Als Coinbase 14 Prozent seiner Belegschaft entließ – rund 700 Menschen –, ging es um mehr als eine bloße Sparmaßnahme. Es war das Signal für einen Umbau der gesamten Branche: Die Zeit der reinen Verwalter endet. Wer im Unternehmen bleibt, muss zum „Player-Coach“ werden. In der Praxis bedeutet das: Wer führt, schreibt auch wieder selbst Code, prüft Designs oder entwickelt Produkte mit. Die Hierarchie wird dabei auf maximal fünf Ebenen zusammengestrichen.

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Wenig später griff Airbnb-Chef Brian Chesky den Gedanken auf. Gegenüber Business Insider stellte er fest, dass künftig die Arbeit im Mittelpunkt der Führung steht – die reine Personalverwaltung verliert an Bedeutung. Auch Block-Gründer Jack Dorsey betonte bereits im März, dass eine dauerhafte mittlere Managementebene überflüssig geworden ist.

Drei Tech-Größen schlagen denselben Weg ein. Und die Zahlen untermauern diesen Kurs. Laut einer Prognose der Marktforscher von Gartner vom Oktober 2024 wird bis zum Jahr 2026 jedes fünfte Unternehmen Künstliche Intelligenz nutzen, um die Hälfte der mittleren Managementposten abzubauen.

 Algorithmen rücken der Führungsebene auf den Leib

Diese Entwicklung erreicht auch den deutschen Arbeitsmarkt. Der Job-Futuromat des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, wie stark Führungspositionen unter Druck geraten: Bei Filialleitern lassen sich heute bereits 57 Prozent der Aufgaben automatisieren, bei Brand Managern 42 Prozent und bei Persomalleitern ganze 70 Prozent. Selbst Geschäftsführer kommen auf 55 Prozent.

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Wenn die KI Berichte schreibt, Schichten plant, Entscheidungsgrundlagen aufbereitet und Lösungen vorschlägt – was bleibt dann für den Menschen im Chefsessel? Welche Fähigkeiten retten den eigenen Job? Die Forschung nennt vier Kernpunkte. Mit klassischem Verwalten haben sie wenig gemeinsam.

Warum reine Führung ihren Wert verliert

Daryl Plummer von Gartner benennt den Kern des Problems: Ein Großteil der Arbeit mittlerer Manager bestand bisher darin, Informationen zwischen den Ebenen der Organisation zu teilen. Das erledigt eine KI heute sofort und genauer.

Diese Übersetzungsleistung zwischen oben und unten hat jahrzehntelang eine ganze Berufsschicht definiert. Im KI-Zeitalter verliert dieser Informationsvorsprung jedoch an Relevanz. Bei Amazon hat CEO Andy Jassy daraus eine klare Vorgabe gemacht: Bis zum ersten Quartal 2025 sollte die Quote zwischen ausführenden Mitarbeitenden und Managern um mindestens 15 Prozent steigen. Im Juni 2025 meldete der Konzern den Vollzug dieser neuen Struktur.

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Die vier Überlebensstrategien für Führungskräfte

 1. Selber mitarbeiten: Der Player-Coach

Brian Armstrong von Coinbase prägte im Mai 2026 den Begriff „Player-Coach“. Wer führt, muss auch selbst auf dem Platz stehen. Wer ein Produktteam leitet, baut aktiv am Produkt mit. Brian Chesky von Airbnb zieht den Vergleich zur Juristerei: Wer hier führt, muss tief im Fallrecht stecken. Eine Führungskraft bezieht ihren Wert heute aus fachlicher Substanz; das bloße Behalten des Überblicks reicht nicht mehr aus. Bei Amazon werden Beförderungen deshalb nicht mehr an die Größe eines Teams gekoppelt. Erfolg hat künftig, wer mit wenigen Ressourcen am meisten erreicht.

2. KI-Kompetenzen ausbauen

Wer die neuen Werkzeuge nicht selbst beherrscht, wird zum Flaschenhals für das gesamte Team. Eine Studie des Stifterverbands und McKinsey vom Januar 2025 liefert die Zahlen dazu: 79 Prozent der über 1.000 befragten deutschen Chefs geben an, dass es in ihren Unternehmen an KI-Kompetenz fehlt. 86 Prozent meinen, ihr Unternehmen schöpft das Potenzial von KI bei Weitem nicht aus. Und laut Bitkom haben 19 Prozent der deutschen Firmen als direkte Folge ihres KI-Einsatzes bereits Stellen abgebaut.

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3. Entscheidungen effizient und schnell treffen

In flachen Strukturen gibt es keinen Platz mehr für das Weiterreichen schwieriger Fragen nach oben. Wer eine Ebene streicht, löst damit auch den Schutzraum auf, in dem unbequeme Entscheidungen lange diskutiert werden konnten. Amazon hat hierfür eine Mailbox eingerichtet, über die Mitarbeiter überflüssige Regeln melden können – bis September 2025 wurden so 455 bürokratische Hürden abgebaut. Gefragt ist der Manager, der selbst entscheidet. Reine Freigabeschleifen haben ausgedient.

4. Menschen durch Vertrauen im Unternehmen halten

Korn Ferry hat im April 2025 rund 15.000 Beschäftigte weltweit befragt. Das Ergebnis: 80 Prozent bleiben in ihrem Job, weil sie ihrem Vorgesetzten vertrauen. Genau dort sitzt der wichtigste Hebel einer Führungskraft und genau dort kann KI aktuell nichts ausrichten.

Lese-Tipp: Nur noch 23 Prozent: Vertrauen in Führungskräfte auf Tiefstand

Vom Verwalter zum Spielertrainer

Der klassische People Manager alter Schule wird zur Ausnahme. Die Gartner-Prognose beschreibt die aktuelle Richtung – bei Amazon, Coinbase, Airbnb und Block ist das Modell bereits umgesetzt. Wer als Führungskraft bestehen will, verlässt die Zuschauerrolle und wechselt zurück in die aktive Rolle des Spielertrainers.

Verwendete Quellen

  • gartner.com: „Top Predictions for IT Organizations 2025+“ (englisch)
  • businessinsider.de: „Airbnb-CEO sieht Ende klassischer Führungskräfte“
  • fortune.com: „Coinbase didn’t just lay off 14% of its staff due to AI“ (englisch)
  • aboutamazon.com: „Message from CEO Andy Jassy“ (englisch)
  • stifterverband.org: „KI-Kompetenzen in deutschen Unternehmen“
  • bitkom.org: „Digitalisierung der Wirtschaft“ vom 11.3.2026
  • kornferry.com: „Workforce 2025: Power Shifts“ (englisch)
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