Im ersten Quartal nennt er dich Hoffnungsträger, vergibt das Prestigeprojekt an dich, lädt dich zum Mittagessen mit der Geschäftsführung ein. Im zweiten Quartal kommen die Anrufe um 22 Uhr, weil eine Folie nicht seinem Geschmack entspricht. Im dritten Quartal sitzt du beim Hausarzt – Schlafstörungen, Erschöpfung, Magenbeschwerden. Wer einmal unter einer narzisstischen Führungskraft gearbeitet hat, erkennt dieses Muster.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Narzisstische Führungskräfte zeigen einen typischen Zyklus aus Idealisierung, Entwertung und Kontrolle, der zu hohem Stress bei Mitarbeitern führt.
  • Charismatische Narzissten können Unternehmen anfangs nutzen, richten jedoch nach einiger Zeit Schaden an.
  • Nicht jeder Narzisst ist gleich; die Unterscheidung zwischen narzisstischen Zügen und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist entscheidend.
  • Bescheidene Narzissten können positive Eigenschaften zeigen und sind in der Lage, ihre Schwächen einzugestehen, was zu echtem Wachstum führt.

Narzissmus ballt sich in deutschen Chefetagen

Organisationspsychologe Marcus Heidbrink und sein Team untersuchten 2020 rund 10.000 Personen. Ja, Charismatische Narzissten nützen einem Unternehmen anfangs – nach anderthalb bis zwei Jahren richten sie Schaden an. Männer in Führungspositionen erreichten einen Narzissmuswert von 65,4 Prozent – der männliche Durchschnittsbürger lag bei 50,5 Prozent. Chefinnen liegen bei fast 62 Prozent und Frauen in der Durchschnittsbevölkerung lediglich bei etwas über 45 Prozent.

Narzisst ist nicht gleich Narzisst

Chef, Nachbar, Ex-Partner, sie alle werden mal als „Narzissten“ betitelt. Der inflationäre Gebrauch des Wortes, etwa im Zusammenhang mit Führungskräften, hat den Begriff zu einem Trend gemacht. Umso bedeutender ist die Unterscheidung von Menschen mit narzisstischen Zügen und Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Bei Letzteren handelt es sich um Personen mit einem pathologischen (krankhaften) Narzissmus, während narzisstische Züge in unterschiedlicher Ausprägung bei jedem Menschen vorkommen.

Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen können so vieles sein: Sie geben sich als gute Zuhörer und vermitteln Sicherheit, während sie dir in Wahrheit ein Messer in den Rücken rammen wollen. Es ist die Unberechenbarkeit, vor allem von narzisstischen Führungskräften, die viele Mitarbeiter ins Schwitzen bringt, zu Kündigungen führt und dem Unternehmen schadet.

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Drei-Phasen – So läuft die Arbeit unter einem Narzissten ab

Wer unter einer narzisstischen Führungskraft arbeitet, erkennt im Rückblick fast immer denselben Ablauf. Die Narzissmus-Forschung beschreibt seit Jahrzehnten einen Zyklus aus Idealisierung und Entwertung. Im Berufsalltag zeigt er sich in drei beobachtbaren Stufen.

Phase 1: Die Charme-Offensive. Am Anfang steht das übergroße Lob. Die neue Mitarbeiterin erhält besondere Aufmerksamkeit und exklusive Projekte. Vertrauen entsteht schnell. Der Effekt: Sie identifiziert sich mit dem Chef, will sie nicht enttäuschen, gibt mehr als nötig.

Phase 2: Die Entwertung. Sobald das erste Projekt abgeschlossen ist, wird der Ton rauer. Was gestern noch hervorragend war, taugt heute nichts. Der Erfolg wird umgeschrieben – der Chef hatte die Idee, das Team setzte um. Kritik kommt unangekündigt, häufig vor Publikum. Die Mitarbeiterin sucht den Fehler bei sich selbst.

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Phase 3: Die Kontrolle. Anrufe nach Feierabend, nachgereichte Aufgaben am Wochenende, Mikromanagement bei jeder Folie. Wer jetzt Grenzen zieht, ist aufmüpfig und illoyal. Wer sich anpasst, brennt aus. Krankschreibungen häufen sich, Kündigungen ebenfalls.

Nachwuchsführungskräfte tendieren häufig zum Narzissmus

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Menschen mit narzisstischem Verhalten werden trotz des toxischen Arbeitsklimas, das entsteht, gar belohnt und von Unternehmen gehalten. Es kommt immer wieder dazu, dass auch Nachwuchstalente, die zu Führungskräften aufsteigen, falsche Werte vermittelt bekommen. New Work ist deshalb nicht nur positiv besetzt: Gerade in Zeiten von Social Media und Selbstpräsentation ist die narzisstische Ader vieler ausgeprägter als früher.

