Die meisten Bewerber versuchen im Vorstellungsgespräch, alles richtig zu machen. Verständlich. Man will den Job. Braucht ihn vielleicht sogar. Also bloß nichts Falsches sagen, bloß nicht auffallen – jedenfalls nicht negativ. Und so sitzen viele da. Nicht als sie selbst, sondern als sorgfältig polierte Version davon. Glatt wie ein Werbeplakat, gefiltert wie ein Insta-Reel, kalkuliert wie ein Investorenpitch.

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Manche blicken ihrem Gegenüber nicht direkt in die Augen, sondern knapp daneben. Augenkontakt sei wichtig, aber bitte nicht zu intensiv. Zu viel wirke dominant, zu wenig unsicher. Was bleibt, ist oft ein Blick ins Leere und eine Situation, die merkwürdig unnatürlich wirkt.

Was mit ein paar Tipps hier und ein paar Tricks da beginnt, entwickelt sich schnell ins Absurde. Dann heißt es: Sei du selbst, aber bitte angepasst. Zeig Persönlichkeit, aber nicht zu viel. Sprich locker, aber ohne Füllwörter. Wirke souverän, aber bloß nicht arrogant. Am Ende bleibt davon vor allem eines: Unsicherheit. Und der Eindruck, dass echte Authentizität im Bewerbungsgespräch eigentlich gar nicht erwünscht ist.

Wenn Anpassung zur Bremse wird

Dabei zeigt die Forschung ein anderes Bild. Wissenschaftler analysierten über 1.200 echte Bewerber auf dem Arbeitsmarkt. Das Ergebnis: Kandidaten mit einem starken Bedürfnis nach Selbstbestätigung, die authentisch auftreten, haben bei Unternehmen deutlich bessere Chancen auf ein Jobangebot – allerdings nur, wenn sie bereits zu den Top 10 Prozent der Kandidaten gehören. Eine Textanalyse der Vorstellungsgespräche zeigte: Wer authentisch ist, kommuniziert flüssiger, wirkt weniger irreführend und weniger angespannt. Ihre Antworten klingen ehrlich – nicht strategisch.

Denn wer sich verstellt, ist innerlich damit beschäftigt, eine Rolle zu spielen. Was sage ich jetzt? Wie komme ich an? War das gerade zu viel? Oder zu wenig? Diese innere Dauerschleife kostet Energie. Und genau die fehlt dann für das Wesentliche: echtes Zuhören, echtes Reagieren, echtes Interesse.

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Erfahrene Personaler spüren das. Nicht immer bewusst, aber intuitiv. Wenn Worte glatt wie ein Aal sind, aber nichts auslösen. Wenn Sätze den Ohren schmeicheln, aber keinen Impact transportieren. Wenn jemand funktioniert, statt greifbar zu sein.

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Typische Bewerbungsfloskeln? Bitte nicht

Sätze wie „Ich könnte mir vorstellen, dass das ein spannendes Umfeld ist“ oder „Ich sehe hier großes Entwicklungspotenzial“ sind nicht falsch. Aber sie sind leer. Austauschbar. Sie könnten in jedem Gespräch fallen, bei jedem Unternehmen, für jede Stelle. Und genau deshalb bleiben sie nicht hängen.

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Viel überzeugender ist es, Klartext zu sprechen. Nicht im kruden Bewerbungsdeutsch, sondern so, wie man auch mit Kollegen reden würde. Wer etwas wirklich spannend findet, darf das auch so sagen. Wer etwas nicht weiß, darf das zugeben – und nachfragen. Wer kurz überlegen muss, darf eine Pause machen. Das wirkt nicht unsicher, sondern einfach nur menschlich.

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Was wirklich überzeugt: Menschlichkeit statt Perfektion

Vorstellungegespräche – und Gespräche generell – laufen immer dann gut, wenn niemand Theater spielt. Wenn beide Seiten aufhören, sich gegenseitig beeindrucken zu wollen und anfangen, sich kennenzulernen. Wenn klar ausgesprochen wird, was man will. Und auch, was man nicht will.

Authentisch sein heißt nicht, unvorbereitet oder gar respektlos aufzutreten. Es heißt nicht, im Hoodie aufzukreuzen oder jede innere Regung ungefiltert auszubreiten. Authentisch sein heißt, die eigenen Stärken zu kennen – und auch die eigenen Grenzen. Und beides ehrlich zu kommunizieren.

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Denn am Ende geht es nicht darum, irgendeinen Job zu bekommen. Sondern den richtigen. Einen, der zu dir passt. Zu deiner Art zu arbeiten. Zu deinen Werten. Zu deinem Tempo.

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Bewerber, zeigt mehr Ecken und Kanten

Viele Bewerber wirken im Vorstellungsgespräch, als würden sie Passagen aus Ratgebern auswendig gelernt wiedergeben. Freundlich, bemüht, angepasst. Aber was bleibt davon beim Personaler hängen? Meist wenig. Hängen bleiben die anderen. Die, die keine Floskeln abspulen. Die nicht ständig überlegen, was wohl gut ankommt. Die auch mal stocken, lachen oder sagen: „Das weiß ich gerade nicht, aber ich würde es so angehen.“

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