73,5 Stunden Arbeit in einer Woche – diese Marke bestimmt seit Tagen die Debatte um die Reform des Arbeitszeitgesetzes. Sollte der gesetzliche Acht-Stunden-Tag fallen und nur noch eine wöchentliche Höchstgrenze im Durchschnitt gelten, wären solche Extremwochen rechnerisch möglich. Schon heute arbeiten 4,4 Millionen Beschäftigte in Deutschland regelmäßig mehr, als ihr Arbeitsvertrag eigentlich vorsieht. 15 Prozent von ihnen leisten sogar mehr als 15 Stunden Mehrarbeit pro Woche. Was richten lange Arbeitszeiten eigentlich im Kopf an?

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Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Studie zeigt, dass 32 von 110 Beschäftigten, die regelmäßig über 52 Stunden arbeiten, ein 19 Prozent größeres Volumen haben.
  • Langzeitstress und Schlafmangel führen zu messbaren Veränderungen im Gehirn.
  • Die WHO berichtet, dass Überarbeitung ein erheblicher Risikofaktor für Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme ist.
  • Die Studie ist klein und untersucht nur das Gesundheitswesen in Südkorea.
  • Tipps zur Stressreduktion sind das Tracken der Arbeitsstunden, ausreichend Schlaf, Arbeitszeiten begrenzen und Spielraum bei der Arbeit nutzen.

Auf diese Frage gibt es jetzt eine messbare Antwort. Ein Forschungsteam der südkoreanischen Yonsei, Chung-Ang und Pusan National University hat zwischen 2021 und 2023 die MRT-Aufnahmen von 110 Beschäftigten im Gesundheitswesen ausgewertet. 32 von ihnen arbeiteten regelmäßig mindestens 52 Stunden pro Woche – die gesetzliche Obergrenze im südkoreanischen Arbeitsrecht. Bei genau dieser Gruppe fanden die Forscher den linken mittleren Stirnlappen im Schnitt 19 Prozent größer als bei der Vergleichsgruppe. Diese Region steuert Planung und Entscheidungen.

Ab wann gilt Arbeit als „zu viel“?

Die 52-Stunden-Grenze stammt aus dem südkoreanischen Arbeitsrecht und gilt dort als gesetzliche Obergrenze für reguläre Wochenarbeitszeit. Wer regelmäßig darüber liegt, gilt als überarbeitet, mit erhöhten Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Probleme und kognitive Einbußen.

In Deutschland erlaubt das Arbeitszeitgesetz aktuell maximal acht Stunden pro Tag, in Ausnahmefällen zehn, im Schnitt 48 Stunden pro Woche. Genau die Tagesgrenze will die Bundesregierung kippen. Übrig bliebe die Wochenregelung – und damit Spielraum für Extremwochen mit bis zu 73,5 Stunden, weit über der Schwelle der Korea-Studie.

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Wie folgenreich überlange Arbeitszeiten weltweit sind, haben WHO und ILO 2021 erstmals quantifiziert. Rund 745.000 Menschen starben demnach 2016 weltweit an Schlaganfällen und Herzerkrankungen, die direkt auf zu lange Arbeitszeiten zurückgehen. Damit ist Überarbeitung laut WHO der berufliche Risikofaktor mit der größten Krankheitslast – verantwortlich für rund ein Drittel aller arbeitsbedingten Erkrankungen.

Schon gewusst?: Am häufigsten leisten Beschäftigte in der Finanz- und Versicherungsbranche regelmäßig Überstunden (17 %), gefolgt von der Energieversorgung (16 %). Am seltensten ist Mehrarbeit im Gastgewerbe mit 6 Prozent (Destatis 2024).

Warum mehr Hirnvolumen kein gutes Zeichen ist

Auf den ersten Blick könntest man das Plus an Hirnvolumen für ein gutes Zeichen halten. Graue Substanz wächst auch dann, wenn du eine neue Sprache oder ein Instrument erlernst. Hirnforscher sprechen dabei von positiver Neuroplastizität.

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Bei chronischem Stress wächst das Gehirn ebenfalls, aber aus einem anderen Grund. Auch bei Menschen mit Depressionen oder Angststörungen sind einzelne Hirnregionen vergrößert. Das Gehirn passt sich schlicht an die Dauerbelastung an. Wenn diese Belastung zu lange anhält, kann die Anpassung in Funktionsstörungen umschlagen.

