Du willst beruflich aufsteigen, Teams führen, als empathische Führungskraft überzeugen? Blöd nur: Genau das kann dir im Auswahlprozess zum Verhängnis werden. Denn wer zu nett aussieht, landet nicht selten auf dem Absagestapel – einfach, weil die Ausstrahlung „zu freundlich“ wirkt.

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In einer Studie wurden zwei Experimente durchgeführt, die genau das belegen. Die Versuchspersonen – Studierende – sollten Führungskräfte einschätzen, ausschließlich anhand von Fotos. Kein Ton, kein Kontext, kein CV – nur der erste Eindruck zählte. In Experiment 1 schlüpften sie in die Rolle von Mitarbeitenden, in Experiment 2 in die von HR-Entscheidenden. Das Ergebnis ist so simpel wie bitter: Je sympathischer das Gesicht, desto seltener wurde die Person als bevorzugte Führungskraft ausgewählt, egal ob aus Mitarbeitenden- oder HR-Perspektive.

Warum sympathische Gesichter nicht nach Führung aussehen

Besonders spannend: Der Effekt zieht sich durch, sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen Führungskräften. Und: Frauen werten sympathische Chefinnen und Chefs sogar noch etwas strenger ab als Männer. Ob das mit Erwartungen an „weibliche Autorität“ oder mit subtilen Konkurrenzmechanismen zu tun hat, bleibt offen. Fakt ist: Die Anti-Sympathie-Tendenz ist erstaunlich robust.

Die Forschenden wollten es aber noch genauer wissen – und haben die Stabilität des Effekts gründlich geprüft. Sie nutzten zwei unterschiedliche Bilddatenbanken, um Verzerrungen durch einzelne Gesichter zu vermeiden, und kontrollierten systematisch für Attraktivität, Alter, ethnische Zugehörigkeit und wahrgenommene Kompetenz.

Das Ergebnis: Der Sympathie-Effekt bleibt bestehen. Es ist nicht das Aussehen, nicht das Alter und auch nicht, wie kompetent jemand wirkt, sondern schlicht das freundliche, offene Gesicht, das Minuspunkte bringt. Strenge Gesichtszüge wirken offenbar führungsstärker – und Menschen in Machtpositionen trauen wir mehr, wenn sie, überspitzt gesagt, leicht einschüchternd wirken.

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Der kühle Kontrolltyp hat demnach bessere Karten für den Chefposten als die warmherzige Wohlfühlchefin. Wichtig dabei: Gemessen wurden keine Führungsstile und kein tatsächliches Verhalten im Führungsalltag, sondern ausschließlich der visuelle Ersteindruck. Gerade deshalb ist das Ergebnis so entlarvend: Sympathie, die sonst Nähe schafft und Vertrauen ausstrahlt, wird im Kontext von Macht zur vermeintlichen Schwäche.

Was das über unser Führungsbild verrät

Noch absurder erscheint das, wenn man bedenkt, dass Freundlichkeit in fast allen anderen Berufsfeldern als Vorteil gilt. Top-Verkäufer, Ärzte, Lehrer – überall bringt ein freundliches Auftreten deutliche Pluspunkte. Nur bei Führung scheint zu gelten: bitte einmal Gesicht auf kalt stellen.

Gleichzeitig zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass gerade empathische, zugängliche Chefinnen und Chefs langfristig für mehr Teamzufriedenheit, geringere Fluktuation und höhere Leistungsbereitschaft sorgen. Kurz gesagt: Sympathie ist nicht nur menschlich, sie ist auch wirtschaftlich sinnvoll.

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Doch davon will im Auswahlprozess für Führungspositionen offenbar kaum jemand etwas wissen. Personalabteilungen, die sich selbst gerne als modern und werteorientiert inszenieren, entscheiden unbewusst noch immer nach veralteten Stereotypen. Die Autoritätsfalle schnappt zu, noch bevor das erste Gespräch überhaupt stattfindet. Statt in freundlichen Gesichtern das Potenzial für starke, menschenorientierte Führung zu erkennen, wird lieber der kantige Bewerber mit Alpha?Ausstrahlung genommen – der dann später mit Führungsstil von gestern die Belegschaft demotiviert.

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Die Forschenden betonen ausdrücklich: Diese Aversion gegen sympathisch wirkende Führung sagt nichts über die langfristige Leistung aus. Sie wirkt vor allem in frühen Auswahlphasen – dort, wo Entscheidungen auf Basis von Fotos, Kurzprofilen und ersten Eindrücken getroffen werden. Genau das ist gefährlich, weil es die Art von Führung aussortiert, die moderne Teams am dringendsten brauchen: verbindlich, nahbar, dialogorientiert.

Schon gewusst? Laut Destatis hatten in Deutschland 2024 rund 1,86 Millionen Menschen eine Führungsposition inne – davon waren 1,32 Millionen Männer, aber nur 540.000 Frauen. Der Frauenanteil lag damit bei gerade einmal 29,1 % – und stagniert seit einem Jahrzehnt fast unverändert. Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt liegt der Anteil weiblicher Führungskräfte bei 35,2 %, in Schweden sogar bei 44,4 %. Bemerkenswert: Obwohl Frauen fast die Hälfte der Erwerbstätigen in Deutschland stellen (46,9 %), bleiben sie in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert.

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Wie umgehen mit dem Sympathie?Bias?

Was lässt sich tun, wenn man selbst zu den „sympathischen Gesichtern“ gehört? Sicher nicht: die eigene Mimik für eine mögliche Führungsrolle einfrieren. Aber es lohnt sich, im Auswahlprozess aktiv gegenzusteuern. Wer freundlich wirkt, muss umso klarer kommunizieren, dass Freundlichkeit kein Mangel an Autorität ist. Souveränität, klare Entscheidungen, sichtbare Führungsleistung – all das gehört nach vorne gestellt.

So wird Sympathie nicht zum Stolperstein auf dem Weg in die Chefetage, sondern zu einem Versprechen: auf bessere Führung, menschlichere Teams und ein gesünderes Arbeitsumfeld. Also: Bitte lächeln – und sehr deutlich zeigen, wofür dieses Lächeln steht.

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