Wir verbringen den Großteil unseres Tages mit Kollegen. Wir arbeiten an Projekten, lösen Probleme, essen gemeinsam in der Mittagspause. Und trotzdem: Die meisten Menschen streiten sich mit ihren Partnern zu Hause deutlich häufiger als mit Kollegen im Büro. Aber warum ist das so? Wieso fliegen im Wohnzimmer schneller die Fetzen als im Großraumbüro?

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Nähe macht angreifbar – und zündbar

Der offensichtlichste Grund ist auch der unangenehmste: Wer uns nahe ist, trifft uns härter. Und triggert uns leichter. Während wir uns im Büro noch zusammenreißen, platzen zu Hause Sätze raus, die im Job zu Konflikten führen würden. „Räum doch endlich mal den Geschirrspüler aus!“ ist eben keine Einladung zum Perspektivwechsel.

Mit Kollegen haben wir eine funktionale Beziehung – da geht es um Zusammenarbeit. Mit dem Partner geht es um unser gemeinsames Leben, um Emotionen, um Nähe. Im Job agieren wir sachlich. Privat oft nur aus dem Bauch heraus.

Im Büro gibt’s Spielregeln – zu Hause gibt’s Erwartungen

Am Arbeitsplatz gelten ungeschriebene Regeln: höflich bleiben, nicht laut werden, niemanden bloßstellen. Diese Regeln halten viele Spannungen im Zaum, selbst, wenn der Kollege wieder mal tierisch nervt oder die Chefin eine schlechte Idee durchdrückt.

In Beziehungen ist das anders. Da gibt es nicht unbedingt Regeln, sondern vielmehr Erwartungen. Und die sind oft diffus, unausgesprochen – und enorm aufgeladen. Wer will schon nach acht Stunden Arbeit noch erklären, warum man bitte wieder vergessen hat, Butter zu kaufen?

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Streit als Ventil für Alltagsfrust

Mal ehrlich: Wer hat sich noch nie am Partner abreagiert, obwohl eigentlich der Chef das Problem war?

Im Alltag sammeln sich kleine und große Frustpunkte. Der Bus kam zu spät. Der Kollege hat dich im Meeting nicht zu Wort kommen lassen. Der Kundentermin war ein Desaster. Und dann: ein falsches Wort zu Hause – und BOOM. Es geht nicht um den Müll. Es geht um alles.

Wer sich tagsüber zusammenreißt, braucht irgendwann ein Ventil. Und wer ist da näher als der Mensch auf der Couch?

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Kontrolle versus Vertrauen

Mit Kollegen möchten wir gut dastehen. Wir geben uns Mühe. Wir kontrollieren uns. Zu Hause? Da lassen wir los – was irgendwie befreiend ist, aber auch riskant.

Der Partner ist der sichere Hafen. Und genau deshalb zeigen wir dort Seiten, die wir im Büroalltag gern verstecken. Gereiztheit, Müdigkeit, Überforderung. Leider führt das auch dazu, dass wir dort am wenigsten Geduld haben, obwohl er oder sie sie am meisten verdient hätte.

Schon gewusst? Konflikte sind allgegenwärtig, sowohl zu Hause als auch am Arbeitsplatz. Aber die Gründe unterscheiden sich teils drastisch. Laut einer YouGov-Umfrage streiten sich 30 % der Paare mindestens wöchentlich, nur 3 % nie. Die häufigsten Zankthemen: Tonfall und Einstellung (39 %), Geld (36 %) und Haushaltsaufgaben (27 %). Am Arbeitsplatz geht’s laut einer weiteren Analyse seltener um Emotionen – dafür um Vertrauen (73 %), Persönlichkeitskonflikte (72 %) und unklare Rollen (70 %).

Nicht jedes Augenrollen muss gleich zum Eklat führen

Wer mitten im aufziehenden Streit kurz innehält und sich fragt: „Worum geht’s hier eigentlich?“, kann etwas Dampf aus der Sache nehmen. Geht’s gerade um das Geschirr oder um all das, was ich heute schon geschluckt habe? Wer merkt, dass der Partner gerade nur als Blitzableiter für den Bürostress fungiert, kann das Gespräch auch mal vertagen. 

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Manchmal reicht auch einfach Abstand: eine Runde um den Block mit dem Hund, Fenster auf, ein paar Minuten frische Luft. Oft bringt das mehr als die große Grundsatzdiskussion.

Und ja, auch zu Hause darf man Feedback geben – freundlich, direkt, ohne Vorwurf. „Mich nervt das gerade, weil …“ ist vielleicht nicht romantisch, aber hilfreicher als jedes „Immer machst du …!“

Konflikte lassen sich eben leichter lösen, wenn man sie nicht zum Machtspiel macht. Es geht nicht um Gewinnen oder Rechthaben, sondern darum, gemeinsam rauszufinden, wo es gerade hakt. Nicht du gegen ich, sondern wir gegen das Problem. Hört sich simpel an, ist aber verdammt effektiv.

Streit ist nicht das Problem

Wie wir streiten, aber schon. Kollegen bekommen unsere Business-Class-Version – durchdacht, höflich, mit Smileys im Chat. Und zu Hause? Da landet oft nur noch der emotionale Restmüll vom Tag. Also: Vielleicht sollten wir den Menschen, die wir doch so sehr lieben, einfach mal genauso viel Geduld schenken wie dem Kollegen, bei dem wir innerlich seufzen.

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