Du sitzt in der U-Bahn, den ersten Coffee-to-go des Tages in der Hand, und starrst auf das Leuchtreklame-Gesicht einer Karriereplattform. „Finde deine Berufung“, flötet es dir entgegen, „arbeite mit Sinn!“ Du seufzt. Neben dir schmatzt jemand an einem Müsliriegel, ein Baby schreit, die Luft ist abgestanden. Dein einziger Gedanke in diesem Moment: Ich will einfach nur meine Ruhe, meine Arbeit erledigen und pünktlich mein Gehalt auf dem Konto sehen. Und das ist völlig in Ordnung so.
Brennen führt oft zu Asche
Wir leben in einer Ära der Arbeitsromantik. Man soll nicht mehr nur einen Job machen, man soll „aufblühen“, „Purpose atmen“ und sich bitteschön jeden Montag selbst verwirklichen. Doch die Wahrheit ist deutlich nüchterner: Man muss nicht brennen, um gute Arbeit zu leisten. Wer lichterloh brennt, ist meist als Erster ausgebrannt.
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Manchmal braucht es nichts weiter als ein verlässliches Einkommen, geregelte Arbeitszeiten und einen Feierabend, der diesen Namen auch verdient. Der Anspruch, dass wir alle in unserer Erwerbstätigkeit unsere spirituelle Heimat finden müssen, ist eine Schimäre – vor allem für jene, die Mieten zahlen, Familien versorgen oder Kredite tilgen. Für die Mehrheit ist und bleibt Arbeit ein Tauschgeschäft: Lebenszeit gegen Kaufkraft.
Die moralische Abwertung des Kontostands
Es ist paradox: Wer offen zugibt, einen Job primär wegen der Bezahlung anzunehmen, erntet oft mitleidige bis angewiderte Blicke. Als hätte man sich moralisch verkauft. Als wäre Geld ein schmutziges Motiv, das die Integrität korrumpiert.
Dabei spricht die Realität eine andere Sprache. Laut IW-Report mit dem Titel „Alle unmotiviert? Arbeitsmotivation und Arbeitgeberbindung in Deutschland“ sind rund 90 Prozent der Beschäftigten in Deutschland mit ihrer Arbeit zufrieden – trotz aller Unkenrufe über „innere Kündigung“. Von einer flächendeckenden Demotivation kann also keine Rede sein. Es legt vielmehr nahe, dass Millionen von Menschen aus sehr bodenständigen Gründen morgens aufstehen: Sicherheit, Stabilität, Finanzierung des privaten Glücks.
Geld motiviert. Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine, die wir uns kaum noch auszusprechen trauen. Ob in der Werkhalle, im Vertrieb oder auf Station – Leistung hat ihren Preis.
Natürlich zählen Wertschätzung und Teamgeist, doch die Verhaltensforschung zeigt deutlich: In westlichen Gesellschaften bleibt die monetäre Prämie der stabilste Anker für Anstrengung. Das überrascht niemanden, der schon einmal am Monatsende mit dem Dispo jongliert hat. Geld ist kein „niedriger“ Grund – es ist ein existentieller.
Wann wurde Leidenschaft eigentlich zur Dienstpflicht?
Früher war ein Job oft einfach nur ein Job. Kein Lifestyle-Statement, keine Projektionsfläche für die gesamte Identität. Erst mit New Work und dem Start-up-Spirit verschob sich das Ideal: Nur wer liebt, was er tut, gilt als erfolgreich.
Die Schattenseite dieser Ideologie: Wer diese Liebe nicht empfindet, fühlt sich defizitär. Wer „nur“ arbeitet, um zu leben, ist irgendwie unambitioniert. Man will doch schließlich Karriere machen, oder nicht? Doch pragmatische Motivation ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von psychischer Reife.
Nehmen wir Jana, 32, Backoffice in einem Versicherungskonzern. Kein Glamour, keine LinkedIn-Posts über „Visionen“. Aber ihr Job finanziert die Eigentumswohnung, das neue Fahrrad für die Tochter und das Sommercamp, das sie sich als Kind nie leisten konnte. Muss sie ihre Akten lieben, um sie gewissenhaft zu bearbeiten? Nein.
Oder Emil, 29, Controlling. Tabellen sind nicht seine Leidenschaft, aber sein Konto ist entspannt und sein Kopf nach 17 Uhr frei für die Musikproduktion und den Gang ins Gym. Er braucht keine Berufung im Büro, weil er seine Freiheit im Privaten findet.
Der Arbeitstag
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Das Recht auf den gewöhnlichen Job
Die ständige Suche nach dem „einen“ Job, der uns vollendet, ist zermürbend. Die Arbeitswelt braucht nicht nur Visionäre, sie braucht vor allem Zuverlässigkeit. Die Welt dreht sich nicht weiter durch inspirierende TED-Talks, sondern durch Menschen, die ihren Dienst professionell und ja, nach Vorschrift erledigen – pünktlich, präzise.
Nicht jeder braucht den Gipfelsieg der Selbstverwirklichung. Es ist eine ebenso große Leistung, mit beiden Beinen fest im Tal zu stehen – gesund, zufrieden und ohne den Sauerstoffmangel der ständigen Selbstoptimierung.
Am Ende ist der Deal denkbar einfach: Du investierst Energie und Know-how, der Arbeitgeber zahlt. Warum sollten wir uns für diesen fairen Tausch schämen? Eben: Mach deinen Job. Nimm das Geld. Du schuldest der Welt keine epische Heldenreise.








