Tränen halten sich nicht an Zeitpläne. Sie warten nicht, bis wir das Büro verlassen haben oder uns im Auto einschließen können. Manchmal passiert es auf dem Weg zur Arbeit, manchmal mitten im Meeting, manchmal direkt gegenüber von Kunden oder Vorgesetzten.

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Und kaum hat man sich wieder gefangen, setzt das große Grübeln ein. Was denken die jetzt von mir? War das eben komplett daneben? Und wie zum Teufel verhalte ich mich jetzt?

Das Wichtigste in Kürze

  • Häufiger als gedacht: 39 Prozent der Beschäftigten haben bei der Arbeit geweint.
  • Chefs sehen es locker: 44 Prozent der Finanzchefs finden gelegentliches Weinen im Job völlig okay.
  • Peinlich muss nicht sein: Niemand verlangt, dass du dich für Tränen rechtfertigst.

Warum Tränen kein Kontrollverlust sind

Wir haben gelernt, uns im Berufsleben wie Maschinen zu verhalten. Rational, emotionslos, immer funktionierend. Doch Weinen ist viel mehr als das. Weinen ist eine der ehrlichsten Reaktionen, mit der Menschen ihre Gefühle ausdrücken. Und meistens kommen die Tränen genau dann, wenn wir uns lange für etwas verausgabt haben und der Druck sich gerade jetzt ein Ventil sucht.

Der US-Personaldienstleister Resume Now hat in einer Online-Umfrage mit 1.018 US-Beschäftigten genau danach gefragt. Das Ergebnis: 39 Prozent gaben an, schon einmal am Arbeitsplatz geweint zu haben – egal ob am Schreibtisch, im Meeting, auf der Toilette oder im Auto. Weitere 21 Prozent standen kurz davor, haben sich aber beherrscht.

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Woher die Tränen wirklich kommen

Tränen im Job haben selten nur einen Auslöser. Meistens steckt einer von vier Gründen dahinter, und es hilft, den oder womöglich die eigenen zu kennen:

  • Der häufigste ist schlichte Überforderung. Zu viele dringliche Aufgaben, zu wenig Pause, und irgendwann reicht ein weiteres „Hey, kannst du mal…“ und man bricht regelrecht zusammen. Die Tränen sind dann das Signal, dass die Last, die auf deinen Schultern lagert, zu groß geworden ist.
  • Manchmal steckt auch schlicht Wut dahinter. Du willst eigentlich „Nein“ sagen und endlich mal Grenzen setzen, bringst es aber nicht raus, und statt klarer Ansage kommen die Tränen. Gerade wer schon in der Kindheit gelernt hat, sich zusammenzureißen, kennt das.
  • Und dann ist da das Private. Liebeskummer, eine Diagnose, ein Verlust in der Familie, all das trägst du mit ins Büro, auch wenn du es dort nicht zeigen willst. In solchen Phasen sind Tränen einfach die Reaktion eines Menschen, der gerade viel aushält.
  • Zu guter Letzt ist da noch die Arbeit selbst. Du merkst, dass der Job, den du dir die letzten Jahre wie eine zweite Haut angezogen hast, einfach nicht mehr zu dir passt. Doch die aktuelle Wirtschaftslage verunsichert dich. Du bleibst, weil dir der Mut für den Absprung fehlt und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten in dieser Phase bröckelt. Du hältst aus, weil die Angst vor dem Ungewissen größer ist als die Frustration im Alltag.

Schon gewusst? Frauen weinen deutlich häufiger als Männer. Laut einer Übersichtsarbeit der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft kommen Frauen auf 30- bis 64-mal im Jahr, Männer auf 6- bis 17-mal. Bis zum 13. Lebensjahr weinen Jungen und Mädchen in etwa gleich viel, erst danach geht die Schere auseinander.

Cry Masking kostet Kraft

Die meisten Menschen flüchten sich in das, was der Trendbegriff „Cry Masking“ ausdrückt. Du läufst quasi innerlich über, aber nach außen setzt du ein Lächeln auf. Du starrst aus dem Fenster, täuschst einen Hustenanfall vor oder rennst aufs Klo.

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Die Frage ist nur: Warum dieser enorme Aufwand, um unsere Emotionen zu maskieren? Die Angst vor dem Urteil der Kollegen ist groß. Wir fürchten den Stempel „emotional instabil“. Dabei bleibt der Druck, den wir so mühsam wegdrücken, im Körper. Er frisst unsere Energie. Er raubt uns den Fokus.

Wie reagiert die Führungsebene auf Tränen?

Deutlich gelassener, als Betroffene in ihrer Panik befürchten. Der Personaldienstleister Robert Half befragte 2018 über 2.200 Finanzchefs dazu. 44 Prozent von ihnen halten gelegentliches Weinen im Job für völlig in Ordnung. Knapp ein Drittel gibt sogar an, dass ein emotionaler Ausbruch das Ansehen im Unternehmen überhaupt nicht negativ beeinflusst. Gefühle im Job sind also auf Führungsebene längst nicht mehr flächendeckend ein Tabu. Gut so, denn Tränen gehören zum Menschsein.

Den Tränen ihren Lauf lassen

Wenn du merkst, dass es kein Halten mehr gibt, versuch nicht, die Tränen krampfhaft wegzublinzeln – das funktioniert ohnehin nicht. Geh einfach kurz raus, hol dir ein Glas Wasser und atme tief durch. Schon wenige Sekunden und ein paar Meter Abstand genügen meistens, um die akute Anspannung abzufangen und wieder klar zu werden.

Solltest du doch direkt vor deiner Chefin oder den Kollegen geweint haben, ist das eben so. Punkt. Das Schlimmste, was du jetzt tun kannst, ist, dich in endlose Rechtfertigungen zu verstricken. Damit machst du den Moment nur künstlich größer und verkrampfter, als er eigentlich ist. Ein kurzer und ruhiger Satz reicht völlig: „Entschuldigung, der Moment hat mich gerade erwischt. Ich bin gleich wieder bei der Sache.“ Mehr braucht es nicht. Niemand verlangt von dir, dass du dich für deine menschlichen Emotionen rechtfertigst.

Übrigens: Wenn du ständig bei der Arbeit weinst, schau genauer hin. Tränen sind oft nur das Symptom. Der Auslöser liegt fast immer tiefer: zu viel Druck, ein toxisches Arbeitsumfeld oder private Krisen, die du mit in den Job schleppst.

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Lese-Tipp: „Toxische“ Kollegen: Wie der Umgang mit schwierigen Menschen gelingt

Nachgefragt: Hast du schon einmal bei der Arbeit geweint und dich hinterher dafür geschämt? Was hättest du dir in dem Moment von den Kollegen oder der Chefin gewünscht? 

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