Im Job passt fast alles – nur dein Chef macht jeden Arbeitstag zur Belastungsprobe? Das ist kein seltenes Phänomen. Umfragen zeigen seit Jahren, dass schlechte Führung zu den häufigsten Gründen für Frust, innere Kündigung und tatsächliche Kündigungen gehört. Machtgehabe, fehlende Anerkennung, Mikromanagement – für viele Beschäftigte gehört das längst zum rauen Berufsalltag.
Should I stay or should I go?
„People don’t quit jobs, they quit bosses“, heißt es oft. Und die Zahlen sprechen dafür. Viele Arbeitnehmer würden laut Befragungen lieber auf Gehalt verzichten, als weiter unter einer schlechten Führungskraft zu arbeiten. Umgekehrt geben zahlreiche Beschäftigte an, bereits wegen ihres Chefs gekündigt zu haben. Gleichzeitig fühlt sich diese Entscheidung heute schwerer an als früher. Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, Unternehmen schlittern in die Insolvenz oder bauen im besten Fall nur Stellen ab. Und Einstellungsstopps fallen dabei kaum noch auf – sie sind zum New Normal geworden. Wer trennt sich in so einer Situation freiwillig von einem vermeintlich sicheren Job?
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Wenn die Wirtschaft schwächelt, bleibt man – widerwillig
Für viele Führungskräfte ist diese Situation durchaus bequem: Wer bleibt, stellt keine Fragen. In unsicheren Zeiten halten viele durch. Die Angst vor Arbeitslosigkeit oder einer langen Jobsuche mit vielen Absagen wiegt schwerer als der tägliche Ärger. Doch toxische Führung verschwindet nicht, nur weil die Konjunktur schwächelt. Häufig passiert das Gegenteil: Druck von oben wird weitergereicht, Ton und Kontrolle werden schärfer, Rückhalt bleibt aus. Studien zeigen, dass dauerhafter Stress durch schlechte Führung nicht nur die Motivation senkt, sondern langfristig auch der psychischen und körperlichen Gesundheit schadet. Der Preis dafür wird oft erst später sichtbar.
Zum Ärger im Job gehören immer zwei
So unangenehm der Gedanke auch ist: Arbeitsbeziehungen bestehen aus Wechselwirkungen. Unterschiedliche Erwartungen, Persönlichkeiten und Kommunikationsstile können Konflikte verschärfen. Das macht respektloses oder übergriffiges Verhalten seitens der Führungsriege nicht akzeptabel. Es erklärt lediglich, warum manche Konstellationen besonders belastend sind. Führung trägt Verantwortung – unabhängig davon, wie schwierig das Umfeld gerade ist.
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Gleichzeitig lohnt sich auch der Blick auf die eigene Wahrnehmung. Nicht alle Menschen erleben Situationen gleich. Was die eine Person kalt lässt, trifft die andere ins Mark. Manchmal liegt das an früheren Erfahrungen, manchmal an persönlichen Werten oder der aktuellen Lebenslage.
Vielleicht reagierst du empfindlich auf Kontrolle, weil dir im letzten Job kaum Vertrauen oder Freiraum zugestanden wurde. Vielleicht trifft es dich besonders, wenn dein Engagement einfach so hingenommen wird, gerade weil du das Gefühl hast, dass deutlich mehr Rückmeldung oder Anerkennung angemessen wäre.
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Solche Reaktionen sind nicht falsch. Sie sind menschlich. Und sie machen deutlich, warum es keine Patentlösung für schwierige Arbeitsbeziehungen gibt – aber einen klaren Auftrag an die Führung: Verantwortung für die Befindlichkeiten der Mitarbeiter zu übernehmen. Auch dann, wenn das Gegenüber sensibel reagiert. Gerade dann.
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Wo liegt eigentlich deine Grenze?
Doch statt alles irgendwie auszuhalten, kann es helfen, die eigene Situation einmal nüchtern einzuordnen. Eine einfache Übung hierzu: Bewerte deine aktuelle Lage auf einer Skala von eins bis zehn.
Eins heißt: Es nervt, lässt sich jedoch aushalten. Zehn bedeutet: Es geht an die Substanz. Liegt deine Einschätzung dauerhaft über fünf, ist das kein vorübergehender Ärger oder ein schlechter Tag mehr, sondern ein ernstzunehmendes Warnsignal.
Die nächsten Fragen gehen etwas tiefer: Was kostet es dich, hier weiterzuarbeiten? Wie warst du vor einem Jahr, wie bist du heute? Hat sich deine Stimmung verändert? Bist du schneller gereizt, erschöpfter, dünnhäutiger? Kommst du nach der Arbeit nach Hause und brauchst erst einmal Abstand von allem? Vielleicht haben Freunde oder Familie bereits angedeutet, dass du nicht mehr so wirkst wie früher. Dass du häufiger klagst oder dich gar von deinen Liebsten zurückziehst.
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Nicht kopflos kündigen – aber auch nicht alles schlucken
Kündigen oder bleiben ist selten eine spontane Entscheidung. Oft geht es zunächst darum, sich wieder etwas Luft zu verschaffen. Das Gespräch mit der Führungskraft suchen. Prüfen, ob Veränderung möglich ist. Herausfinden, ob es im Unternehmen Alternativen gibt – etwa die Chance auf einen internen Jobwechsel. Manches lässt sich klären, manches zumindest entschärfen. Und manchmal reicht schon das Gefühl, nicht völlig festzustecken.
Parallel kann es sinnvoll sein, sich mit dem Arbeitsmarkt zu beschäftigen. Wo wird aktuell eingestellt, wo werden Stellen abgebaut, welche Profile und Qualifikationen sind gefragt? Allein diese Informationen zu haben, verändert den Blick auf die eigene Situation.
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Und wenn sich nichts bewegt?
Manche Konstellationen lassen sich nicht reparieren. Niemand sollte Tag für Tag unter einer Führungskraft arbeiten, die klein macht, verunsichert oder krank werden lässt. Das schadet auf Dauer dir – und am Ende auch deinem Arbeitsumfeld. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist diese Abwägung hart. Draußen Unsicherheit, drinnen Belastung. Sicherheit gegen Gesundheit. Durchhalten gegen Selbstschutz. Eine einfache Antwort gibt es nicht.
Solange viele bleiben, weil sie den Schritt in die vermeintliche Unsicherheit scheuen und mit der Kündigung zögern, fehlt der Druck zur Veränderung. Schlechte Führung bleibt folgenlos – und damit unverändert.






