Zwei Drittel deiner Kolleginnen und Kollegen spielen möglicherweise mit dem Gedanken, künftig im Ausland zu arbeiten. Das zeigt eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Appinio im Auftrag der Jobplattform Indeed, für die im Mai 2026 genau 1.000 Voll- und Teilzeitbeschäftigte in Deutschland zwischen 16 und 66 Jahren befragt wurden. 67,2 Prozent von ihnen ziehen einen Jobwechsel ins Ausland zumindest in Betracht. Wer jetzt an unzufriedene Geringverdiener denkt, liegt falsch: Es sind die hochqualifizierten Spitzenverdiener, die den Schritt bereits aktiv vorbereiten.
Das Wichtigste in Kürze
- Breite Wechsellust: 67,2 Prozent der Beschäftigten erwägen einen Job im Ausland, rund 30 Prozent haben in den letzten zwölf Monaten aktiv danach gesucht.
- Die Besten gehen zuerst: Bei Haushalten mit mindestens 6.000 Euro Netto pro Monat haben sich 54 Prozent schon beworben oder sondieren den internationalen Stellenmarkt.
- Nicht nur ein Geld-Problem: Hinter dem Wunsch stehen bessere Bezahlung und Lebensqualität, vor allem aber das Gefühl, dass sich Leistung in Deutschland nicht mehr lohnt.
- Beliebte Zielländer: Die USA, die Schweiz und Großbritannien sind die beliebtesten Zielländer für Jobsuchende, auch wenn die USA an Anziehungskraft verlieren.
Jeder dritte Beschäftigte sucht bereits nach Auslandsjobs
Ein Gedankenspiel nach Feierabend ist das eine, ein offener Tab mit Stellenanzeigen im Ausland das andere. Rund 30 Prozent der Befragten haben in den vergangenen zwölf Monaten aktiv nach einem Job im Ausland gesucht. Jeder Zehnte hat sogar schon eine Bewerbung abgeschickt.
Noch deutlicher wird das Bild bei den Gutverdienern. In Haushalten mit einem monatlichen Haushaltsnetto von mindestens 6.000 Euro, also klar über dem Durchschnitt, haben sich 54 Prozent bereits beworben oder prüfen gezielt den internationalen Stellenmarkt. Genau diese Gruppe will Deutschland eigentlich halten.
Die meisten wollen zurückkehren, nicht auswandern
Von einer Auswanderungswelle kann man hier freilich nicht sprechen. Die wenigsten Befragten planen den endgültigen Abschied aus Deutschland: Nur 34,5 Prozent ziehen eine dauerhafte Auswanderung in Betracht. Der größere Teil denkt eher an einen befristeten Aufenthalt, 43 Prozent an mehrere Jahre, 22,5 Prozent sogar nur an wenige Monate.
Für Arbeitgeber macht das die Sache nicht weniger prekär. Wer für drei Jahre nach Zürich oder London geht, kommt selten als derselbe zurück (Stichwort Gehaltsvorstellung), falls er überhaupt zurückkommt. Aus dem geplanten Zwischenstopp wird oft ein dauerhafter Wechsel, wenn die Rahmenbedingungen zusätzlich tragen.
Schon gewusst? 2025 haben rund 288.000 Deutsche das Land verlassen, etwas mehr als im Jahr zuvor. Am häufigsten ging es in die Schweiz, nach Österreich und Spanien, nicht in die USA. Das zeigen Zahlen des Mediendienst Integration auf Basis der Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamtes.
Diese drei Länder stehen bei Jobsuchenden ganz oben
Dass es nicht bei Absichtserklärungen bleibt, zeigen die Suchdaten von Indeed selbst. Seit 2020 hat sich die Zahl der Jobsuchen ins Ausland mehr als verdoppelt, ein Plus von 105 Prozent.
An der Spitze der Zielländer liegen die USA mit 14,4 Prozent aller Auslandssuchen, gefolgt von der Schweiz und Großbritannien mit jeweils 13,6 Prozent. Die USA verlieren allerdings rasant an Anziehungskraft: Im Vergleich zum Vorjahr brachen die Suchanfragen um 34 Prozent ein.
Dahinter wachsen neue Zielländer heran. Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate legten im Jahresvergleich um jeweils 24 Prozent zu, Australien immerhin um 10 Prozent. Innerhalb Europas gewann vor allem Großbritannien an Reiz, mit einem Plus von 38 Prozent.
Es geht ums Geld, aber nicht nur
Wer denkt, am Ende zähle allein das Gehalt, verkennt die Lage. Bessere Bezahlung steht mit 50,8 Prozent zwar an erster Stelle, doch eine höhere Lebensqualität folgt mit 50,7 Prozent praktisch gleichauf. Dahinter rangieren der Wunsch nach angenehmerem Klima (41,7 Prozent) und die Hoffnung auf eine geringere Steuer- und Abgabenlast (41,5 Prozent). Bessere Aufstiegschancen nennen nur 24 Prozent.
Aufschlussreicher als die Wünsche an das Ausland ist die Kritik am Standort Deutschland. Mehr als 70 Prozent der Befragten finden, dass die Steuerlast in keinem Verhältnis zum Verdienst steht und dass sich persönlicher Einsatz nicht mehr so richtig auszahlt. Besonders laut wird diese Klage bei den 25- bis 34-Jährigen: In dieser Gruppe befürchten 71,6 Prozent, dass attraktive Stellen immer schwerer zu finden sind.
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Warum Unternehmen jetzt aufhorchen sollten
Für Arbeitgeber ist die Umfrage weniger ein Problem beim Suchen neuer Leute als beim Halten der vorhandenen. Wenn ausgerechnet die Leistungsträger den Markt sondieren, verliert ein Unternehmen die Köpfe, an denen in der Regel ganze Abteilungen hängen.
Virginia Sondergeld, Arbeitsmarktökonomin bei Indeed, liest die Zahlen als Stimmungsbild:
„Wenn jedoch zwei Drittel der Beschäftigten mit dem Weggang liebäugeln, sollte das auch als Zeichen für Unzufriedenheit mit den heimischen Standortbedingungen verstanden werden.“
Internationale Mobilität an sich hält sie für sinnvoll, das Ausmaß aber für ein Warnsignal. Dass der Druck nicht nachlässt, macht ihr zweiter Punkt klar:
„Wir können es uns schlichtweg nicht leisten, dass Leistungsträger dem Standort Deutschland den Rücken kehren, weil die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen“, so Sondergeld.
Der Arbeitsmarkt habe sich zuletzt zwar abgekühlt, doch der demografische Wandel werde den Fachkräftemangel in den kommenden Jahren weiter verschärfen.
Für Arbeitgeber heißt das vor allem eins: Die wertvollen Leute hat man in der Regel schon, sie zu halten ist die eigentliche Aufgabe. Über das Gehalt allein gelingt das selten, weil das Ausland dort fast immer mehr bietet. Gerade die USA und die Schweiz ziehen hier davon. Kleinere Betriebe können aber da punkten, wo Konzerne schwächeln: mit kurzen Wegen zur Geschäftsführung, mit Arbeit, deren Sinn regional verankert bleibt, und mit konkreten Entwicklungsperspektiven vor Ort.
Nachgefragt: Bessere Bezahlung, mehr Lebensqualität, weniger Steuern, die Wünsche vieler Beschäftigter in Deutschland sind klar benannt. Bleibt die Frage, die jeder für sich beantworten muss: Hast du selbst schon einmal ernsthaft über einen Job im Ausland nachgedacht? Und was müsste sich in Deutschland ändern, damit du gar nicht erst auf die Idee kommst?

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