„Na, heute nur halbtags?“ Wer pünktlich Feierabend macht, kennt solche Sprüche vielleicht. Wer abends noch am Schreibtisch sitzt, bekommt für seinen Einsatz dagegen Anerkennung. Ob die Arbeit effizient war, spielt dabei oft eine geringere Rolle als die Frage, wie lange jemand geblieben ist.

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Natürlich lässt sich nicht jede zusätzliche Stunde vermeiden. Eine Kollegin fällt aus, ein Kunde braucht kurzfristig Hilfe, eine Frist rückt näher. Werden Überstunden allerdings zur Voraussetzung dafür, dass der Betrieb funktioniert, stellt sich eine grundsätzliche Frage: Ist die Arbeit in der vorgesehenen Zeit überhaupt zu schaffen?

Hunderte Millionen Stunden ohne Bezahlung

„Nur noch schnell die Präsentation fertigstellen.“ Mit solchen Sätzen verlängert sich ein Arbeitstag leicht. Aus einer halben Stunde wird eine ganze, aus der Ausnahme eine Erwartung.

Wie viel dabei zusammenkommt, zeigt die Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Aus den im Sommer 2026 revidierten Quartalswerten ergeben sich für 2025 rund 1,31 Milliarden Überstunden. Davon waren rund 753 Millionen unbezahlt – etwa 58 Prozent. Überstunden auf Arbeitszeitkonten, die später durch Freizeit ausgeglichen werden können, werden gesondert erfasst und sind in diesem Volumen nicht enthalten.

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Die Zahlen allein erklären noch nicht, warum Menschen länger arbeiten. Sie zeigen aber, welchen Umfang die zusätzliche Arbeit annimmt. Wer darüber spricht, wie sich mehr Arbeitskraft mobilisieren lässt, sollte auch berücksichtigen, wie viel Beschäftigte bereits über ihre vereinbarte Zeit hinaus leisten.

Wenn für Erholung keine Zeit bleibt

Eine zusätzliche Stunde macht nicht automatisch krank. Gesundheitlich bedenklich sind vor allem dauerhaft lange Arbeitszeiten und fehlende Erholung. Dabei zählt die gesamte Arbeitsdauer, unabhängig davon, ob die zusätzlichen Stunden bezahlt werden.

Eine 2021 veröffentlichte Auswertung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verdeutlicht das Risiko: Mindestens 55 Arbeitsstunden pro Woche waren gegenüber 35 bis 40 Wochenstunden mit einem schätzungsweise 35 Prozent höheren Schlaganfallrisiko und einem 17 Prozent höheren Risiko, an einer ischämischen Herzkrankheit zu sterben, verbunden. Gemeint sind relative Risikoerhöhungen, keine zusätzlichen Prozentpunkte.

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Auch Schlafstörungen, Müdigkeit und Erschöpfung werden von Beschäftigten mit langen Arbeitszeiten häufiger berichtet. Darauf weist die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hin. Gleichzeitig bleibt weniger Zeit für Familie, Freunde und andere Aktivitäten außerhalb des Berufs.

Eine Stunde mehr ist nicht immer eine produktive Stunde

Aus Sicht eines Unternehmens scheint die Rechnung zunächst einfach: Wer länger arbeitet, kann mehr erledigen. Für einzelne Aufgaben mag das stimmen. Als dauerhafte Strategie hat diese Rechnung jedoch eine Schwachstelle. Menschen bleiben über den Tag hinweg nicht beliebig lange gleich leistungsfähig.

Mit zunehmender Arbeitsdauer können Ermüdung und Konzentrationsprobleme zunehmen. Wie stark die Leistung darunter leidet, hängt unter anderem von der Tätigkeit, der Arbeitsintensität und den Erholungsmöglichkeiten ab. Lange Arbeitszeiten gehen außerdem mit einem erhöhten Risiko für Fehler und Arbeitsunfälle einher.

Wer am Abend eine Aufgabe abschließt, hat zunächst etwas geschafft. Muss das Ergebnis am nächsten Morgen korrigiert werden, fällt der Zeitgewinn kleiner aus. In Berufen, in denen Beschäftigte für die Sicherheit anderer verantwortlich sind, können Fehler zudem weit schwerere Folgen haben.

Es lohnt sich deshalb, genauer hinzusehen: Was bringen die zusätzlichen Stunden tatsächlich? Und welche Probleme sollen sie auffangen?

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Wenn Anwesenheit zum Maßstab wird

Auch ohne ausdrückliche Anweisung kann Druck entstehen, länger zu arbeiten. Etwa durch einen spöttischen Kommentar zum pünktlichen Feierabend. Oder durch besonderes Lob für den Kollegen, der am Wochenende noch schnell eine Aufgabe erledigt hat.

Wer solche Signale regelmäßig erlebt, kann den Eindruck gewinnen, dass gute Arbeit allein nicht genügt. Der Einsatz muss auch sichtbar sein, möglichst nach Feierabend.

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Lese-Tipp: Nein, pünktlich Feierabend zu machen, ist kein Zeichen für wenig Engagement im Job

Führungskräfte entscheiden mit, welches Verhalten Anerkennung bekommt. Würdigen sie verlässliche Ergebnisse und gute Zusammenarbeit? Oder vor allem die Bereitschaft, jederzeit einzuspringen?

Wer zusätzliche Stunden selbstverständlich hinnimmt, läuft Gefahr, ihre Ursachen zu übersehen. Vielleicht fehlt Personal. Vielleicht sind Zuständigkeiten unklar. Vielleicht werden zu viele Aufgaben gleichzeitig als dringend betrachtet. All das lässt sich eine Weile durch Mehrarbeit auffangen. Gelöst ist es damit nicht.

Gute Führung beginnt bei einem realistischen Arbeitspensum

Wie wichtig Führung für die Bindung an den Arbeitgeber ist, unterstreicht der Gallup Engagement Index Deutschland 2025. Demnach haben nur 10 Prozent der Beschäftigten eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber. 13 Prozent weisen keine emotionale Bindung auf – Gallup bezeichnet das als innere Kündigung. Der Bericht hebt die Bedeutung der erlebten Führungsqualität hervor. Dass Überstunden die geringe Bindung verursachen, belegen diese Zahlen allerdings nicht.

Im Arbeitsalltag zeigt sich gute Führung auch im Umgang mit einer vollen Aufgabenliste. Wenn die Zeit nicht reicht, braucht es eine Entscheidung: Was hat Vorrang, was kann warten, was entfällt? Bleibt diese Entscheidung aus, wird das Problem an die Beschäftigten weitergereicht. Sie sollen dann selbst herausfinden, wie sie die Aufgaben trotzdem erledigen.

Der Rat, besser auf die eigenen Grenzen zu achten, reicht deshalb nicht aus. Beschäftigte müssen Überlastung ansprechen können. Führungskräfte müssen darauf reagieren und die Arbeit so organisieren, dass sie in der vereinbarten Zeit zu bewältigen ist.

Quellenhinweis

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