Überstunden sind ein Thema, an dem sich die Geister scheiden. Wer freiwillig Überstunden machen kann, weil er gerade etwas mehr Geld benötigt oder diese durch einen freien Tag ausgleichen möchte, sieht sie häufig als Segen an. Klar, Gleitzeitkonten & Co bringen ein angenehmes Maß an Flexibilität und freier Zeiteinteilung in das Unternehmen. Doch wenn der Chef die Überstunden einfordert, wendet sich für viele das Blatt. Es kommen Fragen auf, wie: Darf er das überhaupt? Wo liegen die gesetzlichen Grenzen für die Mehrarbeit und wie kann ich mich gegen Überstunden wehren? Hier erfahren Sie alles, was Sie zum Thema Überstunden wissen müssen – und noch viel mehr.
Darf der Arbeitgeber Überstunden und Mehrarbeit anordnen?

Inhalt
1. Gibt es einen Unterschied zwischen Mehrarbeit und Überstunden?
2. Überstunden dürfen nicht einfach verlangt werden
3. Auch Ausnahmefälle haben strikte Grenzen
4. Allerdings sind Überstundenanordnungen grundsätzlich verboten, wenn…
5. Wann und wie werden Überstunden ausgeglichen?
6. Überstundenausgleich durch Freizeit
7. Ausbezahlung von Überstunden
8. Wie wird die Ausbezahlung von Überstunden berechnet?
9. Wann werden für Überstunden Zuschläge bezahlt?
10. Gibt es auch unbezahlte Überstunden?
11. Haben Arbeitnehmer einen Anspruch auf Überstunden?
12. Auszahlungsansprüche unbedingt innerhalb von drei Jahren geltend machen
13. Dem Arbeitnehmer obliegt die Beweislast
14. Deutschland macht rund 800 Millionen bezahlte Überstunden

Gibt es einen Unterschied zwischen Mehrarbeit und Überstunden?

Umgangssprachlich werden die Begriffe Überstunden und Mehrarbeit in der Regel als Synonyme verwendet. Juristisch gesehen gibt es zwischen diesen beiden aber tatsächlich einen Unterschied:

Gemäß Definition ist von Überstunden dann die Rede, wenn Ihre Tätigkeit die Arbeitszeit überschreitet, welche Sie Ihrem Arbeitgeber vertraglich schulden. Werfen Sie dafür einmal einen Blick in Ihren Arbeitsvertrag. Dort ist die wöchentlich oder monatlich geschuldete Arbeitszeit aufgeführt. Weitere Regelungen finden sich unter Umständen in dem für Sie gültigen Tarifvertrag oder einer Betriebsvereinbarung.

Die Mehrarbeit hingegen, meint nicht die Überziehung der individuellen Arbeitszeit, sondern die Überschreitung der festgelegten Grenzen in Tarifverträgen oder dem Arbeitszeitgesetz. Eine solche Mehrarbeit muss deshalb in der Regel speziell vergütet werden, sprich mit einem entsprechenden Zuschlag.

Überstunden dürfen nicht einfach verlangt werden

Die brennende Frage lautet: Darf der Vorgesetzte einfach Überstunden von seinen Angestellten verlangen? Sind Sie als Arbeitnehmer also dazu verpflichtet, Überstunden zu leisten, auch wenn Sie das nicht möchten? Die Antwort lautet: Nein! Sie haben schließlich einen Arbeitsvertrag unterschrieben, worin Ihre zu erbringenden Leistungen strikt geregelt sind. Allerdings gibt es, wie von jeder Regel, auch hier Ausnahmen:

