Nur wer wagt, gewinnt. Doch wer wagt, der kann bekanntlich auch scheitern. Scheitern gehört unvermeidlich zum Leben dazu und auch im Beruf musst du häufig erst ein, zwei oder unzählige Niederlagen einstecken, bevor du deine Ziele erreichst. Wer erfolgreich sein möchte, muss Risiken eingehen. Die Frage sollte daher nicht lauten „wie kannst du Niederlagen verhindern“, sondern „wie gehst du richtig damit um“?

Scheitern im Job ist keine Schande, sondern eine Chance

In den USA ist dieser Umgang mit Niederlagen bereits weiter verbreitet als hierzulande. Dies macht sich vor allem dadurch bemerkbar, dass im Vergleich zu Deutschland prozentual mehr Startups aus dem Boden schießen. Das Risiko ist hierbei bereits mit einkalkuliert und die „Founder“ sind sich durchaus bewusst, dass viele Geschäftsideen erst einmal scheitern müssen, bevor der große Erfolg kommt. In der amerikanischen Gründergesellschaft ist es daher gang und gäbe, dass erfolgreiche Unternehmer erst einmal mit ein, zwei oder auch drei Startups scheitern, sich den Staub abklopfen und von vorne beginnen. Scheitern wird nicht als Horrorszenario gesehen, welches es unbedingt zu vermeiden gilt, sondern im Gegenteil als einzig richtiger Weg zum Erfolg, da man aus Fehlern ja bekanntlich lernt.

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„Scheitern ist ein Umweg, keine Sackgasse.“
(Zig Ziglar)

Eine Einstellung, von welcher sich die deutsche Gesellschaft noch eine Scheibe abschneiden sollte. Hierzulande gilt Scheitern nämlich häufig als ultimatives Versagen. Niederlagen gilt es unbedingt zu vermeiden, die Risiken werden von vornherein gescheut und sollte es doch einmal passieren, schämen sich die Betroffenen in Grund und Boden.

„Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere;
aber wir sehen meist so lange mit Bedauern auf die geschlossene Tür,
dass wir die, die sich für uns geöffnet hat, nicht sehen.“
(Alexander Graham Bell)

Dies gilt zum einen für die deutsche Gründergesellschaft. Allein das Wort „Existenzgründung“ ist bereits unglücklich gewählt, suggeriert es doch, dass Scheitern zugleich das Ende der Existenz bedeuten würde. Zum anderen herrscht auch im Angestelltenbereich in Deutschland eine Kultur der Angst vor Misserfolgen. Aber wieso eigentlich? Um mit noch einem weiteren Zitat abzuschließen:

„Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter.“
(Ralph Waldo Emerson)

Tatsächlich sehen Experten im Scheitern nämlich die Chance, aus vergangenen Fehlern zu lernen, sich persönlich weiterzuentwickeln und dadurch beruflich (wie privat) erfolgreich zu werden, statt sich aus lauter Angst vor dem Risiko im Stillstand zu verkriechen. Während Stillstand nämlich das Karriere-Aus bedeutet, können Niederlagen zu wichtigen Wendungen und Weiterentwicklungen im Berufsleben und damit direkt an die Spitze der Karriereleiter führen.

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Wichtig ist es deshalb, die „richtige“ Einstellung zu finden, so Petra Walther. Sie hatte in der Zeitschrift managerSeminare die Tipps der Psychotherapeutin Irmtraud Tarr, der systemischen Beraterin Ulrike Ley und des Leiters der Agentur für gescheites Scheitern Hans-Jürgen Stöhr in einem „Curriculum für gescheites Scheitern“ zusammengefasst. Wir berichten und ergänzen:

Gescheites Scheitern – so geht’s:

Tipp 1: Das Scheitern mit einkalkulieren

Egal, wie sehr du versucht, auf Nummer sicher zu gehen: Misserfolge gehören nun einmal zum Leben und werden sich niemals gänzlich verhindern lassen. Ist es dann nicht vielleicht besser, anstatt Niederlagen verhindern zu wollen, diese direkt mit einzukalkulieren und ihnen so den Schrecken zu nehmen? Erfolgsorientierte Menschen, die sich aber zugleich der Möglichkeit des Scheiterns bewusst sind und einen angstfreien Umgang damit entwickeln, sind schlussendlich auch jene, die ihre Ziele wirklich erreichen werden. Und sollten sie doch einmal scheitern, so sind sie in der Lage, diese Pleite besser wegzustecken, wichtige Lehren für die Zukunft daraus zu ziehen und schlussendlich doch noch zum Erfolg zu gelangen.

