Man stelle sich zwei Mitarbeiter vor. Der eine sitzt fast jeden Tag im Büro, der andere arbeitet überwiegend von zu Hause. Wer von beiden ist engagierter? Und wer schaut sich heimlich nach einem neuen Job um? Die Antwort könnte des Öfteren der im Homeoffice lauten. Aber warum?

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Der „State of the Global Workplace“ (Vorgänger-Report 2025) stützt sich auf Befragungen von mehr als 180.000 Beschäftigten in über 90 Ländern, erhoben 2024. Zwei Befunde aus diesem Report passen auf den ersten Blick nicht zusammen. Vollständig remote Arbeitende sind weltweit die engagierteste Gruppe. Und 57 Prozent von ihnen beobachten den Arbeitsmarkt oder suchen aktiv eine neue Stelle.

Das Wichtigste in Kürze

  • Remote-Beschäftigte sind laut Gallup global die engagierteste Gruppe, vor Hybrid- und Vor-Ort-Arbeitenden.
  • Gleichzeitig sind 57 Prozent der Remote-Arbeitenden offen für einen Jobwechsel.
  • Hohe Wechselbereitschaft bedeutet also nicht automatisch innere Kündigung.
  • Bindung entsteht nicht durch den Arbeitsort, sondern durch die Qualität der Beziehungen.

Engagiert und auf dem Sprung — wie passt das zusammen?

Engagement misst, wie sehr sich jemand mit seiner Arbeit, seinem Team und seinem Arbeitgeber verbunden fühlt. Wechselbereitschaft misst etwas anderes: ob jemand sich nach Alternativen umsieht. Lange galt die Annahme, beides hänge eng zusammen. Wer brennt, bleibt. Wer geht, hatte innerlich längst gekündigt.

Die Remote-Zahlen brechen diese Logik auf. Jemand kann seine Aufgaben lieben und trotzdem den Markt im Blick behalten. Gerade im Homeoffice fehlen häufig die Dinge, die ein Büro nebenbei liefert: der Aufstieg, der sich aus Sichtbarkeit ergibt. Das Gespräch auf dem Flur, das eine neue Rolle anstößt. Die Beförderung, die man bekommt, weil die Chefin einen jeden Tag arbeiten sieht. Wer remote arbeitet, ist seltener im Blickfeld. Und schaut sich vielleicht gerade deshalb dort um, wo er den nächsten Schritt schneller machen kann.

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Die 57 Prozent sind also nicht zwangsläufig ein Alarmsignal für Unzufriedenheit. Sie können genauso gut für fehlende Perspektive stehen: Wer im Homeoffice keine Entwicklung sieht, sucht sie woanders, auch wenn ihm der aktuelle Job gefällt.

Was die Daten nicht hergeben

Hier lohnt ein ehrlicher Blick auf das, was die Studie nicht sagt. Eine saubere Staffelung nach dem Motto „je weiter weg vom Büro, desto geringer die Bindung“ gibt Gallup nicht her. Im Report von 2023 waren es nicht die Remote-Arbeitenden, sondern die Hybrid-Beschäftigten, die mit 58 Prozent am wechselbereitesten waren. Vor remote (50 Prozent) und Vor-Ort-Kräften (42 Prozent).

Hinweis: Die Zahlen verschieben sich von Jahr zu Jahr und je nach Arbeitsmodell. Wer daraus eine einfache Formel „Distanz kostet Loyalität“ baut, überdehnt die Daten. Gallup misst, dass Gruppen sich unterscheiden, nicht zwingend, warum. Den Grund liefert die Statistik nicht mit.

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Nähe lässt sich nicht über Tools herstellen

Trotzdem steckt im Befund eine Wahrheit, die Unternehmen ernst nehmen sollten. Je seltener der direkte Kontakt zu Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzten, desto mehr Arbeit macht es, Verbindung überhaupt entstehen zu lassen. Sie passiert nicht mehr von allein.

Früher erledigte der Arbeitsplatz das nebenbei: die Kaffeepause, der Flur, das gemeinsame Mittagessen. Diese Beiläufigkeit ist weg. Und der verbreitete Glaube, man könne sie über Slack-Kanäle, Meetings und hybride Policies ersetzen, trägt nur halb. Kein digitales Tool ersetzt das Gespräch, bei dem zwei Menschen merken, dass sie einander wichtig und nahbar sind.

Wie Menschen ihre Arbeit erleben, hängt weit stärker von ihrer Beziehung zum Team und zur Führungskraft ab als davon, ob sie remote oder vor Ort sitzen. Der Arbeitsort ist also nicht die entscheidende Stellschraube. Die Beziehung ist es. Fred Eichwald

Zurück ins Büro ist nicht die Antwort

Es wäre zu einfach, jetzt auf eine „Alle zurück ins Büro„-Logik umzuschalten. Präsenz allein schafft keine Bindung. Viele Büros haben die Pandemie überstanden, ihre Kultur und ihr Drive aber nicht. Wer Menschen nur an einen Ort zwingt, an dem man kaum mehr miteinander redet, gewinnt nichts.

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Entscheidend ist nicht der Raum. Entscheidend sind Anlässe, die wieder Verbindung schaffen, statt nur Informationen auszutauschen. Dafür gibt es konkrete Hebel:

  • Gemeinsame Bürotage mit klarem Fokus auf Austausch statt auf Anwesenheitskontrolle
  • Team-Retreats und Offsite-Workshops, die Raum für Persönliches lassen
  • Hybride Formate, die Remote- und Vor-Ort-Leute gleichwertig einbinden
  • Informelle digitale Rituale wie virtuelle Kaffeerunden oder After-Work-Chats

Der Punkt dahinter: Bindung ist heute eine aktive Aufgabe. Früher trug der Arbeitsplatz sie, heute liegt sie bei Führungskräften, bei HR und bei jedem Einzelnen. Unternehmen haben die räumliche Kontrolle verloren, aber selten eine kulturelle Alternative aufgebaut. Genau dort entstehen die Kosten: durch Fluktuation, verlorenes Wissen, sinkenden Einsatz.

Arbeit ist auch Beziehung

Remote, hybrid oder vor Ort: Der Arbeitsort ändert wenig, solange die Verbindung fehlt. Arbeit ist mehr als ein Vertrag, der Leistung gegen Geld tauscht. Sie ist immer auch Beziehung. Zwischen Menschen, die sich sehen, die einander zuhören, denen der andere nicht egal ist. Wird diese Beziehung nicht gepflegt, wird Arbeit still und belanglos, und der Mensch sucht sich woanders, wo er gesehen wird.

Nachgefragt: Die eingangs gestellte Frage war, warum ausgerechnet die engagiertesten Mitarbeiter auf dem Sprung sind. Die ehrliche Antwort: Engagement hält niemanden, wenn die Perspektive fehlt und die Verbindung dünn wird. Wie viel Nähe braucht Loyalität in deinem Team, und wer kümmert sich bei euch eigentlich darum? 

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