Genau so deuten die Autoren der Korea-Studie ihren Befund – das größere Volumen entsteht vermutlich, weil das Gehirn auf Dauerstress reagiert. Es könnte ein früher Vorbote für die Beschwerden sein, die bei Überarbeiteten epidemiologisch längst dokumentiert sind: nachlassende Konzentration, depressive Verstimmungen, Angstsymptome.

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Was hinter den Veränderungen steckt

Hinter den Veränderungen vermuten die Forscher zwei Treiber – chronischen Stress und Schlafmangel. Klar, wer regelmäßig sehr lange arbeitet, kommt kaum noch zur Ruhe. Schlafmangel und Dauerstress verändern beide nachweislich die graue Substanz im Gehirn.

Je länger die Wochenstunden, desto deutlicher die Veränderungen in einigen Regionen – am stärksten im linken mittleren Stirnlappen und in der Insula, einer Region für Körperwahrnehmung und Gefühlsverarbeitung.

Was du daraus für dich ableiten kannst

Die Studie ist eine Pilotuntersuchung mit kleiner Stichprobe und Fokus auf Klinikpersonal in Südkorea. Die Zahlen lassen sich nicht eins zu eins auf unsere hiesige Arbeitswelt übertragen. Vier Hebel hast du trotzdem in der Hand.

Hebel #1: Deine gesamte Wochenarbeitszeit tracken. Viele Beschäftigte unterschätzen, wie viele Stunden sie tatsächlich arbeiten. Tracke eine Woche lang alles, inklusive Mails am Abend, WhatsApp-Nachrichten am Wochenende und auch deine Gedanken über arbeitsrelevante Dinge beim Joggen. Danach hast du eine Vorstellung davon, wie viel Zeit dein Job konkret einnimmt.

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Hebel #2: Genug Schlaf einplanen. Sieben bis acht Stunden braucht dein Gehirn, um die Belastung des Tages zu verarbeiten. Wer dauerhaft darunter bleibt, gibt Körper und Geist schlicht nicht die Pause, die es zur Regeneration braucht.

Hebel #3: Der Arbeitstag braucht ein Ende. Wer am Abend keine Mails mehr beantwortet, am Wochenende abschaltet und seinen Urlaub auch tatsächlich nimmt, unterbricht den Dauerlauf, den die südkoreanischen Forscher im Gehirn nachweisen.

Hebel #4: Möglichen Spielraum nutzen. Wer über Pace, Pausen und Inhalte selbst entscheidet, kommt mit hohen Arbeitszeiten messbar besser zurecht. Wenn du deine Arbeitsstunden nicht reduzieren kannst, kannst du ebentuell das Wie verändern.

Wo die Studie ihre Grenzen hat

Die Forscher selbst sind vorsichtig in ihren Schlüssen. Vier Einschränkungen solltest du im Kopf behalten.

  • Erstens handelt es sich um eine Querschnittsstudie. Sie zeigt einen Zusammenhang, aber keine eindeutige Ursache-Wirkung-Kette. Theoretisch könnten die strukturellen Unterschiede auch schon vor der Überarbeitung bestanden haben.
  • Zweitens ist die Stichprobe klein und beschränkt sich auf Beschäftigte im Gesundheitswesen. Andere Berufsgruppen und Länder müssen separat untersucht werden.
  • Drittens klärt die Studie nicht, was die Volumenveränderungen für dein tägliches Denken, Fühlen und Entscheiden konkret bedeuten. Dafür braucht es Langzeitstudien mit wiederholten Scans.
  • Viertens spielt der Lebensstil eine Rolle. Als die Forscher Rauchen, Alkohol und Sport in einer zusätzlichen Auswertung berücksichtigten, war der 19-Prozent-Unterschied im Stirnlappen nicht mehr eindeutig nachweisbar. Andere Befunde blieben stabil. Lebensgewohnheiten dürften also einen Teil der Effekte miterklären.

Nachgefragt: Wie viele Stunden arbeitest du in einer typischen Woche, inklusive Mails und Calls nach Feierabend und am Wochenende? Und merkst du Spuren der Belastung an deiner Konzentration oder deinem Schlaf?

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