Man stelle sich vor: Ein Vorstellungsgespräch steht an. Das Gehalt ist verlockend, die Aufgaben klingen spannend, das Team wirkt offen. Doch beim zweiten Blick bröckelt das Bild. Viel Marketing, wenig Substanz. Nur Lippenbekenntnisse zum Klimaschutz, kein soziales Herz, keine Offenheit. Wie reagiert man darauf? Wer zur Generation Z gehört, entscheidet sich schnell: Abschied nehmen.
Eine Studie von Co-operatives UK unter 1.000 britischen Arbeitnehmern zwischen 18 und 27 Jahren macht eines klar: Werte sind für junge Beschäftigte die Grundbedingung für die Zusammenarbeit. Firmen, die hier nur Worthülsen bieten, werden schlicht keine Leute mehr finden.
Warum die junge Generation unethische Firmen aussortiert
- 61 % der jungen Beschäftigten gewichten die moralische Ausrichtung einer Firma genauso stark wie den Kontostand am Monatsende.
- 42 % spielten bereits mit dem Gedanken zu gehen, da der Betrieb keinem gesellschaftlichen Zweck dient.
- 40 % sortieren Unternehmen direkt aus, wenn das Handeln als unethisch empfunden wird.
- 59 % sind überzeugt, bei der Jobsuche deutlich wählerischer zu sein als die Generationen davor.
Werte wiegen so schwer wie das Gehalt
Die Ergebnisse der Studie lassen wenig Interpretationsspielraum: Für 61 Prozent der befragten Briten zählt das Auftreten eines Arbeitgebers heute genauso viel wie das Gehalt. Natürlich bleiben eine gesunde Work-Life-Balance (63 %) sowie eine faire Bezahlung (62 %) die wichtigsten Punkte. Aber die ethische Seite ist mittlerweile direkt zu einem gleichwertigen Kriterium aufgerückt.
Unmittelbar danach folgen Themen, die vor zwei Jahrzehnten noch kaum ein Bewerber laut ausgesprochen hätte: Der Gender Pay Gap (29 %), Aufrichtigkeit (28 %) und die Frage, ob die Firma einen Nutzen für die Menschen vor Ort stiftet (20 %).
Überraschend deutlich: Das Thema Homeoffice und Büropräsenz landete mit nur 20 % weit hinten. Ob man am eigenen Küchentisch oder im Firmensitz arbeitet, ist am Ende zweitrangig. Viel entscheidender ist für junge Menschen, wie die Firma tickt und wofür sie eigentlich steht.
Ohne tieferen Sinn folgt die Kündigung fast zwangsläufig
Personalchefs sollten bei diesen Werten aufhorchen. 42 Prozent der Befragten sind gedanklich schon auf dem Sprung. Wenn der Job also keinen tieferen Sinn erfüllt, schwindet die Mitarbeiterbindung.
Bereits in der Bewerbungsphase trennt sich die Spreu vom Weizen: 40 Prozent schicken ihre Bewerbungsunterlagen gar nicht erst ab, wenn ein Arbeitgeber einen zwielichtigen Eindruck hinterlässt. Dabei geht es längst nicht mehr nur um den Vorwurf des Greenwashings. Fairness und gesellschaftliche Pflichten fließen direkt in das Urteil ein.
Die junge Generation möchte die Zukunft der Arbeit neu gestalten und verlangt, dass Unternehmen Menschen, den Planeten und den Zweck über reinen Profit stellen. Jüngere Menschen möchten, dass ihre Arbeit sinnvoll und wirkungsvoll ist.
Beschäftigte fühlen sich nur als Personalnummer
Die emotionale Seite der Untersuchung ist fast noch brisanter. Und sie betrifft nicht nur junge Beschäftigte. Über alle Altersgruppen hinweg fühlen sich 63 Prozent der britischen Angestellten hin- und hergerissen, weil ihre Firma gesellschaftlich keinen Finger rührt oder dem Gemeinwohl schlicht nicht dient. 68 Prozent empfinden die tägliche Arbeit sogar als bedeutungslos. Die wohl drastischste Zahl:
Ganze 90 Prozent der Beschäftigten glauben, dass es in ihrer Firma auf sie als Mensch überhaupt nicht ankommt.
Dieses Empfinden zieht sich durch alle Altersstufen – doch die Gen Z ist die erste, die daraus die notwendigen Schlüsse zieht.
So ging es auch Ellie Rodwell. Die 27-Jährige kehrte ihrem Job in einem Großkonzern den Rücken, weil sie sich dort völlig verloren vorkam. Ihr fehlte das Gefühl, dass ihre Arbeit überhaupt irgendeinen Sinn stiftet oder gesehen wird. Heute arbeitet sie in einem Arbeitsumfeld, in dem ihr Beitrag direkt spürbar ist.
