Das Büro im sechsten Stock, den Dienstwagen unten auf dem Parkplatz, das Gehalt, von dem du vor zehn Jahren nicht mal zu träumen gewagt hättest. YES, du hast es geschafft. Und trotzdem klingelt das Telefon schon um 7:14 Uhr, während du noch im Badezimmer stehst. Abends um halb zehn scrollst du durch die letzten ungelesenen Mails. Und am Sonntagnachmittag, irgendwo zwischen Familienfrühstück und der ersten Präsentation der neuen Woche, fragst du dich kurz – wirklich nur kurz –: Wofür eigentlich?

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Ab wann macht Geld nicht mehr glücklicher?

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat zusammen mit Angus Deaton gezeigt, dass emotionales Wohlbefinden ab einem Haushaltseinkommen von rund 75.000 US-Dollar jährlich kaum noch weiter steigt. Neuere Forschungen haben diese Schwelle nach oben korrigiert, aber das Grundprinzip bleibt: Mehr Geld macht dich nicht proportional glücklicher. Irgendwann flacht die Kurve ab.

Lese-tipp: Macht Geld glücklich? Studie knackt Gehaltsformel!

Was dagegen steigt, ist die Verantwortung. Die Erwartungshaltung. Der Druck, Entscheidungen zu treffen, die andere direkt betreffen. Und der Feierabend, der keiner ist – weil der Job im Kopf weiterläuft.

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Schon gewusst? Laut TK-Stressreport 2025 fühlen sich zwei Drittel der Menschen in Deutschland in ihrem Alltag oder Berufsleben häufig oder manchmal gestresst – nur acht Prozent empfinden gar keinen Stress.

83 Prozent der Führungskräfte machen Überstunden

Es ist nicht der Stress an sich, der das Problem ist. Stress in Maßen ist produktiv, er schärft die Konzentration, erzeugt Fokus, macht Leistung möglich. Das Tückische ist der Dauerstress – der Zustand, in dem das Stresssystem nie wirklich zur Ruhe kommt.

Führungskräfte und hochbezahlte Fachkräfte befinden sich strukturell in einer Position, die genau das begünstigt. Du bist erreichbar. Du bist zuständig. Du kannst die Verantwortung schlecht an jemand anderen abgeben, weil es eben deine ist. Und du hast gelernt, Belastung als Normalzustand zu akzeptieren, weil die Karriere das so mit sich gebracht hat.

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Das Gehalt tröstet dabei nur kurzfristig. Was es nicht zurückgibt, ist die Zeit. Der Arbeitszeitmonitor von Compensation Partner hat 215.403 Datensätze ausgewertet und kommt zu meint: 83 Prozent der Führungskräfte leisten regelmäßig Überstunden – im Schnitt 7,8 Stunden pro Woche, fast das Doppelte von Fachkräften. Über die gesamte Berufslaufbahn gerechnet, summiert sich das auf rund 15.390 Stunden. 74 Prozent davon werden nie ausgeglichen. Wer also glaubt, das hohe Gehalt mache die Überstunden irgendwie wett – der irrt.

Lese-Tipp: 44 Prozent machen Überstunden – meist ohne Bezahlung

Wer lebt besser – der Gutverdiener oder der Pünktlichheimgeher?

Stell dir zwei Menschen vor. Der eine ist Führungskraft und verdient 75.000 Euro im Jahr, arbeitet 55 Stunden pro Woche, ist ständig erreichbar, schläft schlecht und ist seiner Familie nie wirklich präsent. Die andere Fachkraft verdient vielleicht 20.000 Euro weniger, arbeitet 38 Stunden, hat Feierabend – echten Feierabend – und fährt am Wochenende Fahrrad, ohne Diensthandy in der Hosentasche. Wer lebt besser?

Die meisten würden spontan antworten. Und dann kurz zögern. Der OECD Better Life Index liefert dazu eine klare Antwort: Länder mit besonders langen Arbeitszeiten schneiden bei Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden systematisch schlechter ab – unabhängig vom Einkommensniveau. Wer demnach mehr als 50 Stunden pro Woche arbeitet, gehört laut OECD zu einer Risikogruppe mit messbar schlechterer Gesundheit und niedrigerer Lebensqualität. Das Einkommen federt das nur bedingt ab.

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Leider definiert unsere Gesellschaft Erfolg fast ausschließlich über Titel, Gehalt und Karrierestufen. Wer weniger verdient, ist eben nicht ambitioniert genug – hat keinen Drive. Wer pünktlich Feierabend macht, lebt die Dienst-nach-Vorschrift-Mentalität. Diese Logik hält sich gerade in Deutschland immer noch hartnäckig und wird in Debatten um die Erhöhung der Leistungs- und Arbeitszeit nur noch mehr befeuert.

Wann ist genug genug?

Eine eindeutige Grenze gibt es nicht. Aber Körper und Kopf geben Hinweise – meistens früher, als man sie wahrhaben will.

Du arbeitest seit Monaten mehr als du eigentlich wolltest. Du erinnerst dich morgens kaum noch, was du abends bei Netflix und Co. geschaut hast. Urlaub fühlt sich weniger nach Erholung an als nach Aufschieben. Du bist zu erschöpft, um die Dinge zu tun, die dir früher Energie gegeben haben. Sport, Wandern, Radeln – alles vorbei. Und du rechtfertigst das alles damit, dass es ja nur vorübergehend ist, obwohl du das schon vor zwei Jahren gesagt hast.

Und zu Hause? Beim Abendessen bist du zwar körperlich anwesend, gedanklich aber noch im Büro. Du weißt nicht mehr, wann du das letzte Mal entspannt aufgewacht bist und dich auf den Tag mit den Kindern gefreut hast. Das sind keine stressigen Tage, die mal vorübergehen. Das sind handfeste Warnsignale.

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Karriere oder Leben – muss das wirklich eine Entscheidung sein?

Es geht nicht darum, Karriere schlecht zu reden. Oder so zu tun, als wäre Ehrgeiz ein Fehler.

Lese-Tipp: Der Unterschied zwischen Ehrgeiz und Karrieregeilheit

Viel Verantwortung zu tragen, etwas aufzubauen, Menschen zu führen und dafür fair entlohnt zu werden – das hat seinen Wert. Aber der Wert bemisst sich nicht allein daran, wie viel du verdienst. Sondern auch daran, was du zurückbekommst – an Energie, an Sinn, an Kontrolle über deine eigene Zeit.

Wer diese Entscheidung bewusst getroffen hat – weniger Titel, mehr Zeit – berichtet fast immer dasselbe: Er hat es nicht bereut. Nur zu spät gemacht. Die Forschung gibt ihm recht: Kahneman hat nicht nur gezeigt, dass Geld ab einem gewissen Punkt nicht glücklicher macht. Er hat auch gezeigt, dass Menschen systematisch überschätzen, wie viel Zufriedenheit zukünftiger Erfolg bringen wird – und unterschätzen, was sie dafür im Jetzt aufgeben.

Die Frage „Ist es das wert?“ lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie lässt sich nur individuell beantworten – und zwar dann, wenn du aufhörst, sie mit dem nächsten Jahresgehaltsgespräch aufzuschieben.

Nachgefragt: Hast du dir diese Frage schon einmal ernsthaft gestellt – und was war deine ehrlichste Antwort? Schreib uns gern.

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