Wer sich hingegen von der Angst vor dem Scheitern treiben lässt und sich bei all seinen Entscheidungen und Handlungen darauf fokussiert, wird dieses gemäß dem Prinzip der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ geradezu magisch anziehen.

Exkurs: Die „selbsterfüllende Prophezeiung“

Die „selbsterfüllende Prophezeiung“ ist ein soziologischer Mechanismus nach Robert K. Merton, laut welchem ein Mensch durch sein eigenes Verhalten ein vorher prophezeites Verhalten bei seinem Gegenüber erwirkt. Es handelt sich dabei um ein völlig unbewusstes Wechselspiel. Wenn du also von vornherein davon ausgehst, dass du scheitern wirst, wird der Mechanismus der selbsterfüllenden Prophezeiung mit großer Wahrscheinlichkeit auch dafür sorgen, dass die Niederlage tatsächlich eintritt. Die Betroffenen neigen dann in der Regel zur „Ich-habe-es-doch-vorher-gewusst“-Einstellung, anstatt sich selbst einzugestehen, dass sie durch ihre Prophezeiung, also ihr eigenes Verhalten, selbst für den Lauf der Dinge verantwortlich waren. Halte einmal die Augen offen und beobachte das Szenario in deinem Umfeld: Sowohl im Berufs- als auch im Privatleben lässt sich die selbsterfüllende Prophezeiung erschreckend häufig beobachten.

Tipp 2: Eine Niederlage erkennen und loslassen

Ist das Schiff erst einmal gesunken, ist jeder Kampf ohnehin vergebens. Lerne deshalb, einen Misserfolg frühzeitig zu erkennen und diesen loszulassen, sodass du nicht unnötig Zeit, Nerven, Energie oder auch Geld verschwendest, um ein ohnehin verlorenes Wrack zu bergen. Richtedeinen Blick stattdessen auf die nächsten Schritte, um das Scheitern so schnell wie möglich zu verarbeiten, die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen und sich neuen Zielen zu widmen.

Tipp 3: Der Niederlage die Macht entziehen

Du kennst diesen Mechanismus aus dem Alltag: Das Geklapper der Tastatur deines Schreibtischnachbarn oder der Kollege, welcher immer viel zu laut telefoniert, gehen dir erst dann tierisch auf die Nerven, wenn du dich darauf konzentrierst. Ähnlich verhält es sich beim Umgang mit dem Scheitern: Je mehr Bedeutung du dieser Erfahrung einräumst, umso mehr Macht wird sie auch über dein Leben haben. Akzeptiere daher eine Niederlage, anstatt dich zu grämen. Richte dich wieder auf, klopfe dir den Staub von der Kleidung ab und versuche dieser Erfahrung gegenüber eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln.

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Tipp 4: Nimm Misserfolge niemals persönlich

Am besten entwickelst du diese Gelassenheit, indem du zwischen persönlicher und Sachebene zu unterscheiden lernst. Dass du beruflich erst einmal gescheitert bist, bedeutet noch lange nicht, dass du ein Versager bist, nicht über die notwendigen Talente verfügst oder sogar dumm bist. Im Gegenteil: Viele der erfolgreichsten Menschen der Welt sind in ihrem Leben erst einmal gescheitert, bevor sie den richtigen Weg fanden. Du glaubst uns nicht?

Selbst der wohl mächtigste Mann der Wall Street, Laurence Fink, welcher heutzutage mit seinem Unternehmen „Black Rock“ über geschätzte 2,25 Billionen US-Dollar verfügt, traf nach seinem Studium als Trader verheerend falsche Zinsvorhersagen und wurde aufgrund eines Verlustes von 100 Millionen Dollar von der Investmentbank „First Boston“ gekündigt. Doch damit nicht genug: Sein Ruf als Trader war dermaßen ruiniert, dass er erst einmal keine neue Anstellung finden sollte. Aufgeben kam für Fink damals aber nicht infrage, er lernte stattdessen aus seinen Fehlern, verschaffte sich dadurch gegenüber seiner Konkurrenz in der Weltwirtschaftskrise 2007 den entscheidenden Vorteil und stampfte das mittlerweile größte Vermögensverwaltungs-Unternehmen der Welt aus dem Boden.

Manchmal magst du einen Fehler gemacht haben, ein anderes Mal hattest du vielleicht einfach nur Pech. Fakt ist aber, dass deine Niederlage niemals persönliches Scheitern bedeutet, sondern ein Resultat der Umstände war. Rückblickend war sie häufig sogar eine wichtige Lehre oder die ausschlaggebende Wendung im Leben, für welche du früher oder später dankbar sein wirst. Hätte sich Laurence Fink damals nicht verkalkuliert, wäre er vielleicht niemals mit einem eigenen Unternehmen selbstständig geworden. Wer weiß also, welchen tieferen Sinn deine Niederlage rückblickend haben wird? Glaube an dich und baue gezielt dein Selbstbewusstsein (wieder) auf!