Lese-Tipp: Was schlechte Chefs uns über gute Führung lehren

Warum dominieren Narzissten die Führungsetagen?

Man könnte meinen, dass Narzissten aufgrund ihrer schwierigen Persönlichkeit weniger Erfolg im Job haben, doch tatsächlich deuten nicht nur die Forschungen Heidbrinks auf ihren Machthunger und Erfolg hin. Deshalb finden wir Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen und auch Personen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung in den obersten Führungsetagen:

1. Sie sind charismatische Visionäre mit Ausstrahlung

Narzissten sind nicht immer leicht zu enttarnen. Mitarbeiter mit guter Menschenkenntnis haben ein feines Gespür dafür. Andere hingegen werden häufig zum Opfer der eigentlich charismatischen Visionäre, die anderen mit ihrer Art und ihrer Ausstrahlung in den Bann ziehen. „Gesunder“ Narzissmus, der anderen nicht schadet, kann sogar zu einer Bereicherung für Unternehmen werden, weil Führungskräfte dann in der Lage sind, Beschäftigte zu motivieren. Weil sie so inspirierend sein können und ihr wahres Wesen nicht sofort zeigen, schaffen sie es häufiger in die Chefetage.

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2. Sie sind Meister der subtilen Manipulation

Menschen mit starker narzisstischer Ausprägung wissen, wie sie Kollegen und Mitarbeiter subtil manipulieren können. Auch deshalb gelingt es ihnen, Menschen auf ihre Seite zu ziehen, bis sie den Aufstieg schaffen. Unauffällige Gesten und Gespräche im Berufsalltag, die eigentlich dazu dienen, Informationen zu sammeln, um andere angreifbarer zu machen, gehen unter, weil die Handlungen harmlos wirken.

3. Sie sind süchtig nach Macht und Anerkennung und deshalb hartnäckig

Der Lebensinhalt vieler Menschen, die Narzissten sind oder ausgeprägte narzisstische Züge haben, besteht aus Bestätigung und Machtstreben. Deshalb verwundert es wenig, dass sie in der Politik oder in Betrieben in Spitzenpositionen landen, denn alles, was darunter liegt, ist nicht gut genug. Wegen ihrer Hartnäckigkeit sind Narzissten deshalb kaum aufzuhalten, bis sie beispielsweise im Top-Management landen oder Positionen mit viel Entscheidungsmacht und Prestige einnehmen.

4. Sie sind schnell gelangweilt – und suchen deshalb den Kick in Form von Macht

Haben sie das eine Ziel erreicht, geht es bereits an das nächste Abenteuer. Denn Chefs, die Narzissten sind, kriegen nie genug. Sie sind schnell gelangweilt, weil ihr Durst nach Bestätigung nur kurz gestillt wird. Es ist eine unbändige Suche nach dem nächsten Kick, die aus einer tief verwurzelten Unsicherheit resultiert. Denn tief im Inneren sind sie verletzt, ängstlich und verunsichert, sodass die Selbstwerterhöhung oberste Priorität hat.

5. Sie überzeugen durch ein selbstbewusstes Auftreten

Man kann sagen, was man will: Narzissten haben es einfach drauf, wenn es um ein selbstbewusstes Auftreten geht. Eine eigentlich positive Eigenschaft, denn sie sind so von ihrem Sein überzeugt, dass sie sich auch in schwierigen Situationen selten beeinflussen lassen – auch wenn es tief in ihnen zu größeren Selbstzweifeln kommt. Ihre Eigenschaft, sich selbstsicher zu präsentieren, führt häufiger dazu, schneller aufzusteigen.

6. Sie treffen riskante Entscheidungen und überschreiten Grenzen

Narzissten scheuen sich nicht, Grenzen zu überschreiten oder unkonventionelle Wege zu gehen, wenn es ihren Zielen dient. Ihr Mut zum Risiko und die Bereitschaft, unbequeme Entscheidungen zu treffen, lassen sie in Situationen glänzen, in denen andere zögern. Ihre Entschlossenheit und Durchsetzungskraft verleiht ihnen Ansehen in der Geschäftsführung und macht sie für Spitzenpositionen attraktiv – auch wenn ihr Handeln manchmal das Unternehmen in Gefahr bringt.

