Wer morgens die Bürotüren öffnet, sieht in die Gesichter der Kollegen, die eigentlich schon längst weg sein wollten. Menschen, die seit Jahren über den Chef fluchen, sitzen immer noch an denselben Schreibtischen. Was früher oberflächlich als Loyalität gefeiert wurde, hat heute einen weitaus nüchterneren Grund: die Angst vor dem, was draußen wartet.

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Job Hugging, das Umklammern des eigenen Arbeitsplatzes, ist das Phänomen der Stunde. Beschäftigte bleiben nicht, weil sie ihren Job und die Kollegen so sehr mögen, sondern schlicht weil ihnen der Mut zum Jobwechsel fehlt. Die unfreiwillige Bindung zum Arbeitgeber steigt, doch die Leidenschaft ist erloschen.

Die Angst vor dem leeren Arbeitsmarkt

Noch vor kurzem war von der „Great Resignation“ die Rede, einer Welle von Kündigungen, getrieben vom Wunsch nach Selbstverwirklichung und mehr Geld. Heute ist diese Bewegung fast zum Erliegen gekommen. An die Stelle der Abenteuerlust ist eine bleierne Vorsicht getreten. In den USA wuchs die Beschäftigung im Juli 2025 nur noch um 73.000 Stellen, und das Vertrauen in die eigene finanzielle Zukunft ist so niedrig wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr.

Die aktuelle Employee Benefit Trends Study 2026 von MetLife, für die im Oktober 2025 rund 2.541 Vollzeitbeschäftigte in den USA befragt wurden, legt die Zahlen dazu offen:

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  • 77 Prozent der Angestellten planen, bei ihrem aktuellen Arbeitgeber zu bleiben.
  • Doch mehr als jeder Zweite (56 Prozent) tut dies rein aus Notwendigkeit.
  • Gerade einmal 18 Prozent verspüren eine echte, innere Verbundenheit zu ihrem Job.

Das Ergebnis: Arbeitgeber wiegen sich in einer falschen Sicherheit, während die Identifikation ihrer Belegschaft leise wegbröckelt.

Sicherheit als goldener Käfig

Früher lockten Aufstieg und Gehaltssprünge zum Wechsel. Heute ist Sicherheit die härteste Währung am Markt. Laut MetLife geben 31 Prozent der Beschäftigten den unsicheren Arbeitsmarkt als Hauptgrund an, warum sie trotz Unzufriedenheit bleiben. Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz und geopolitische Krisen wirken wie Brandbeschleuniger für dieses Verharren.

Matt Bohn von der Personalberatung Korn Ferry, die den Begriff Job Hugging im August 2025 prägte, sieht darin eine Blockade für die gesamte Wirtschaft. Wenn niemand mehr geht, findet keine Entwicklung statt, weder für den Einzelnen, der in Wartestellung verharrt, noch für den Nachwuchs, der keine freien Plätze mehr findet. Der Stillstand bremst frische Ideen und dämpft die Innovationskraft ganzer Unternehmen.

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In der Industrie klammern sich die meisten fest

Auch in Deutschland lässt sich diese Entwicklung beobachten. Die Daten des Indeed Hiring Lab vom November 2025 zeigen, dass pro Monat nur rund 1,9 Prozent der Nutzer ihren Job wechseln. Mehr als die Hälfte davon wechselt dabei gleich das Berufsfeld.

Besonders deutlich wird das Festhalten in der deutschen Fertigungsindustrie. Diese Jobs, vor allem im Automobilsektor, galten über Jahrzehnte als Inbegriff der Jobsicherheit. Heute bauen Werke Stellen ab, und der technologische Druck verunsichert die Beschäftigten tiefgreifend.

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Viele Arbeitnehmer sind hin- und hergerissen. Der Wunsch nach einem Jobwechsel ist da, doch die Unsicherheit zwingt sie in die Defensive. Sie klammern sich an ihren bestehenden Arbeitsplatz. Das Festklammern wird in diesen unruhigen Zeiten zur reinen Überlebensstrategie.

Die trügerische Ruhe vor dem Sturm

Niedrige Fluktuationsraten klingen für Personaler zunächst nach einer Entlastung. Doch eine Belegschaft, die nur aus Angst bleibt, verliert ihren Biss. Von den Beschäftigten, die aus Not bleiben, ist nur die Hälfte laut MetLife überhaupt noch mit dem Kopf bei der Sache.

Sobald sich die wirtschaftliche Lage wieder bessert und der Markt wieder berechenbarer wird, könnte das aufgestaute Bedürfnis nach Veränderung in einer massiven Kündigungswelle münden. Wer heute aus Mangel an Alternativen klammert, wird morgen als Erster den Absprung wagen.

Lese-Tipp: Quiet Quitting: Dieser neue Arbeitstrend treibt Arbeitgeber in die Verzweiflung

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