Die Lehren aus dem Burnout der Eltern
Dass die Gen Z heute so unnachgiebig auf echten Werten beharrt, hat viel mit den Erfahrungen in den eigenen Familien zu tun. Viele haben gesehen, wie sich ihre Eltern mit bedingungsloser Loyalität und viel Fleiß aufgeopfert haben – nur um am Ende zu erleben, dass diese Hingabe eine Einbahnstraße war. Wenn ein Arbeitgeber beim kleinsten Gegenwind den Menschen hinter der Personalnummer vergisst, wird das für die Kinder zum Mahnmal.
Sie wollen nicht mehr auf leere Versprechen hereinfallen oder ihre Zeit an Arbeitgeber verschwenden, die Fairness und Respekt nur im Leitbild stehen haben, aber im Alltag nicht leben. Für die junge Generation ist der Werte-Check deshalb auch eine Art Schutzmaßnahme. Sie lassen Firmen eiskalt abblitzen, weil sie wissen:
Wer keine ehrlichen Werte lebt, dem kann man auch seine eigene Lebenszeit nicht anvertrauen.
Interessant: Das Genossenschaftsmodell ist für die meisten jungen Leute völlig unbekannt. Dabei ist das Modell eigentlich die Antwort auf fast alle ihre Forderungen: Firmen, die ihren Mitgliedern gehören und Sinn vor Profit stellen. Sobald man die Idee dahinter einmal kurz erklärt, würden ganze 94 Prozent sofort dort anfahren zu arbeiten. Drei von vier jungen Menschen könnten sich sogar vorstellen, direkt selbst eine Genossenschaft zu gründen.
Der Personalmangel zwingt deutsche Betriebe zum Umdenken
Die Daten stammen zwar aus Großbritannien, lassen sich aber eins zu eins auf den hiesigen Markt übertragen. Angesichts des Personalmangels in fast allen Branchen ist es riskant, die Vorstellungen einer ganzen Generation als bloße Ansprüche abzutun.
Diese jungen Menschen haben Optionen und nutzen sie. Fast die Hälfte der Befragten will stolz auf den Arbeitgeber sein. Und sie nehmen kein Blatt mehr vor den Mund: 35 Prozent würden im Betrieb ihrem Ärger Luft machen, wenn der Umweltschutz ignoriert wird. Weitere 31 Prozent reagieren genauso allergisch, wenn die Chefetage unehrlich agiert.
Dieser Anspruch prägt aber nicht nur das Berufsleben. 40 Prozent achten auch privat beim Einkauf streng auf die Wirkung eines Herstellers. Ehrlichkeit, Unabhängigkeit und der Beitrag für die Gemeinschaft sind zu harten Währungen geworden.
Was zieht und hält die Gen Z im Unternehmen?
Wer als Arbeitgeber bei der Gen Z punkten will, muss hier ansetzen:
- Tipp #1: Werte sichtbar machen — nicht nur behaupten. Schreib nicht „Nachhaltigkeit ist uns wichtig“ auf die Website und lass es dabei. Zeig konkret, was du tust: CO?-Bilanz offenlegen, Lieferketten transparent machen, soziales Engagement dokumentieren. Die Gen Z recherchiert — und erkennt leere Versprechen schneller, als du „Employer Branding“ sagen kannst.
- Tipp #2: Purpose in die Unternehmensstruktur einbauen. Gewinnbeteiligung, faire Bezahlung, Engagement vor Ort — wer solche Maßnahmen nur auf der Karriereseite erwähnt, aber im Alltag nichts davon spürbar macht, verliert genau die Talente, die er anziehen will.
- Tipp #3: Mitarbeitern eine Stimme geben. 35 Prozent der Gen Z wollen sagen können, wenn ihnen etwas nicht passt. Das sollte Führungskräfte nicht nervös machen. Im Gegenteil: Wer seine Leute wirklich mitentscheiden lässt, sorgt dafür, dass sie sich nicht nur als Erfüllungsgehilfen fühlen und sich entsprechend einbringen.
Werte werden zum harten Standortfaktor der Gen Z
Es wäre ein Fehler, diese Studienergebnisse als reine „Wunschliste“ einer anspruchsvollen Generation abzutun. Der Arbeitsmarkt wandelt sich spürbar. Moral und gelebte Werte haben sich in diesem Umfeld längst zur wirtschaftlichen Notwendigkeit entwickelt.
Dabei geht es nicht darum, jedem Trend hinterherzulaufen oder die Generation Z „zu pudern“, wie es oft kritisch beäugt wird. Gefragt ist schlicht eine Identität, die über das Profitstreben hinausreicht. Wer als Arbeitgeber heute nicht glasklar zeigt, wofür er steht – und das im Alltag auch belegt und vor allem lebt –, wird für die Talente von morgen schlicht unsichtbar und den War of Talents schlicht verlieren.
Nachgefragt: Wie wichtig ist die ethische Seite des Jobs? Gab es schon Momente, in denen du eine Stelle abgelehnt hast, weil dein Bauchgefühl bei den Werten des Unternehmens nicht stimmte?

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