent.
Die digitale Transformation ist also im vollen Gange, doch sie vollzieht sich nicht schlagartig, sondern Schritt für Schritt. Klar ist: Die KI wird die Fachkraft so schnell nicht arbeitslos machen. Aber die Fachkraft, die lernt, mit der KI umzugehen, wird in Zukunft jene ersetzen, die sich der Technologie verweigern.

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