Mehr als jeder zweite Bürgergeldempfänger war zuletzt nicht auf Jobsuche. Fast die Hälfte der Betroffenen erhielt aber auch noch nie ein Stellenangebot vom Jobcenter. Gesundheitliche Probleme gelten als häufigster Hinderungsgrund. Das zeigt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW).

Anzeige

Demnach haben 57 Prozent der Befragten in den vier Wochen vor der Befragung nicht aktiv nach einem Job gesucht. Besonders hoch ist der Anteil bei Frauen (63 Prozent), bei Männern liegt er bei 53 Prozent. Selbst unter den aktiv Suchenden bleibt der Aufwand eher gering: Nur 26 Prozent investieren bis zu neun Stunden pro Woche in die Suche, lediglich sechs Prozent suchen intensiver.

Schon gewusst? Im Juni 2025 waren laut Statista rund 1,8 Millionen erwerbsfähige Bürgergeldempfänger in Deutschland arbeitslos. Damit stellten Arbeitslose mit einem Anteil von etwa 46 % die größte Gruppe innerhalb des Bürgergelds für Erwerbsfähige.

Gesundheit als Hauptgrund – aber auch fehlende Angebote

Viele fühlen sich dazu auch gar nicht in der Lage. 45 Prozent der Befragten berichten von psychischen oder chronischen Erkrankungen. Unter denen, die gar nicht suchen, sind es sogar 74 Prozent, die gesundheitliche Gründe angeben. Auch fehlende Jobangebote sind ein Thema: 43 Prozent der Bürgergeldbeziehenden gaben an, noch nie ein Stellenangebot vom Jobcenter erhalten zu haben.

„Die Jobcenter müssen den Schwerpunkt neu setzen“, sagt Roman Wink von der Bertelsmann Stiftung. „Weniger Bürokratie, mehr Vermittlung. Jobcenter müssen Menschen in passende Arbeit bringen.“ Gleichzeitig müssten auch die Anforderungen der Arbeitgeber berücksichtigt werden. Nicht jeder könne im potenziellen neuen Job sofort voll einsteigen.

Der Arbeitstag

Welche Jobs haben Zukunft? Wo knirscht’s zwischen Boomern und Gen Z? Wie verändern KI und Fachkräftemangel unser Berufsleben? „Der Arbeitstag“ ist der Newsletter mit allem, was die moderne Arbeitswelt bewegt. Klar, kompakt und direkt ins Postfach.


Die Studie zeigt: Besonders häufig gehen Menschen ohne Berufsabschluss bei Jobangeboten leer aus. Weiterbildungen richten sich laut Studie oft nur an Personen mit Hauptschulabschluss. Frauen, vor allem mit kleinen Kindern, werden seltener erreicht.

Zwischen Frust, Pflege und Gelegenheitsjobs

Auch andere Gründe halten Menschen von der Jobsuche ab. Knapp die Hälfte (49 Prozent) der Nicht-Suchenden sieht zu wenige passende Stellenangebote. 22 Prozent nennen familiäre Verpflichtungen wie Pflege oder Kinderbetreuung – Aufgaben, die nach wie vor überwiegend von Frauen übernommen werden. Ein Viertel (25,5 Prozent) glaubt, dass sich eine Arbeitsaufnahme finanziell kaum lohnen würde. Elf?Prozent geben an, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten.

Gerade in Paarhaushalten lohnt sich eine Arbeitsaufnahme für Frauen oft kaum, etwa wenn der Partner mehr verdienen kann und sein Einkommen bereits ausreicht, um den Leistungsbezug zu verringern oder zu beenden. Frauen werden dadurch häufig zur „Zusatzverdienerin“, deren Einkommen in der Bedarfsgemeinschaft finanziell wenig verändert. In Kombination mit Care-Arbeit und fehlenden Betreuungsmöglichkeiten entstehen so Hürden beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt.

Anzeige

„Wer lange Leistungen bezieht, verliert oft den Anschluss“, sagt Tobias Ortmann, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. Die Aufgabe der Jobcenter sei es, zu unterstützen und passgenaue Jobs oder Qualifizierung anzubieten. Dazu gehöre auch, dass Personen, die arbeiten könnten, aber Angebote ohne triftigen Grund ablehnten, sanktioniert werden. Zugleich müssten Betroffene mit gesundheitlichen Einschränkungen besser unterstützt werden, etwa durch einen Wechsel in andere Unterstützungssysteme wie Sozialhilfe oder Erwerbsminderungsrente.

Die Befragung wurde im Frühjahr 2025 durchgeführt. Teilgenommen haben 1.006 Bürgergeldempfänger zwischen 25 und 50 Jahren, die seit mindestens einem Jahr Leistungen beziehen und arbeitslos oder arbeitsuchend sind. Die Daten sollen Einblick geben in Lebensrealität, Hindernisse und Perspektiven von Langzeitbeziehern.

Anzeige

Anzeige