  • Ausnahme 1: In Notsituationen dürfen Überstunden eingefordert werden. Unter einem solchen Notfall sind für das Unternehmen existenzbedrohende Situationen zu verstehen, die für dieses nicht vorhersehbar waren. Dies könnte zum Beispiel eine Naturkatastrophe sein und eine daraus folgende Überschwemmung. Ein kurzfristiger Großauftrag hingegen, oder ähnliche betriebswirtschaftliche Notsituationen, rechtfertigen keine Überstunden. Diese sind schließlich weder unvorhersehbar noch unabwendbar. Rechtliche Notsituationen, die Sie in den Ausnahmefall versetzen, Überstunden auf Befehl leisten zu müssen, sind daher äußerst selten.
  • Ausnahme 2: Werfen Sie noch einmal einen genauen Blick in Ihren Arbeits- oder Tarifvertrag und die für Sie gültigen Betriebsvereinbarungen. Hier können nämlich spezielle Vertragsklauseln enthalten sein, welche Ihrem Arbeitgeber das Recht auf die Anordnung von Überstunden einräumen.
  • Ausnahme 3: Leitende Angestellte müssen im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes Überstunden leisten, wenn diese von ihrem Arbeitgeber eingefordert werden. Als leitender Angestellter gelten Sie dann, wenn Sie eine unternehmerische Funktion innehaben, eine Handlungsvollmacht besitzen oder das Recht, Mitarbeiter einzustellen und zu entlassen.
  • Ausnahme 4: Sie können zudem mit Ihrem Arbeitgeber eine sogenannte Einzelvereinbarung treffen. Das bedeutet, dass Sie sich in jedem eintretenden Fall neu mit dem Arbeitgeber darauf einigen, ob und in welchem Umfang Sie Überstunden leisten. Es handelt sich dann also nicht um eine Anordnung, sondern um eine einvernehmliche Übereinkunft.

Achtung: Eine Einzelvereinbarung muss nicht schriftlich festgehalten werden. Es reicht hierfür aus, dass Sie eine mündliche Absprache treffen oder eine sogenannte „stillschweigende Übereinkunft“.

Auch Ausnahmefälle haben strikte Grenzen

Doch auch wenn einer oder mehrere dieser Ausnahmefälle aus Sie zutreffen, darf Ihr Arbeitgeber nicht unbegrenzt Überstunden einfordern. Hierfür gibt es strenge gesetzliche Regelungen im Arbeitszeitgesetz, welche die Arbeitnehmer vor einer Überlastung schützen sollen. Demnach darf die tägliche Arbeitszeit maximal zehn Stunden betragen. Zudem dürfen Sie rechtlich gesehen nicht an Sonn- und Feiertagen als Arbeitskraft geordert werden. Auf den Arbeitstag muss stets eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens elf Stunden folgen. Allerdings gelten auch bei diesen rechtlichen Regelungen branchenspezifische Ausnahmen durch die jeweiligen Tarifverträge. So muss natürlich in Krankenhäusern oder bei Notdiensten auch die Feiertagsarbeit erlaubt sein. Einen Sonderfall stellt weiterhin die Rufbereitschaft dar.

Allerdings sind Überstundenanordnungen grundsätzlich verboten, wenn…

  • Sie in einer Teilzeitstelle beschäftigt sind und keine abweichenden Vereinbarungen im Tarifvertrag getroffen wurden.
  • Sie werdende oder stillende Mutter sind.
  • Sie noch nicht volljährig sind. Eventuelle freiwillig geleistete Überstunden müssen dann innerhalb von drei Wochen ausgeglichen werden.
  • Sie als schwerbehinderter Angestellter eine Freistellung von Überstunden gemäß SGB IX verlangt haben.

Wann und wie werden Überstunden ausgeglichen?

Gesetzlich festgeschrieben ist, dass die tägliche Arbeitszeit von acht auf zehn Stunden ausgedehnt werden darf, für bis zu sechs Werktage die Woche. Diese Überstunden müssen dann allerdings innerhalb eines halben Jahres auf durchschnittliche acht Stunden pro Werktag ausgeglichen werden. Prinzipiell beträgt die Frist für einen Überstundenausgleich also ein halbes Jahr. Ob Ihnen Überstunden finanziell oder durch Freizeit abgegolten werden oder ob Sie frei wählen können, hängt von den jeweiligen Betriebsvereinbarungen, Arbeits-, Tarifverträgen oder Einzelvereinbarungen ab. Allerdings ist der Arbeitgeber in der Pflicht, Überstunden auszubezahlen, wenn dies nicht wirksam und explizit ausgeschlossen wurde. Haben Sie die freie Wahl, so hängt die Entscheidung für eine der beiden Varianten in der Regel von Ihrer persönlichen Situation sowie der Höhe des Gehaltes beziehungsweise des Lohns ab.

