Authentizität ist eine unterschätzte Tugend, die in Zeiten der narzisstischen Gesellschaft immer mehr an Bedeutung verliert. Spielen wir nicht alle (manchmal) eine Rolle? Stellen uns als stärker, selbstbewusster oder reicher dar als wir sind? Tatsächlich trifft man heutzutage immer seltener auf wirklich authentische Menschen. Im Privatleben und erst recht im Job. Denn Authentizität würde ja bedeuten zu Schwächen zu stehen oder Emotionen zuzulassen. Und das wird auf der Arbeit nicht toleriert, oder? Bei dem Thema Authentizität scheiden sich die Geister: Während die einen Experten empfehlen, bei der Arbeit eine Rolle zu spielen und sich die Authentizität für das Privatleben aufzusparen, sehen andere gerade hierin den Schlüssel zum Erfolg. Grund genug, sich einmal näher mit dem Thema „authentisch sein“ auseinanderzusetzen.

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Authentisch sein und bleiben im Job
Photo by Rokas Niparavicius on unsplash.com/@niparas

Inhalt
1. Authentizität – was ist das eigentlich?
2. Macht Authentizität automatisch glücklich?
3. Authentisch sein im Job – geht das überhaupt?
4. Können Sie auch „zu authentisch“ sein?
5. Was bedeutet also „berufliche Authentizität“?

Authentizität – was ist das eigentlich?

Was verstehen Sie persönlich unter dem Begriff „Authentizität“? Die meisten Menschen würden es wohl als „einfach man selbst sein“ definieren. Und das ist gar nicht so falsch: Experten sehen in der Authentizität die Fähigkeit, sich selbst so zu präsentieren und so zu handeln, wie es dem eigenen Wesen entspricht. Authentische Menschen sind demnach frei von Verfälschungen, äußeren Einflüssen oder dem Spielen einer Rolle. Damit einher geht aber auch, zu seinen Schwächen zu stehen, seine Emotionen zeigen zu können und somit auch verletzbar zu sein. Und trotz, dass wir durch die Authentizität demnach verwundbarer sind als wenn wir die unbeirrbare, harte und gefühlskalte Person spielen, sind wir als authentische Menschen glücklicher. Wieso? Weil Authentizität zu einer inneren Freiheit führt, sie löst Selbstzweifel, innere Zwänge und Komplexe.

Wer es schafft, authentisch zu leben, schöpft auf Dauer neues Selbstvertrauen, den Mut für noch mehr Authentizität und dadurch ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit in seinem Auftreten.

Und diese ist ja bekanntlich ein wichtiger Erfolgsfaktor für Mitarbeiter, Führungskräfte oder auch Politiker. Ist Authentizität also der Schlüssel zum Erfolg?

Macht Authentizität automatisch glücklich?

Ganz so einfach ist es leider nicht. Authentizität ist zwar sicherlich ein gutes Ziel für Jedermann, das bedeutet nun allerdings nicht, dass Sie Ihre Macken, Wutanfälle oder Heulkrämpfe jederzeit und völlig ungehemmt ausleben sollten. Klar, Emotionen und Schwächen sind absolut menschlich und es ist ja bekanntlich niemand perfekt. Und dennoch sollten wir trotz einer gelebten Authentizität niemals aufhören an uns zu arbeiten. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen der sogenannten reflektierten und der unreflektierten Authentizität: Die unreflektierte Authentizität kann Sie vor allem beruflich schnell in Aus schießen. Es ist daher wichtig, dass Sie sich selbst, Ihre Verhaltensweisen, Charakterzüge, Stärken und Schwächen sowie Wünsche und Bedürfnisse kennen und in regelmäßigen Abständen reflektieren.

  • Wie schnell werden Sie wütend?
  • Wie gehen Sie mit Konflikten um? Was macht Sie glücklich?
  • Wo liegen Ihre Stärken?
  • An welchen Schwächen sollten Sie arbeiten?

Nur wenige Menschen trauen sich jedoch, sich selbst schonungslos ehrlich zu reflektieren. Das bedeutet nämlich wiederum sich Schwächen und Fehler einzugestehen und das tut weh. Aber auch das gehört nun einmal zum Authentischsein dazu.

Authentisch sein im Job – geht das überhaupt?

Viele Führungskräfte, vor allem die weiblichen, geben in Umfragen an, authentisch auftreten zu wollen. Kritiker hingegen, sehen die Authentizität im Berufsleben völlig fehl am Platz. Schließlich haben Mitarbeiter in leitenden Positionen eine Führungsrolle inne. Und das Wort spricht für sich selbst. Sehen Sie sich einmal in Ihrem Unternehmen um: Empfinden Sie die Führungskräfte als authentisch? Und sind Sie es selbst? Businesscoach Simone von Stosch plädiert für die Authentizität im Beruf. Sie sieht darin den Schlüssel zum Erfolg und nennt Angela Merkel ebenso wie die Schauspielerin Julianne Moore als Beispiele für authentische und zugleich erfolgreiche Persönlichkeiten. In Zeiten der „High-Performer“ und „Führungsrollen“ ist sie der Überzeugung, dass nur Menschen, die authentisch zu ihrer Meinung und ihren Überzeugungen stehen und ihre Taten sowie Ziele daran ausrichten, andere Menschen begeistern und motivieren können oder schlichtweg respektiert werden. Und dabei geht es ihrer Meinung nach allemal nicht darum, perfekt zu sein. Die Erfahrung zeigt jedoch:

Gekünstelte Möchtegern-Performer scheitern im Berufsleben häufig ebenso gnadenlos wie zu authentische Menschen.

