Wut kann beflügeln – aber auch schädlich sein. Über den richtigen Umgang mit der wohl intensivsten Emotion im Arbeitsalltag und warum uns der falsche Umgang krank macht.

Anzeige

Wenn dein Herz rast, dein Blut kocht und Adrenalin ausgeschüttet wird, erleidest du gerade vielleicht einen heftigen emotionalen Ausbruch. Körper und Psyche reagieren extrem. Du bist wütend.

Wut hat einen schlechten Ruf. Sie wirkt explosiv, aggressiv, unangenehm; versetzt das Umfeld in Schrecken und verletzt andere. Auch wenn sie geächtet wird, ist sie aus psychologischer Sicht aber wichtig. Zum Beispiel in Streitsituationen, wenn wir als Kind unterdrückt werden oder bei Ungerechtigkeiten im Erwachsenenalter. Grenzen werden sichtbar, wenn wir Wut ausdrücken. Evolutionsbiologisch hat die mächtige Regung auch ihre Daseinsberechtigung – denn ohne die intensive psychische und körperliche Reaktion könnten wir uns in Gefahrensituationen nicht verteidigen.

Wann Wut schädlich ist

Wut hat bekanntermaßen nicht nur gute Seiten. Wird der Zustand zu intensiv und maßlos oder richten wir die Wut gegen uns selbst, indem wir schweigen und sie nach innen kehren, kann sie uns und unserem Umfeld langfristig schaden. Betroffen sind die Beziehungen zum Partner, zu Arbeitskollegen, zum Chef oder auch Geschäftsbeziehungen.

In folgenden Fällen kann Wut sich negativ auswirken:

Anzeige

1. Unterdrückte Wut, die nach innen geht

Ständiges Herunterschlucken belastet Körper und Psyche. Wenn die Wut keinen geeigneten Raum und Ausdruck findet, kann es passieren, dass wir die intensive Regung immer wieder in uns hineinfressen. Das macht krank. Der erhöhte Stress kann Immunsystem, Herzgesundheit und allgemeines Wohlbefinden beeinträchtigen.

Prof. Dr. Hans Markowitsch, Hirnforscher von der Universität Bielefeld, betont, dass unser limbischen Hirn in diesem Zustand dauerhaft aktiv ist. Wir schütten vermehrt Stresshormone aus, was zu Depressionen führen kann. Zudem „bestrafen“ wir uns selbst, wenn wir Wut immer wieder unterdrücken, weil sie sich so gegen uns richtet und selbstzerstörerisch wirkt. Unzufriedenheit sowie irrationale Schuldgefühle sind oft das Resultat.

2. Maßlose Wut, die nach außen geht

Regen wir uns hin und wieder auf, ist das normal. Wenn wir unsere Wut jedoch ständig nach außen kehren, Dampf bei anderen ablassen und unseren Beziehungen schaden, ist das bedenklich. Maßlose Wut, die regelmäßig zu einem Kontrollverlust führt, wirkt sich deshalb auf Arbeit und Privatleben aus. Ob Schreien, Gegenstände um sich schmeißen oder sogar jemanden verletzen: Tätigkeiten, die aus Wut und Kontrollverlust heraus folgen, sollten Grenzen haben.

Anger Control: So reagierst du bei Wut im Arbeitsalltag

Wenn Kollegen oder Kunden uns gehörig auf den Keks gehen oder unser Chef falsche Versprechungen macht, fühlst du dich schnell wütend. Im Arbeitsalltag kann Wut, mit der wir nicht gut umgehen können, besonders kontraproduktiv sein: Wer die Situation für sich nicht lösen kann, leidet unter Konzentrationsproblemen, Unproduktivität und innerer Unruhe. Folgende Vorgehensweisen kannst du trainieren und anwenden, wenn jemand dein Blut wieder mal in Wallung bringt.

Anzeige

1. Cool down: Abstand gewinnen

Konflikte sollten wir nicht vermeiden, sondern lösen. Dennoch führt Wut dazu, dass wir über die Stränge schlagen und schlechte Zuhörer sind. Wer aufgebracht ist, möchte nicht unbedingt verstehen – sondern nur verstanden werden. Das ist keine gute Ausgangssituation für ein lösungsorientiertes Gespräch. Wenn du merkst, dass du wütend bist, kann es helfen, das Gespräch oder eine Situation zu unterbrechen und kurzfristig zu verlassen. Teile deinem Gegenüber mit, dass du einen Moment für dich benötigst.

