Personalnot trifft auf Energiekrise: Fachkräfte fehlen, doch die ersten Beschäftigten werden wegen explodierender Energiekosten entlassen. Worauf müssen wir uns gefasst machen?

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Inflation, Krieg, steigende Energiekosten: Nach Corona haben sich weitere globale Krisen ergeben, welche sämtliche Bereiche des Lebens hart treffen. Aktuell rückt die sogenannte „Entlassungswelle“ in Deutschland in den Fokus, die droht, zur Realität zu werden. Während einige Beschäftigte ihre Arbeitsplätze in den letzten Monaten freiwillig aufgaben, um sich umzuorientieren, kommt es derzeit vermehrt zu Kündigungen seitens der Arbeitgeber:innen.

Wegen der Energiekrise stehen Unternehmen vor einer finanziellen Herausforderung. Laut des Ifo-Instituts München würde die Einstellungsbereitschaft der deutschen Firmen sinken und am Arbeitsmarkt kehre zudem „Vorsicht“ ein, heißt es weiter. Es sei damit zu rechnen, dass Personalpläne vor allem im Einzelhandel überarbeitet werden, wozu auch die allgemeine Kaufzurückhaltung der Konsument:innen beitragen würde.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) weist ebenfalls auf das Resultat der wirtschaftlichen Unsicherheit hin. Dem Arbeitsmarktentwicklungsbericht für Oktober 2022 nach wäre der Arbeitsmarkt zwar insgesamt robust. Aber Firmen würden immer weniger Personal einstellen. Die Kurzarbeit würde zudem wieder in den Fokus rücken.

Jede vierte Firma erwägt Entlassungen

Die BA teilte im Juli 2022 mit, dass die Arbeitslosenzahl auf knapp 2,47 Millionen angestiegen sei. Der Grund sei die Folge des russischen Angriffskrieges. Denn viele ukrainische Flüchtlinge wären im Sommer, so die Agentur weiter, bei den Ämtern registriert worden, was eine Auswirkung auf die aktuelle Statistik habe. Das bedeutet, dass es hierzulande nicht zu einer plötzlichen Entlassungswelle kam, welche die Arbeitslosenquote in die Höhe getrieben hat. Vielmehr ist es die traurige Realität der Geflüchteten, die dazu führte, dass die Zahlen sich verändert haben.

Aber nicht nur Krieg und Flucht haben die Menschen hierzulande berührt und erschüttert. Die Energiekrise hat uns direkt getroffen. Viele deutsche Beschäftigte sorgen sich um ihren Job. Denn: Dass Deutschland besonders tief in der (finanziellen) Krise als Folge des Energieproblems steckt, bekommen Firmen nun zu spüren. Aus einer aktuellen – von der Stiftung Familienunternehmen beauftragten – Umfrage geht hervor, dass jedes vierte deutsche Unternehmen hierzulande einen Stellenabbau plant. Angesichts der Tatsache, dass die Gaspreise explodieren, überrascht diese Entwicklung jedoch wenig.

Müssen wir uns vor einer Massenarbeitslosigkeit fürchten?

Weil es bereits während der Pandemie zu Kurzarbeit und krisenbedingten Kündigungen kam, haben viele Beschäftigte erst kürzlich wieder eine neue Stelle angenommen. In der Gastronomie, im Handel, im sozialen Bereich – noch immer fehlt es an Personal.

Und doch stellt sich jetzt die Frage: Stehen wir wegen der steigenden Energiekosten, die Unternehmen sich nicht mehr leisten können, vor einer Massenarbeitslosigkeit?

Eine klare Antwort fehlt, doch es zeigen sich Tendenzen: Die größte Sorge bereitet derzeit die Gaslieferung. Der Lieferstopp über Nord Stream 1 heizt die Preise ordentlich an – und Firmen müssen entscheiden, wo sie sparen und ob Entlassungen die Lösung sind. Zudem kommt es zu Produktionsstopps und Lieferengpässen, was die ganze wirtschaftliche Situation verschärft.

Viele Unternehmen mussten bereits einen Teil ihrer Belegschaft kündigen oder Sparmaßnahmen erarbeiten. Dazu gehören zum Beispiel McMakler, Klarna, Gorillas, Smava und Artnight. Es scheint, als stünden Firmen vor einem gewaltigen Problem – denn sie müssen Entscheidungen treffen, die sie nicht leichtfertig fällen können.