Überstundenausgleich durch Freizeit

Im ersten Fall können Sie die mehr gearbeitete Zeit später als Freizeit wieder ausgleichen. Sie erhalten im Tausch gegen Ihre Arbeitszeit also sozusagen zusätzliche Urlaubszeit. Viele große Unternehmen, vor allem jene mit einem digitalen Zeiterfassungssystem, bevorzugen diese Art des Überstundenausgleichs durch sogenannte Gleitzeitkonten. Die Mitarbeiter können dann frei entscheiden, ob, wann und wie viele Überstunden sie leisten möchten und wann sie dafür dann einmal einen halben, ganzen oder vielleicht sogar mehrere Tage bis Wochen am Stück Urlaub nehmen. Das will natürlich unbedingt im Voraus mit dem Vorgesetzten abgesprochen sein. Zudem ist dann häufig strikt geregelt, wie viele Überstunden ein Angestellter höchstens aufbauen darf und bis wann der diese ausgleichen muss. Auch Minusstunden sind bei manchen Unternehmen möglich. Allerdings natürlich ebenfalls nur im vorgegebenen Rahmen. Scheidet ein Mitarbeiter mit Minusstunden aus dem Unternehmen aus, muss er diese in der Regel finanziell ausgleichen.

Ausbezahlung von Überstunden

Ausbezahlung von Überstunden
Andersherum können aber auch Ihre Überstunden finanziell abgegolten werden. Der Mitarbeiter erhält dann als Gegenleistung für seine zusätzliche Arbeit also keine Freizeit, sondern einen finanziellen Ausgleich zusätzlich zum üblichen Lohn oder Gehalt. Allerdings haben Sie auch hierauf keinen grundlegenden rechtlichen Anspruch.

Wie wird die Ausbezahlung von Überstunden berechnet?

Prinzipiell werden die Überstunden gemäß des üblichen Stundenlohns vergütet. Das bedeutet, dass Sie für jede Überstunde ebenso viel Lohn oder Gehalt zu erwarten haben wie für Ihre regulären Arbeitsstunden. Wie hoch die Vergütung pro Überstunde ist, können Sie deshalb wie folgt berechnen:

Durchschnittliche monatliche Bruttovergütung / durchschnittliche Monatsstundenanzahl (= Wochenstundenanzahl * 4,33) = Stundenvergütung

Hinzu kommen dann eventuell noch weitere Überstundenzuschläge.

Wann werden für Überstunden Zuschläge bezahlt?

Für Überstunden gelten nicht grundsätzlich Zuschläge, wie zum Beispiel in der Nacht- oder Sonntagsarbeit. Sollten Ihnen für Ihre Überstunden Zuschläge zustehen, so ist dies im Arbeits-, Tarifvertrag oder in der Betriebs- beziehungsweise Einzelvereinbarung festgehalten. Besonders häufig sind Zuschlagsvereinbarungen in Tarifverträgen zu finden. Zuschläge für Überstunden sind zudem – nicht wie bei Nacht-, Sonn- oder Feiertagszuschlägen – nicht steuer- und sozialversicherungsbefreit. Die Zuschläge werden also als reguläres Gehalt beziehungsweise als regulärer Lohn behandelt. Stehen Ihnen Zuschläge für Überstunden zu, so werden diese in der Regel prozentual berechnet. Sie erhalten also zum Beispiel für jede Überstunde 25 Prozent mehr Geld als bei Ihrer normalen Stundenvergütung.

Gibt es auch unbezahlte Überstunden?

Ja, tatsächlich kann Ihr Arbeitgeber Überstunden auch pauschal durch Ihr Monatsgehalt oder Ihren monatlichen Lohn abgelten. Allerdings gelten hierfür strenge Richtlinien. Befindet sich in Ihrem Vertrag eine solche Klausel, sollten Sie diese unbedingt auf ihre Gültigkeit überprüfen lassen. Prinzipiell sind diese nämlich nur zulässig, wenn die Anzahl der pauschal abgegoltenen Überstunden genau definiert ist. Per Arbeitsvertrag darf also zum Beispiel geregelt sein, dass bis zu zwei Überstunden pro Woche in Ihrem Gehalt oder Lohn enthalten und damit pauschal abgegolten sind. Nicht aber, dass Überstunden prinzipiell nicht ausgeglichen werden, weder finanziell noch zeitlich.

