Anwesenheitsbonus für Gesunde – gut oder schlecht?

Krankheit ist in der Arbeitswelt stets ein umstrittenes Thema. Krank sein ist menschlich und dennoch in Unternehmen nicht gerne gesehen. Klar, schließlich kostet jeder Fehltag den Arbeitgeber bares Geld. Aus diesem Grund übertrumpfen sich deutsche Unternehmen regelmäßig mit neuen – häufig fragwürdigen – Ideen, um ihre Mitarbeiter vom Krankfeiern abzuhalten. Ein neuer Denkansatz der Daimler AG schlägt in den Medien momentan große Wellen: „Gesunde“ sollen eine Prämie in Höhe von 300 Euro erhalten. „Geniale Innovation“ loben die einen, „Mobbing gegen Kranke“ entgegnen die anderen erzürnt. Aber was stimmt nun?

1. Kranke Arbeitnehmer verursachen 130 Milliarden Euro Kosten
2. Vor allem psychische Krankheiten nehmen zu
3. Anwesenheitsbonus? Warum die „Daimler-Idee“ gefährlicher Schwachsinn ist
4. Die „wahre“ Lösung lautet: Betriebliches Gesundheitsmanagement

Kranke Arbeitnehmer verursachen 130 Milliarden Euro Kosten

Laut „Welt“ waren deutsche Arbeitnehmer im Jahr 2011 durchschnittlich 9,5 Tage krankgeschrieben. Während es unter Hochschullehrern und Dozenten nur rund 4,4 Arbeitstage pro Jahr waren, zählten Straßenreiniger und Abfallbeseitiger durchschnittlich sogar 28,4 Tage.
Statistik: Berufsgruppen mit den meisten Arbeitsunfähigkeitstagen je AOK-Mitglied im Jahr 2011 | Statista
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Damit fehlen bei etwa 37 Millionen Erwerbstätigen jeden Tag fast 3,8 Prozent der deutschlandweiten Belegschaft – je nach Branche etwas mehr oder weniger. Rund 130 Milliarden Euro hat dies die Unternehmen im Jahr 2011 gekostet – hauptsächlich durch die Pflicht zur Lohnfortzahlung. Tendenz steigend. Laut Frankfurter Rundschau nahm die Zahl der durchschnittlichen Fehltage pro Arbeitnehmer seither nämlich stetig zu. So soll sie Ende 2015 bereits bei fast 19 Tagen jährlich gelegen haben. Damit steigen simultan natürlich auch die Kosten.

Kein Wunder, dass die Unternehmen angesichts dieser Entwicklung stetig nach neuen Strategien suchen, um die Anzahl krankheitsbedingter Fehltage wieder zu senken. Aber eine Prämie für Mitarbeiter, die im vergangenen Jahr nicht krankgeschrieben waren? Das erscheint uns nur wenig sinnvoll. Wir möchten Ihnen folgend auch erläutern, weshalb…

Vor allem psychische Krankheiten nehmen zu

Hierfür gilt es erst einmal, einen Blick auf die Gründe für die Zunahme der krankheitsbedingten Fehltage zu werfen. Viele Experten werten diese Entwicklung positiv, gemäß dem Motto: Der Arbeitnehmer traut sich aufgrund der verbesserten Arbeitsplatzsicherheit durch die aufstrebende Wirtschaft wieder, überhaupt krank zu sein. Folglich hätten die Fehlzeiten in den Jahren 2007 bis 2009 angesichts der Wirtschaftskrise aber sinken müssen.

Dass dies nicht geschehen ist, widerlegt die „positive“ Auslegung der zunehmenden Fehlzeiten. Stattdessen steht die These im Raum, dass vor allem psychische Erkrankungen derzeit in erschreckender Geschwindigkeit zunehmen. Allein im Jahr 2014 wurde ein Anstieg psychischer Krankheiten von 9,7 Prozent gemessen. Zudem liegt die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage bei psychischen Erkrankungen durchschnittlich 13,3 Tage höher als bei rein physischen Leiden:

KrankheitsartDurchschnittliche Krankschreibungsdauer in Tagen
Psyche25,2
Herz-Kreislauf-Erkrankungen20,0
Physische Verletzungen17,6
Rücken, Muskeln und Gelenke16,9
Magen-Darm-Beschwerden6,9
Atemwege6,5

(Quelle: AOK via Frankfurter Rundschau)

Allein innerhalb der AOK hat die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Leiden zwischen den Jahren 2000 und 2011 um 50 Prozent zugenommen. 56 Prozent mehr Arbeitsunfähigkeitstage verzeichnet die Allgemeine Ortskrankenkasse in diesem Zuge. Besonders drastisch gestaltet sich diese Zunahme psychischer Erkrankungen seit dem Jahr 2006: Während zuvor vor allem Arbeitslose von Depressionen oder Angststörungen betroffen waren, lässt sich seither eine Verlagerung auf Berufstätige beobachten.