Organisationspsychologe Adam Grant findet: Der „bescheidene Narzisst“ hat Potenzial als Führungskraft

Nicht alle Narzissten richten Schaden an, findet Psychologe Adam Grant. Es komme auf die Form an: So existierten beispielsweise die sogenannten „humble narcissists“ (bescheidene Narzissten), deren Ego zwar ebenfalls schnell gekränkt sei. Sie seien aber – im Gegensatz zu den anderen Narzissten – in der Lage, ihre Schwächen zuzugeben und offen mit ihren Makeln umzugehen. Fehler müssten nicht versteckt werden, wie es normalerweise der Fall ist. Denn Bestätigung sowie Anerkennung für ihre scheinbare Makellosigkeit ist eigentlich das Lebenselixier der so schnell gekränkten Narzissten.

Steve Jobs sei das beste Beispiel für einen bescheidenen Narzissten. Die Apple-Legende wurde erstmals im Jahre 1986 entlassen, sodass sich nach diesem ersten Mal Scheitern etwas änderte: Jobs sei demütiger aufgetreten, als er zurückkehrte. Mit seinen positiven Eigenschaften habe er es geschafft, Apple die Größe und den Ruhm zu verleihen, den das Unternehmen bis heute genießt.

Lese-Tipp: Steve Jobs wusste, was Menschen antreibt – und was sie vertreibt

Woran erkennt man bescheidene Narzissten in Führungsetagen?

1. Trotz narzisstischem Wesen wird versucht, Bescheidenheit und Demut zu verstehen

Zugegeben: Ganz so offensichtlich, wie man vielleicht glaubt, wird ein Narzisst, der bescheiden ist, mit seiner Bescheidenheit zunächst nicht auftreten. Es braucht Feingefühl und Zeit, um zu erkennen, dass Menschen mit narzisstischen Zügen versuchen, etwas zu verändern und einen besseren Umgang mit ihren Makeln zu finden. Sind Zeichen erkennbar, etwa das Zugeben von Fehlern, könnte dies jedoch ein Hinweis für einen demütigen Narzissten sein.

2. Der Versuch, sich zu ändern, kann Stresssymptome zeigen

Narzissten, die sich ihrer Schwächen bewusst sind und Bereitschaft zeigen, an sich zu arbeiten, werden häufiger gestresst sein. Sie kämpfen mit sich selbst – und ein Kampf mit einem Narzissten ist alles andere als einfach. Deshalb kommt es häufig vor, dass sie Stresssymptome zeigen. Möglicherweise brauchen sie – auf dem Weg zu mehr Bescheidenheit und Selbstreflexion – oft Pausen und Abstand von anderen.

3. Sie loben andere – nicht nur sich selbst

Bescheidene Narzissten beherrschen trotz ihrer Selbstbezogenheit die Kunst, anderen Wertschätzung entgegenzubringen. Sie stellen nicht nur ihre eigenen Errungenschaften in den Mittelpunkt. Es ist kaum vorstellbar, aber auch diese Art von Führungskräften mit narzisstischen Zügen existieren durchaus. Das macht es auch so schwer, sie von „gewöhnlichen“ Narzissten zu unterscheiden.

4. Aktives Zuhören als Entwicklungsschritt

Auch wenn es ungewöhnlich erscheinen mag: Bescheidene Narzissten zeigen häufig Anzeichen von aktivem Zuhören. Sie bemühen sich, anderen Aufmerksamkeit zu schenken und deren Meinungen zu verstehen, was nicht ihrem typischen Verhaltensmuster entspricht. Dies kann als ein Versuch gedeutet werden, empathischer zu werden und sich von dem Stereotyp des selbstzentrierten Narzissten zu lösen. Das aktive Zuhören kann somit ein wichtiger Schritt in ihrer persönlichen Entwicklung sein.

5. Echte Selbstkritik und Reflexion

Ein weiteres Indiz für bescheidene Narzissten in Führungspositionen ist ihre Fähigkeit zur Selbstkritik. Anstatt sich ständig selbst zu loben, zeigen sie gelegentlich echte Reflexion über ihre Handlungen und Entscheidungen. Sie erkennen an, dass auch sie Fehler machen können und sind offen für Feedback. Diese Selbstkritik ist oft Teil eines größeren Bemühens um persönliche Weiterentwicklung und zeigt einen Bruch mit ihrem sonst so charakteristischen Narzissmus.

Dominanz in den Chefetagen – dennoch bleibt Raum für Hoffnung

Zerstörerische Persönlichkeiten wird es weiterhin geben – aber auch diejenigen, die bereit sind, an sich zu arbeiten und trotz ihrer offensichtlichen Schwächen als Vorbild voranzugehen. Diese Führungskräfte zeigen, dass Erfolg auch ohne Egoismus und Machtspiele möglich ist. 

Dieser Artikel erschien bereits im November 2024. Er wurde umfassend aktualisiert und neu für unsere Leser veröffentlicht.

Quelle: getabstract

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