Tipp 5: Verzeihe dir und lassen die negativen Emotionen los

Nun solltest du an dem Punkt angekommen sein, an welchem du Wut, Frustration oder auch Scham bezüglich deines Scheiterns loslassen kannst. Verzeihe dir selbst und halte dich nicht mit unnötigen Selbstzweifeln oder der Wut über vergeudete Zeit und Energie auf. Wer wie in einer Dauerschleife mit dem Vergangenen hadert, wird nämlich niemals offen sein für die Gegenwart oder eine neue Zukunft. Lasse die Erfahrung der Niederlage dich nicht brechen, sondern steige stärker und besser als je zuvor wie ein Phönix aus der Asche empor. Noch ist es aber nicht an der Zeit, deinen Blick wieder nach vorne zu richten. Begib dich stattdessen auf die Sachebene, trete zwei Schritte zurück und betrachte dein Scheitern aus objektiver Perspektive und mit dem nötigen emotionalen Abstand.

Tipp 6: Erst Reflexion, dann Reaktion!

Jetzt, da du all die negativen Gefühle bezüglich deiner Niederlage losgelassen hast, kannst du das Geschehene endlich reflektieren und die notwendigen Lehren daraus ziehen. Bevor du dich nämlich neuen Zielen widmest, solltest du aus deinen Fehlern lernen, um diese in Zukunft nicht mehr zu wiederholen. Nur so wird aus dem Scheitern eine Chance. Ansonsten wirst du dich in einem Hamsterrad aus den immer gleichen Fehlern und Misserfolgen wiederfinden. Frage dich also:

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  • Was ist schiefgelaufen?
  • Welche Fehler habe ich gemacht?
  • Was hätte ich besser machen können?
  • Welche Lehren kann ich daraus für die Zukunft ziehen?
  • Inwiefern waren Faktoren an dem Scheitern schuld, welche ich nicht beeinflussen konnte oder in Zukunft beeinflussen kann?
  • Wie sind andere Menschen mit ähnlichen Niederlagen umgegangen und was kann ich daraus lernen?

Wie bereits erwähnt: Eine Niederlage kann zur lebensverändernden Chance werden, jedoch nur, wenn du auch die richtigen Lehren daraus ziehst. Ein Fehler ist schließlich nur dann ein Fehler, wenn du Ihn zweimal machst. Beim ersten Mal wusstest du es einfach noch nicht besser – und das ist auch völlig okay so!

Tipp 7: Trial and Error

Um das Scheitern endlich als Chance betrachten zu können, solltest du das grundlegende Prinzip des menschlichen Lernens verstanden haben: Wie hast du Laufen gelernt? Bist du nicht aufgestanden, hingefallen, wieder aufgestanden und wieder hingefallen – so lange, bis es geklappt hat? Die „Trial-and-Error“-Methode, auch „Versuch und Irrtum“, ist ebenso alt wie die Menschheit selbst. Wieso also ist es nicht auch im Beruf erlaubt, sich durch Scheitern und Lernen weiter zu entwickeln und langsam an den Erfolg heranzutasten?

Rund 10.000 Versuche soll Thomas Edison damals benötigt haben, bis die Glühbirne in hellem Licht erstrahlte. Entmutigen ließ er sich davon nicht. Im Gegenteil: „I have found 10,000 ways something won’t work. I am not discouraged, because every wrong attempt discarded is another step forward“, soll er damals gesagt haben. Auch durch die Lehre, wie etwas nicht funktioniert, tastest du dich nämlich langsam aber sicher an den richtigen Weg heran. Dies ist die wohl wichtigste Erkenntnis, welche du dir immer wieder Gedächtnis rufen solltest, wenn du einen Lichtschalter betätigst.

Persönliche Weiterentwicklung beinhaltet also immer auch den Versuch und Irrtum. Fehler und Krisen gehören zum Lernen dazu und sollten als Herausforderung gesehen werden, die auch neue Chancen birgt. Nur wer erlebt, dass er auch unangenehme Situationen meistern kann, schöpft daraus Selbstvertrauen für die Zukunft.

