Es ist typischer Morgen, 9:14 Uhr. Der erste Status-Call läuft seit vierzehn Minuten. Während ein Kollege monotone Updates zu einem Projekt gibt, das eigentlich schon vor zwei Wochen hätte finalisiert sein sollen, ploppen rechts unten im Sekundentakt Slack-Benachrichtigungen auf. In einem Browser-Tab wartet das ungelesene Strategiepapier – das Kernstück deiner eigentlichen Arbeit.

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Doch du kommst nicht dazu: Du suchst stattdessen in drei verschiedenen E-Mail-Verläufen nach der finalen Freigabe für eine Grafik, die heute Mittag online gehen muss. Kennst du dieses Gefühl, am Ende eines Zehn-Stunden-Tages den Rechner zuzuklappen und dich zu fragen: Was habe ich heute eigentlich substanziell geschafft?

Haben wir uns daran gewöhnt, beschäftigt zu sein?

Wir schieben Icons über Bildschirme und pflegen bunte Kacheln in Projekt-Boards. Doch wir verwalten nur die Umstände, unter denen theoretisch Arbeit hätte stattfinden können. Dieses aufgeblähte Work-Management ist zum eigentlichen Job geworden.

Die Zahlen dazu liefert der Anatomy of Work Index von Asana, für den weltweit 9.615 Wissensarbeiter befragt wurden: Diese verbringen heute 60 Prozent ihrer Zeit mit „Arbeit rund um die Arbeit“. Das ist das digitale Grundrauschen, das uns vom Denken abhält. Wir sind zu Archivaren unseres eigenen Datenmülls geworden.

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Die organisierte Flucht vor der Aufgabe

Besonders deutlich wird die Misere beim Blick in den Kalender. Über 100 Stunden pro Jahr verpuffen laut Studie allein in unnötigen Meetings. Oft wirken diese Termine wie eine kollektive Beruhigungsmaßnahme: Man trifft sich, um sich gegenseitig zu versichern, dass man noch die Kontrolle hat. Dass man genau durch diese Treffen die Zeit für das eigentliche Handeln verliert, ist die Ironie, die wir im Büroalltag schweigend hinnehmen.

Dazu kommt der Wahnsinn der App-Dichte. Zehn verschiedene Programme nutzt der Durchschnittsangestellte pro Tag. Jedes „Pling“ ist ein kleiner Überfall auf die Konzentration. Wer soll da noch eine komplexe Marketingstrategie entwerfen oder eine saubere Zeile Code schreiben? Wir versuchen fokussiert zu bleiben, während uns ständig jemand digital an der Schulter rüttelt.

Das Gehirn im permanenten Stand-by

Knapp 80 Prozent der Befragten geben an, kurz vor dem Burnout zu stehen. Das liegt nicht daran, dass die Strategien zu komplex, die Aufgaben zu schwer zu bewältigen oder die Ziele zu hoch angesetzt wären. Es ist schlicht die Zermürbung durch das Triviale. Wir verbringen unsere Tage in einer Art digitalem Belagerungszustand. Alle paar Minuten reißt uns eine Nachricht aus dem Takt, zwingt uns zur Reaktion auf Nichtigkeiten und zerstückelt die Konzentration in immer kleinere, unproduktive Häppchen. Man ist am Ende des Tages nicht erschöpft, weil man so viel geschafft hat, sondern weil man acht Stunden lang daran gehindert wurde, auch nur einen einzigen Gedanken in Ruhe zu Ende zu bringen.

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Drei Wege zurück zur Konzentration

Wie bricht man aus diesem Kreislauf aus? Dass Radikalität hilft, zeigt die Asana-Fallstudie zum Unternehmen ClassPass: Durch die Bündelung der Kommunikation und das Streichen von 25 Prozent der Teammeetings stieg die Effizienz um 20 Prozent – Kampagnen wurden dadurch 30 bis 40 Prozent schneller realisiert.

Doch was kannst du tun, wenn du nicht die ganze Firmenstruktur umbauen kannst?

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  1. Schotten dicht: Fokus braucht Sperrstunden. Wer nicht konsequent die Benachrichtigungen ausschaltet, verliert den roten Faden. Es dauert rund 20 Minuten, um nach einer Unterbrechung wieder voll in ein Thema einzutauchen. Drei Stunden Funkstille am Stück sollten daher das Minimum sein.
  2. Dokumentieren statt Löchern: Die „Wie ist der Stand?“-Mail ist die höfliche Form der Nötigung. Wenn Fortschritte für alle sichtbar an einem Ort stehen, stirbt das Bedürfnis, die Kollegen alle halbe Stunde mit Statusfragen aus der Arbeit zu reißen.
  3. Wir müssen aufhören, Anwesenheit mit Wichtigkeit zu verwechseln. Ein Meeting ohne eigenen Beitrag ist keine Arbeit, sondern Zeitdiebstahl. Wer nur zum Zuhören verdonnert wird, sollte gehen dürfen – ohne sich rechtfertigen zu müssen. Jeff Bezos etablierte bei Amazon dafür die berühmte Zwei-Pizza-Regel: Wenn eine Gruppe zu groß ist, um von zwei Pizzen satt zu werden, ist sie zu groß für eine Entscheidung.

Das Theater der Betriebsamkeit

Ein leerer Posteingang oder ein lückenloser Kalender sind keine Leistungsnachweise, sondern oft nur das Ergebnis einer erfolgreichen Selbsttäuschung. Wir haben das Abarbeiten von Benachrichtigungen zur Kernkompetenz erhoben und dabei vergessen, dass am Ende eines Arbeitstages nicht die Frage stehen sollte, wie viele Mails wir beantwortet haben, sondern ob wir überhaupt einen einzigen bleibenden Wert geschaffen haben. Wer den Fokus verliert, produziert nur noch digitales Rauschen. Und dieses Rauschen ist verdammt teuer, wenn man bedenkt, dass wir dafür eigentlich Experten und keine Verwalter eingestellt haben.

Hand aufs Herz: Wann hast du das letzte Mal ohne Unterbrechungen einen ganzen Vormittag am Stück konzentriert an einer einzigen Sache gearbeitet? 

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