2. Wut reflektieren

Nicht immer ist es der Chef, der uns wütend macht. Manchmal ist es ein ungelöster Beziehungskonflikt, eine Trennung oder etwa der Streit mit den Eltern, der uns gehörig auf die Palme bringt. Dennoch geben wir dann zum Beispiel einem Kunden, einem Kollegen oder unseren Vorgesetzten die Schuld, weil sie gerade zu laut, zu frech, zu lustig, zu locker sind. Denn es fühlt sich manchmal gut an, einen Sündenbock zu haben, der unseren Gefühlszustand rechtfertigt.

Reflektiere deshalb deine Wut: Worum geht es dir wirklich? Oder warum triggert dich dieses eine Verhalten so besonders?

3. Ich-Botschaften statt Schuldzuweisungen

Ein besonders schwieriger Schritt – aber er ist notwendig: Teile deinem Gegenüber ganz ehrlich mit, was dich so in Rage versetzt, wenn du wieder einen kühlen Kopf hast und ganz bei dir bist. Denke daran, dass der Ausdruck von Wut wichtig, richtig und erlaubt ist – auch wenn die gesellschaftlichen Normen dagegen sprechen und es unhöflich wirken könnte.

Anzeige

Achte darauf, das Gespräch in „Ich-Botschaften“ zu verpacken. Das hat den Vorteil, dass dein Gegenüber sich weniger schnell angegriffen fühlt und so meist offen für Veränderungen und das Eingehen auf deine Wünsche und Bedürfnisse ist. Wer hingegen mit Schuldzuweisungen versucht, eine Person zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, sollte mit Gegenwind rechnen. Denn das gegenseitige Zuschieben von Schuld ist kontraproduktiv.

Ein Beispiel, wie du dich ausdrücken kannst:

„Ich fühle mich gereizt und verärgert, weil ich mir eigentlich wünsche, dass unsere Treffen pünktlich stattfinden. Mir ist bewusst, dass du eine stressige Phase durchlebst. Mir wäre es wichtig, dass wir dennoch eine Lösung für unsere gemeinsamen Meetings finden.“

Tipps für mehr Gelassenheit

Tipp 1: Finde Räume, in denen du wütend sein darfst

Ob beim Autofahren fluchen oder die Teilnahme an einem Theaterkurs mit viel „Drama“: Es ist wichtig, Räume zu finden, in denen wir unserer Wut freien Lauf lassen, damit wir sie nicht ständig schlucken oder einen Kontrollverlust auf der Arbeit erleiden. Wut ist natürlich – und sie wird auf jeden Fall kommen. Unterdrücke sie nicht, sondern suche einen angemessenen Platz für sie.

Tipp 2: Nimm dir Zeit für dich & schalte regelmäßig ab

Stress, Erschöpfung und die Hektik des Alltags – alles führt dazu, dass wir schnell gereizt sind. Versuche deshalb ganz bewusst, auch mal alleine zu sein und dich zu spüren. Es ist nicht wichtig, auf jede Gefühlsregung zu reagieren, denn manchmal wollen Gefühle und Emotionen einfach nur gespürt werden.

Wichtig ist, dass du deine Wut wahrnimmst, sie reflektierst, aber auch lernst, abzuschalten und zu entspannen. Einfach ist das nicht immer – aber regelmäßiges Üben hilft.

Anzeige

Tipp 3: Höre aufmerksam zu, bevor du reagierst

Wenn wir unser Gegenüber missverstehen, werden wir manchmal wütend. Dem können wir vorbeugen, indem wir aktiv zuhören, bevor wir reagieren. Werde gelassener, indem du Äußerungen oder Verhaltensweisen nicht immer auf dich beziehst – sondern versuchst zu verstehen, wie es deinem Gesprächs- oder Interaktionspartner wirklich geht.

Übrigens: Eine simple Frage kann die Situation manchmal sogar gänzlich entschärfen: „Sag mal, wie fühlst du dich heute eigentlich?“

Psychologische Hilfe bei unkontrollierbaren Wutanfällen

Du fühlst dich stark deprimiert, gereizt, rastlos und bist häufiger wütend – und du hast das Gefühl, den Arbeitsalltag nicht mehr so richtig bewältigen zu können? Wenn wir unter unkontrollierbaren Wutanfällen leiden oder unsere Wut unterdrücken, kann es erlösend sein, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Eine Psychotherapie kann dabei helfen, uns selbst besser zu verstehen und einen gesunden Umgang mit unserer Gefühlswelt sowie unserem Umfeld zu finden. Zögere deshalb nicht, dich beraten zu lassen.

Bildnachweis: laflor/istockphoto.com

Anzeige