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Institut der deutschen Wirtschaft (IW): 2023 könnten 307.00 Beschäftigte Jobverlust wegen Gaspreise erleiden

Berechnungen des IW zeigen, dass die Gasproblematik hierzulande drastisch zunehmen und im Jahr 2023 ernste Folgen haben könnte, sofern die Situation sich weiter verschärft. Demnach wäre es möglich, dass etwa 307.000 Arbeitnehmer:innen im kommenden Jahr wegen der Krise ihre Stelle verlieren könnten. Die Gas- und Ölknappheit würde sich im Winter finanziell noch einmal bemerkbar machen.

Die gute Nachricht: Entlassungen finden nicht mehr ganz so schnell statt, wie es früher beispielsweise der Fall war. Aus Krisen hat man gelernt, etwa aus der letzten globalen Finanzkrise. Ökonom Holger Schäfer (IW) weist in diesem Zusammenhang auf das strategische „Horten von Arbeitskräften“ (engl.: labour hoarding) hin.

Weil Unternehmen wissen, dass qualifizierte Arbeitskräfte rar sind, ist für die Firmen, die ihre Mitarbeiter:innen aktuell nicht kündigen, eine Entlassung das letzte Mittel. Deshalb sprechen Ökonom:innen vermehrt vom Phänomen des Hortens. Arbeitskräftehorten bedeutet laut Definition des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Personal trotz wirtschaftlicher Krisen zu behalten.

Grund für die „Bevorratung“ könnte sein, dass es – wenn die Zeiten wieder besser werden – auch danach noch schwierig sein wird, an qualifiziertes Personal zu kommen.

ARD-DeutschlandTrend: 83 Prozent befürchten, ihren Job zu verlieren

Die Angst davor, dass Menschen ihre Stellen verlieren werden, ist real. Die Mehrheit der Befragte im ARD-DeutschlandTrend – an der Zahl sind es 83 Prozent – rechnen damit, dass Beschäftigte ihre Jobs wegen der Energieproblematik bald entlassen werden könnten. Die Meinung würden die Befragten, unabhängig von ihrem eigenen sozialen Status und ihre Einkommen, grundsätzlich teilen. Kleine Unterschiede gab es dennoch bei der Befragung. So zeigte sich beispielsweise, dass die Generation 50 plus sich insgesamt besorgter zeigte.

Ob Krieg, Inflation oder Energiekrise: Alles deutet darauf hin, dass Wohlstand und Wirtschaft gefährdet sein könnten. Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände Rainer Dulger spricht von einem Rückfall im internationalen Wettbewerb wegen der Energiekrise. Im Vergleich würden Länder wie China, Indien oder Japan nicht vor solch einem massiven Gasproblem stehen. Es könne so schnell passieren, dass es hierzulande zu Lieferengpässen kommt.

Sind die Sorgen der Deutschen also generell berechtigt? Fest steht, dass Arbeitnehmer:innen unter der Situation leiden – und sich vor dem Jobverlust fürchten. Einen kleinen Trost könnte die Tatsache darstellen, dass Personal und qualifizierte Fachkräfte weiterhin gefragt sein werden – vor allem, wenn die globale und wirtschaftliche Lage sich wieder beruhigt.

Menschen suchen nach „Krisensicherheit“ in schwierigen Zeiten

Immer wieder sind mittlerweile Stellenanzeigen zu lesen, zuletzt auch als Folge der Pandemie, welche mit dem Attribut „krisensicher“ werben. In unsicheren Zeiten, in denen Menschen nach Halt suchen, ist das für Unternehme eine gute Taktik, mit der sie fahren, um die Bedürfnisse von Beschäftigten zu erfüllen.

Obwohl eine Massenarbeitslosigkeit nicht ganz so schnell eintritt, auch nicht unbedingt als Konsequenz der verschiedenen Krisen, sollten die Folgen dieser globalen Krisen nicht unterschätzt werden. Es bleibt weiterhin offen, wie der Arbeitsmarkt sich entwickeln wird – und was passiert, wenn sich zum Beispiel die Gaspreise weiter erhöhen.

Fazit

Bereits die Pandemie hat gezeigt, dass die Folgen den Arbeitsmarkt bedeutend beeinflussen und die Zusammenhänge einer Krise komplex sein können. Worauf müssen wir uns also gefasst machen? Grundsätzlich ist vorauszusehen, dass die Energiepreise weiter ansteigen werden. Deshalb ist auch damit zu rechnen, dass Unternehmen sparen müssen. Ob es das Personal trifft oder ob anderweitige Lösungen möglich sind, an denen sich die Regierung beteiligen wird – das wird sich zeigen.

Auch wenn Ängste und Sorgen zunehmen: Es bleibt generell nur die Möglichkeit, auf das Beste zu hoffen – in Zeiten, in denen es vielen Menschen schwerfällt, privat und im Job an „Krisensicherheit“ zu glauben.

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Bildnachweis: sorbetto/istockphoto.com