Deutschlands Wirtschaft steuert auf ein massives Vakuum an der Spitze zu. Über 28.000 Führungspositionen blieben im letzten Jahr unbesetzt. Während Unternehmen händeringend nach Entscheidern suchen, winken die Angestellten dankend ab. Die Angst vor der hohen Belastung wiegt schwerer als der Hunger auf das Eckbüro.

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Die nackten Zahlen der aktuellen KOFA-Studie (01/2026) sind ein Weckruf für den Standort Deutschland: Allein 28.180 Fachkräfte fehlten zuletzt in Führungspositionen. Besonders der Mittelstand spürt den Druck. Doch das Problem ist nicht nur der demografische Wandel – es ist eine handfeste Motivationskrise. Aktuell kann sich nur jeder siebte Beschäftigte ohne Führungsverantwortung vorstellen, diesen Schritt zu gehen.

Doch das Potenzial ist da: Weitere 40 % wären unter den richtigen Bedingungen bereit – eine riesige Chance für Unternehmen. 

Die „Chef-Phobie“: Verantwortung als Last, nicht als Lust

Warum ist der Posten des Vorgesetzten zum Karriereschreckgespinst geworden? Die Gründe der Ablehnung sind eindeutig und zeigen, dass das klassische Bild der Führungskraft ausgedient hat. Viele Beschäftigte verbinden Führung mit Belastung:

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  • Arbeitsbelastung (77 %): Die Sorge, im Hamsterrad steckenzubleiben.
  • Verantwortungsdruck (75 %): Die Last, für alles den Kopf hinhalten zu müssen.
  • Work-Life-Balance (73 %): Die Angst, dass das Privatleben der Karriere zum Opfer fällt.

Häufig unterschätzt: Fast jeder Zweite (48 %) fürchtet zudem den Verlust des guten Kolleg:innenverhältnisses durch den Aufstieg. Ebenso sehen 85 % der Frauen in Teilzeit die zu hohe Belastung als unüberwindbare Barriere. Führung wird in Deutschland noch immer oft als „Alles-oder-nichts„-Event begriffen, wer führt, muss scheinbar permanent verfügbar sein.

Lese-Tipp: Chefsein? Danke, nein! Warum die Führungsetage verwaist

Geld allein füllt keine leeren Chefsessel

Zwar ist eine attraktive Vergütung für fast alle, die ohnehin führen wollen, der wichtigste Anreiz (95 %). Doch für die große Mehrheit derer, die den Aufstieg ablehnen, ist das Geld nicht das entscheidende Problem: Nur 48 % der Uninteressierten halten das Gehalt für zu gering. Es geht also primär um die Lebensqualität. Doch was motiviert diejenigen, die den Schritt wagen wollen? Für sie zählt weit mehr als eine vermeintlich üppige Zahl auf dem Lohnzettel: Wer heute führen will, sucht vor allem Gestaltungsspielraum und Entscheidungsfreiheit (85 %). 

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Interessant ist zudem: Statussymbole wie der Dienstwagen oder das Einzelbüro rangieren mit 61 % deutlich hinter den weichen Faktoren. Die neue Generation von Führungskräften sucht vor allem nach Wirksamkeit – klassische Privilegien treten somit in den Hintergrund. 

Dass Geld allein nicht mehr ausreicht, um die Lücke zu füllen, betont auch die Studienautorin Dr. Regina Flake. Für sie liegt der Schlüssel in einer neuen Führungskultur:

„Unternehmen können den Führungskräftemangel nicht allein durch mehr Gehalt lösen. Entscheidend ist, Führung so zu gestalten, dass sie zum Leben der Beschäftigten passt – mit realistischen Arbeitsbelastungen, Entwicklungsperspektiven und flexiblen Modellen.“

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Strategien gegen den Leerstand

Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, Führungspositionen nach dem alten Schema „Vollzeit oder gar nicht“ auszuschreiben. Wer die 28.000 Führungsstühle besetzen will, braucht frische Ansätze:

  • Teilzeitführung & Jobsharing: Besonders für Frauen ist dies ein entscheidender Faktor (56 % halten dies für wichtig). KMU haben hier oft sogar die Nase vorn, da sie flexibler agieren können.
  • Sicherheitsnetz auswerfen: 61 % der Befragten wünschen sich die Option, bei Nichtgefallen in die alte Position zurückkehren zu können. Das nimmt dem Karriereschritt das Risiko des totalen Scheiterns.
  • Freiraum für Authentizität: 71 % der Beschäftigten liegt es besonders am Herzen, ihren eigenen Führungsstil entwickeln und umsetzen zu können.
  • Mentoring statt Sprung ins kalte Wasser: Stellvertretende Rollen und Coaching mindern die Angst vor der plötzlichen Verantwortung (61 %).

Führung muss zum Leben passen

Der Mangel an Führungskräften ist hausgemacht. Wenn Führung nur noch als Synonym für Überstunden und Freizeitverlust verstanden wird, bleibt die Teppichetage leer. Unternehmen müssen beweisen, dass Führung kein Opfergang ist, sondern eine Chance, Dinge nach eigenen Vorstellungen zu bewegen. Nur wer flexible Modelle und echte Wertschätzung bietet, wird die Entscheider von morgen gewinnen.

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