Achtung: Auch hier gibt es eine Ausnahme von der Regel: Wer ein überdurchschnittliches Einkommen erhält, hat nicht zwangsweise einen Anspruch auf die Auszahlung von Überstunden. Als überdurchschnittliches Einkommen gelten in den neuen Bundesländern 57.000 Euro und in den alten Bundesländern 67.000 Euro brutto pro Jahr. Ist der Ausgleich von Überstunden dann nicht fest im Arbeits-, Tarifvertrag oder in den sonstigen geltenden Vereinbarungen geregelt, kann die Auszahlung der Überstunden meist nicht gerichtlich durchgesetzt werden. Diese gelten stattdessen als „durch das überdurchschnittliche Einkommen bereits abgegolten“.

Haben Arbeitnehmer einen Anspruch auf Überstunden?

Eigentlich klingt das ja praktisch: Als Arbeitnehmer können Sie durch den finanziellen Ausgleich Ihrer Überstunden ganz nach Belieben Ihre monatliche Vergütung aufbessern. Die Frage ist also: Haben Sie ein Recht auf Überstunden oder darf der Arbeitgeber diese auch verbieten? Tatsächlich kann Ihr Arbeitgeber die Überstunden regulieren. Das bedeutet, dass Sie als Arbeitnehmer nicht unendlich Überstunden machen können – selbst wenn dies im rechtlichen Rahmen wäre. Genehmigt der Arbeitgeber die Überstunden nicht, so haben Sie hinterher auch keinen Anspruch auf deren Auszahlung. Die Vergütung von geleisteten Überstunden kann ein Arbeitnehmer nämlich nur dann verlangen, wenn der Vorgesetzte von den Überstunden wusste, diese genehmigt, geduldet oder angeordnet hat oder aber diese betrieblich dringend erforderlich waren.

Auszahlungsansprüche unbedingt innerhalb von drei Jahren geltend machen

Sollten Sie als Arbeitnehmer noch berechtigte Ansprüche auf die Auszahlung von Überstunden haben, so müssen Sie diese unbedingt innerhalb der Frist von drei Jahren geltend machen. Ansonsten gelten die Überstunden als verjährt und damit auch Ihr Anspruch auf deren Ausgleich.

Achtung: Beachten Sie unbedingt die Regelungen zur Auszahlung von Überstunden und deren Fristen in Ihrem Arbeits- und Tarifvertrag. Hier kann die Dreijahresfrist nämlich auf bis zu drei Monate verkürzt werden.

Sollten Sie den Klageweg beschreiten, müssen Sie deshalb unbedingt innerhalb der gesetzlichen oder der betrieblich gesetzten Frist handeln.

Dem Arbeitnehmer obliegt die Beweislast

Kommt es zum Streitfall, so haben Sie als Arbeitnehmer die Pflicht, Ihre Überstunden zu beweisen. Nur dann können Sie diese auch gerichtlich geltend machen. Als Beweis für Überstunden gelten natürlich Zeiterfassungssysteme oder Stechuhren, aber auch eine vom Vorgesetzten unterzeichnete Dokumentation von Überstunden. Nur so können Sie hinterher belegen, dass Ihr Arbeitgeber von den Überstunden wusste und diese geduldet hat.

Tipp: Bei Vertrauensarbeitszeitregelungen reicht es nicht aus, dass Sie Ihre Überstunden lediglich schriftlich festhalten. Lassen Sie die Dokumentation stattdessen mindestens wöchentlich eigenhändig von Ihrem Vorgesetzten unterzeichnen und bewahren Sie diese gut auf.

Es gibt außerdem einen Sonderfall: Das Gericht darf die Anzahl der Überstunden schätzen, wenn sich Arbeitnehmer und -geber zwar darauf einigen können, dass Überstunden geleistet wurden, nicht aber bezüglich deren Zahl.

Deutschland macht rund 800 Millionen bezahlte Überstunden

Alles in allem bezahlen deutsche Arbeitgeber jedes Jahr rund 800 Millionen Überstunden aus. So erhielten die Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2015 816 Millionen ausbezahlte Überstunden, nur 673 Millionen waren es im Jahr 2009, ganze 1106 Millionen im Jahr 2000. Wie viele Überstunden machen Sie durchschnittlich? Und lassen Sie sich diese ausbezahlen oder wählen sie doch lieber etwas freie Zeit als Ausgleich?

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