Tipp 8: Mache dich frei von den Urteilen anderer

Apropos Selbstvertrauen: Nicht immer bist du selbst dein größter Kritiker, sondern manchmal hagelt es natürlich auch Kritik von außen. Es kann durchaus sein, dass deine Niederlage auch Konsequenzen für deine Kollegen, den Vorgesetzten, deine eigenen Mitarbeiter oder selbst die Familie hat. Fakt ist aber, dass du nicht absichtlich gescheitert bist und dir daher niemand einen Vorwurf machen kann. Konstruktive Kritik oder Ratschläge von Außenstehenden, die selbst schon einmal in deiner Situation waren, können durchaus hilfreich sein. Doch ansonsten gilt: Zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder heraus.

Wenn du zudem nicht mehr stets nach der Anerkennung deines sozialen Umfelds strebst, sondern dich ab sofort mehr auf dich selbst konzentrierst, verlieren Niederlagen plötzlich ihren Schrecken. Frage dich: Würde ich mein Scheitern immer noch als so schlimm empfinden, wenn niemand außer mir davon wüsste? Vermutlich nicht! Du siehst: In der Regel ist nicht einmal der Misserfolg selbst das eigentliche Problem, sondern das Urteil deines sozialen Umfelds. Lerne also, diese beiden Komponenten voneinander zu trennen und du hast einen großen Schritt in Richtung eines selbstbestimmten Lebens gemacht. Herzlichen Glückwunsch!

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Tipp 9: Konstruktives Feedback für neue Lösungen

Ein wichtiger Faktor für deinen Erfolg liegt deshalb auch darin, sich das richtige soziale Umfeld zu suchen. Du möchtest schließlich nicht für dein Scheitern kritisiert oder verurteilt werden, sondern was du jetzt brauchst, sind Menschen, welche dir konstruktives Feedback geben und dir dabei helfen, wieder den richtigen Weg zu finden. Ein Misserfolg lässt sich zwar nicht mehr rückgängig machen, aber zum Besseren nutzen. Nach dem Scheitern gilt es daher, sich nach Alternativen umzusehen – am besten zusammen mit Personen, die einen neutralen Blick auf die Angelegenheit haben und dich unterstützen. Schaffe dir also den richtigen sozialen Rahmen für deinen Neustart und suche gemeinsam nach neuen Lösungen für alte Probleme.

Tipp 10: Die fünf stützenden Säulen, um eine Niederlage zu überwinden

Das richtige soziale Umfeld ist laut Dan Miller allerdings nur die erste von insgesamt fünf Säulen, die dir nach einem Misserfolg dabei helfen können, wieder auf die Beine zu kommen. Verinnerliche daher für deinen Neustart folgende Grundsätze:

  1. Suche dir ein positives Umfeld, in welchem du zwar konstruktives Feedback erhältst, nicht aber auf ständige Kritik triffst. Egal, ob im Privat- oder Berufsleben: Verbringe deine Zeit mit Cheerleadern statt Zweiflern.
  2. Bleibe deiner Moral und deinen Werten treu. Wenn du deine Integrität aufgibst, unfair spielst, die Grenzen der Legalität übertrittst oder dich in einem immer größeren Netz aus Lügen und Selbstüberschätzung verstrickst, wirst du nicht nur irgendwann scheitern, sondern auch deine gesamte Glaubwürdigkeit sowie deinen Ruf aufs Spiel setzen. Und dann ist eine Niederlage unter Umständen deutlich verheerender als wenn du diese mit Würde trägst, mit Ehrlichkeit, Kritikfähigkeit und Bescheidenheit.
  3. Setze dir für deinen Neustart klare Ziele, die gerne hoch gesteckt, dennoch aber realistisch sind. Fokussiere dich dabei auf deine Talente und Stärken. Je klarer du den Weg vor Augen siehst, umso weniger Hindernisse werden dir das Leben schwer machen.
  4. Gesundheit ist das A und O, um im Beruf leistungsfähig zu bleiben und Niederlagen zu überwinden. Treibe daher regelmäßig Sport, esse gesund und schlafe ausreichend. Schon in Kürze wirst du merken, wie Energie, Kreativität und Selbstbewusstsein (wieder) ansteigen.
  5. Zuletzt brauchst du eigentlich nur noch einen eisernen Willen und die Überzeugung, dass du jede Niederlage wegstecken kannst. Je mehr du auf das Schicksal vertrauen kannst, dass dein Scheitern einem tieferen Sinn dient und dass das Leben einen noch viel besseren Plan für dich bereithält, umso gelassener und erfolgreicher wirst du sein.

Welche Niederlagen musstest du im Berufsleben bereits einstecken und wie bist du mit diesen Misserfolgen umgegangen? Welche Tipps zum „gescheiten Scheitern“ hast du für unsere Leserinnen und Leser? Wir freuen uns auf deine Beiträge in den Kommentaren.

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