Stress gehört zum Arbeitsleben. Viele Termine, komplexe Aufgaben oder Phasen mit besonders hoher Arbeitslast lassen sich kaum vermeiden. Problematisch wird es hingegen, wenn aus einer vorübergehenden Belastung ein Dauerzustand wird. Dann lohnt sich ein genauerer Blick auf die Führung. Liegt das Problem vielleicht nicht bei den Beschäftigten, sondern bei der Art, wie im Unternehmen geführt wird?
Die Zahlen des TK-Stressreport 2025 zeigen, wie verbreitet Belastung im Arbeitsalltag ist. Denn 66 Prozent der Menschen in Deutschland fühlen sich häufig oder zumindest manchmal gestresst. Zu den wichtigsten Stressfaktoren am Arbeitsplatz zählen zu viel Arbeit, Termindruck sowie Unterbrechungen und Störungen.
Stress ist dabei nicht immer ein Zeichen schlechter Führung. Arbeit darf fordern. Herausforderungen können Menschen schließlich auch dabei helfen, sich weiterzuentwickeln und über sich hinauszuwachsen. Problematisch wird es, wenn aus einer solchen Herausforderung eine dauerhafte Überforderung wird. Psychische Belastung ist dabei nicht grundsätzlich etwas Negatives. Wie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin erklärt, kommt es vor allem auf Art, Intensität und Dauer der Belastung an. Eine zu hohe oder andauernde Belastung kann Stressreaktionen, Ermüdung und langfristig gesundheitliche Beeinträchtigungen auslösen.
Wenn Druck zum Führungsinstrument wird
Kritisch wird es, wenn hoher Druck nicht mehr die Ausnahme ist, sondern zur Methode wird, um mehr Leistung aus der Belegschaft zu quetschen. Wenn ständig neue Aufgaben auf dem Schreibstisch landen, Prioritäten ständig wechseln und trotzdem alles irgendwie gleichzeitig erledigt werden soll. Wenn Beschäftigte kaum Handlungsspielraum haben, Fehler vor allem sanktioniert werden und Unterstützung durch die Führungskraft fehlt.
Dann geht es nicht mehr allein um die individuelle Belastbarkeit eines Mitarbeiters. Denn Führung beeinflusst schließlich, wie wir Arbeit erleben. Die BAuA kommt in ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung zum Thema Führung zu dem Ergebnis, dass Führungsverhalten mit Stress, Burnout, Wohlbefinden und weiteren gesundheitlichen Beschwerden zusammenhängt. Auch die soziale Unterstützung durch Vorgesetzte spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder überlastete Beschäftigte automatisch einen schlechten Chef oder eine schlechte Chefin hat. Arbeitsmenge, Arbeitszeit, Organisation und andere Rahmenbedingungen wirken ebenfalls auf die Belastung. Gerade deshalb wäre es zu einfach, das Problem allein bei einzelnen Führungskräften zu suchen. Entscheidend ist wie so oft das Zusammenspiel.
Führung prägt die Arbeitskultur
Die Unternehmenskultur zeigt sich vor allem darin, wie Entscheidungen getroffen werden, wie mit Fehlern umgegangen wird und was Führungskräfte im täglichen Miteinander vorleben.
Lese-Tipp: Führungskräfte und Fehler: Vertuschen, beschuldigen, empört sein
Wer indirekt permanente Erreichbarkeit erwartet, macht deutlich, dass Feierabend offenbar nicht immer Feierabend ist. Wer jede Aufgabe zur Priorität erklärt, erhöht den Druck auf sein Team. Und wer nur dann reagiert, wenn etwas schiefläuft, lässt sein Team mit Problemen im Regen stehen, statt regelmäßig über Arbeitslast und eventuelle Stolpersteine zu sprechen.
Dabei gelten klare Aufgaben, Unterstützung und Anerkennung durch Führung als wichtige Faktoren für eine gesundheitsgerechte Arbeitsgestaltung. Ebenso wichtig sind ein angemessenes Verhältnis von Arbeitsmenge und Arbeitszeit sowie ausreichende Handlungs- und Entscheidungsspielräume.
Das eigentliche Problem ist das Wegsehen
Wenn sich Überlastung, Frust oder Konflikte im Team häufen, ist es unangenehm, die eigenen Strukturen infrage zu stellen oder gar einer Führungskraft deutlich zu sagen, dass ihr Verhalten der eigentiche Knackpunkt ist.
Stattdessen werden die Ursachen schnell bei den Beschäftigten gesucht. Ihnen fehlt angeblich die richtige Einstellung, sie haben einfach keinen Biss mehr oder sie müssen einfach lernen, mit mehr Druck umzugehen. Ist halt so in der modernen Leistungsgesellschaft. Und ein Seminar lässt sich schließlich schneller buchen, als die eigene Führungskultur infrage zu stellen:
- Vielleicht sind die Ziele schlicht unrealistisch gesetzt.
- Vielleicht werden Aufgaben falsch delegiert und priorisiert.
- Vielleicht fehlt es an Personal.
- Vielleicht hapert es in der Kommunikation.
Genau hier beginnt aber die eigentliche Kernarbeit. Führungskräfte müssen bereit sein, das eigene Verhalten stetig zu hinterfragen und sich selbst kritisch zu reflektieren. Und Unternehmen müssen bereit sein, ihnen dabei ehrliches Feedback zu geben. Das ist nicht selbstverständlich. Wer eine Führungskraft allein nach Umsatz, Zielerreichung oder kurzfristiger Produktivität beurteilt, übersieht leicht, welchen Preis das Team letzten Endes dafür bezahlt.
Lese-Tipp: Arbeite zuerst an dir, bevor du an deinem Team arbeitest
Dabei kann auch die Führungskraft selbst unter den Bedingungen leiden. Eine Untersuchung der BAuA zeigt, dass Führungskräfte häufiger emotionalen Anforderungen ausgesetzt sind als Beschäftigte ohne Führungsfunktion. Bei einfachqualifizierten Führungskräften trifft das auf 53 Prozent zu, bei hochqualifizierten Führungskräften auf 41 Prozent. Von überlangen Arbeitszeiten sind bei den hochqualifizierten Führungskräften zudem 36 Prozent betroffen.
Der Druck lastet also nicht nur auf den Beschäftigten. Führungskräfte stehen oft selbst zwischen den Erwartungen der Chefetage und den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter. Was von oben vorgegeben wird, müssen sie umsetzen und gleichzeitig den Frust auffangen, der daraus im Team entstehen kann. So wandert der Druck durch die Hierarchie nach unten.
Lese-Tipp: Mittelmanager – wenn’s oben drückt und unten zieht
Führung muss sich selbst hinterfragen
Wenn Stress und Überforderung zum Dauerzustand werden, müssen Unternehmen genauer hinsehen. Klar, Druck lässt sich nicht immer vermeiden. Dauerhafte Überlastung hingegen, darf aber nicht als normaler Teil des Arbeitsalltags abgetan werden.
Dabei gehört auch die Führung auf den Prüfstand. Wie werden Prioritäten gesetzt? Wie wird Arbeit verteilt? Welche Erwartungen werden an die Beschäftigten gestellt? Und wie gehen Führungskräfte mit den eigenen Belastungen um?
Am Ende trägt in einem Unternehmen vieles zusammen. Wie geführt wird, wie Führung und Mitarbeiter miteinander arbeiten und wie mit Druck umgegangen wird.

Der kompakte Überblick zur modernen Arbeitswelt. Karriere, Leadership, KI & Fachkräftemangel – klar, relevant, direkt ins Postfach.