Können Sie auch „zu authentisch“ sein?

„Zu authentisch“: Widerspricht sich das nun nicht eigentlich selbst? Nein, denn genau hier müssen wir die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben ziehen. Ein zu hohes Maß an Authentizität mag es im Privatleben vielleicht nicht geben, sehr wohl aber im Beruf. Vor allem dann, wenn Sie sich in einer Führungsposition befinden, gibt es nämlich auch eine Grenze, ab welcher Authentizität fehl am Platz ist. Diese befindet sich bei Ihrem Privatleben: Ihre Eheprobleme, der Kinderwunsch oder sonstige übergroße Offenheit bezüglich Ihrer privaten Lebensumstände gehören nicht in den Job. Zwar machen Sie diese Informationen als Person zugänglicher und als Führungskraft in den Augen Ihrer Mitarbeiter vielleicht auch menschlicher, leider wird diese Art der Authentizität im Berufsleben aber auch immer noch allzu häufig als Schwäche gewertet und gnadenlos ausgenutzt. Im Job sollten Sie deshalb eine neue Art der Authentizität für sich finden: Eine berufliche Authentizität sozusagen, die zwar Ihrer Persönlichkeit und Ihren Überzeugungen entspricht, die gleichzeitig aber nicht zu viel aus Ihrem Privatleben preisgibt. Hierin wiederum können Sie fortan Ihre „Führungsrolle“ sehen. Es geht dabei nämlich nicht darum, den anderen Menschen etwas vorzuspielen, das Sie nicht sind. Vielmehr ist es wichtig, dass Sie lernen, wann Sie zwischen beruflicher und privater Authentizität unterscheiden müssen.

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Was bedeutet also „berufliche Authentizität“?

Wer im Beruf das Gefühl hat, jeden Tag eine Rolle spielen zu müssen, um anerkannt zu werden oder beruflich weiter zu kommen, wird meist auf Dauer nicht glücklich. Fünf, sechs oder sieben Tage in der Woche eine Rolle spielen zu müssen, für acht, neun oder auch elf Stunden am Tag: Das ist unglaublich anstrengend und endet deshalb nicht selten früher oder später im Burnout. Beginnen Sie also damit, auch im Beruf authentisch zu sein. Eine solche „berufliche“ Authentizität umfasst laut Expertenmeinung von Businesscoach Simone von Stosch folgende Aspekte:

  • Ein gesundes Selbstwertgefühl ist der Grundstein für Authentizität, wird durch diese aber gleichzeitig auch wieder gestärkt. Begeben Sie sich also in die positive Aufwärtsspirale aus Selbstbewusst- und Authentischsein.
  • Die Selbstreflektion sollte Sie durch Ihr gesamtes Leben begleiten, sowohl privat als auch beruflich. Hierzu gehört aber auch der Mut, sich schmerzhafte Erkenntnisse einzugestehen und Veränderungen im eigenen Leben oder an der eigenen Person vorzunehmen.
  • Werte und Überzeugungen sind der Grundstein Ihres authentischen Handelns. Wofür stehen Sie als Person? Wo sind Ihre Grenzen? Stehen Sie dafür ein und Sie werden sich automatisch den Respekt Ihrer Mitarbeiter verdienen.
  • Das bedeutet aber zugleich auch ein hohes Maß an Berechenbarkeit. Natürlich können sich Ziele, Überzeugungen oder sogar Werte im Laufe des Lebens weiterentwickeln oder ändern. Nicht jedoch von heute auf morgen. Bleiben Sie daher Sie selbst, auch wenn Sie auf Hindernisse stoßen. So wissen Ihre Mitarbeiter, wann sie auf Sie zählen können, wann Sie wütend werden, wann glücklich usw. Nichts ist schlimmer als ein Chef, der auf dasselbe Problem an einem Tag lächelnd und am nächsten cholerisch reagiert. Denn das ist ein untrügliches Zeichen für entweder eine unreflektierte Authentizität oder aber eine gespielte Rolle, aus der die Person immer wieder ungewollt ausbricht.

Dauerhaft eine Rolle zu spielen, ist nämlich in der Regel nicht möglich. Schlussendlich sind wir eben alle nur Menschen mit Emotionen, Ängsten, Schwächen und Bedürfnissen. Und spätestens in wirklich stressigen oder belastenden Situationen zeigen viele Menschen dann doch ihr wahres Gesicht. Spielen Sie deshalb keine Rolle mehr, sondern entscheiden Sie sich für die Authentizität. Lernen Sie, zwischen beruflicher und privater Authentizität zu unterscheiden. Sie haben das Gefühl, Sie können in Ihrem Job oder Ihrem Umfeld nicht authentisch leben? Oder wenn Sie authentisch sind, zweifeln Sie plötzlich an der Wahl Ihres Berufes oder des Unternehmens? Dann ist es jetzt erst recht an der Zeit zu handeln. Sie werden sehen, authentisch lebt es sich glücklicher, entspannter und mit der Kunst der reflektierten Authentizität auch erfolgreicher.

Lesen Sie dazu auch: Achtung: Wann Authentizität (im Beruf) gefährlich wird