Vielleicht hat die Zunahme der durchschnittlichen Fehltage pro Beschäftigtem sowie der psychischen Erkrankungen also doch etwas mit der Wirtschaftskrise in den Jahren 2007 bis 2009 zu tun – nur eben anders als zuerst angenommen: Der zunehmende psychische Druck aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Situation fördert die Entstehung psychischer Erkrankungen, vor allem in den Bereichen „Burnout“, Depressionen und Angststörungen. Hinzu kommen als Gründe laut Fehlzeiten-Report der AOK:

  • stetige Arbeitsverdichtung und Termindruck
  • zunehmend geforderte Flexibilisierung
  • durch Digitalisierung vorangetriebene Komplexität der Arbeitsprozesse
  • Strukturwandel der deutschen Wirtschaft
  • Zunahme an „schwierigen“ Führungskräften

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Anwesenheitsbonus? Warum die „Daimler-Idee“ gefährlicher Schwachsinn ist

Angesichts dieser Entwicklungen müssen wir zur Idee des Anwesenheitsbonus der Daimler AG das Fazit ziehen: Sie ist nicht nur absoluter Schwachsinn, sondern sogar gefährlich! So soll jeder Mitarbeiter, welcher in dem betreffenden Geschäftsjahr keinen einzigen krankheitsbedingten Fehltag verzeichnet, eine Prämie von 300 Euro erhalten. Das umstrittene Konzept wird derzeit vom Betriebsrat geprüft. Während sich die Arbeitgeberseite davon große finanzielle Einsparungen verspricht, ist die Idee aus Arbeitnehmersicht durchweg negativ zu bewerten:

1. Loyalitätsverlust durch Verschlechterung des Betriebsklimas

Wie eingangs erwähnt, gehören Krankheiten zum Menschsein hinzu. Der Anwesenheitsbonus erwirkt jedoch den Eindruck: Die Mitarbeiter sind ohnehin nicht wirklich krank, sondern ihnen fehlt nur der Anreiz, um bei der Arbeit zu erscheinen. Daimler setzt mit seiner Idee also voraus, dass ein krankgeschriebener Angestellter in den meisten Fällen nur unmotiviert und durch eine finanzielle Prämie schnurstracks wieder „geheilt“ sei. Klar, dass das bei der Belegschaft Unmut stiftet. Schließlich gibt es auch viele fleißige, hoch motivierte und ehrliche Mitarbeiter, die schlichtweg hin und wieder für ein paar Tage krank sind. Das fehlende Verständnis auf Unternehmerseite führt daher zu einer Verschlechterung des Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnisses, einer Abnahme der Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber und daraus resultierend einer höheren Mitarbeiterfluktuation im Unternehmen.

2. Stigmatisierung (chronisch) kranker Mitarbeiter

Gerade chronisch kranke Arbeitnehmer fühlen sich durch die Anwesenheitsprämie als „minderwertige Arbeitskraft“ abgestempelt und nachteilig behandelt. Auch innerhalb der Belegschaft kann dies zu Konflikten führen. Schließlich wird vom Arbeitgeber eine „Null-Toleranz-Strategie“ hinsichtlich Krankschreibungen vorgelebt und von den Arbeitnehmern mitgetragen. Die neue Philosophie im Unternehmen lautet also: Wer sich krankschreiben lässt, handelt „falsch“. Diese Stigmatisierung erfahren Betroffene also nicht nur von höchster Führungsebene, sondern auch von ihren direkten Vorgesetzten und Kollegen. In Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels ergibt sich daraus eine gefährlich negative Arbeitskultur mit weitreichenden Folgen für das Employer Branding.

3. Erhöhung des psychischen Drucks auf die Belegschaft

Gerade diese Stigmatisierung erhöht den Druck auf betroffene Arbeitnehmer noch mehr, was gerade bei beginnenden psychischen Erkrankungen eine rasante Verschlechterung nach sich ziehen kann. Der Anwesenheitsbonus fördert dadurch indirekt genau das, was er eigentlich verhindern sollte: Eine Zunahme der Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen.

4. Förderung des Präsentismus

Mit dem Wissen, dass er auf keinen Fall krank sein darf, da ihm sonst nicht nur die Prämie entzogen wird, sondern auch die Missgunst seines Arbeitsumfeldes zuteil wird, schleppt sich der bereits angeschlagene Mitarbeiter also selbst krank noch zur Arbeit. Egal, ob es sich dabei um ein physisches oder psychisches Leiden handelt:

Die fehlende Möglichkeit, eine Krankheit frühzeitig auszukurieren, verzögert den Heilungsprozess und kann zu gefährlichen Folgeerkrankungen führen.

So wird aus einer Erkältung schnell eine Lungenentzündung oder aus einer leichten Erschöpfung ein langwieriges Burnout-Syndrom. Der Präsentismus verzögert daher in der Regel nur die unausweichliche Krankschreibung und erhöht stattdessen deren Dauer.

5. Erhöhung der Unfallhäufigkeit und daraus entstehenden Kosten

Doch auch direkt zieht der Präsentismus einen Anstieg der krankheitsbedingten Kosten für das Unternehmen nach sich. Wer krank zur Arbeit erscheint, ist nämlich unproduktiver, weniger leistungsfähig und fehleranfälliger. Zudem ist die Gefahr eines Arbeitsunfalls signifikant erhöht. So steigen durch den Präsentismus die geschätzten jährlichen Kosten von 130 Milliarden Euro auf sage und schreibe 225 Milliarden Euro (Quelle: Welt).

Die „wahre“ Lösung lautet: Betriebliches Gesundheitsmanagement

So kreativ die unterschiedlichen Lösungsansätze von Daimler & Co auch sein mögen: Krankenstände reduzieren funktioniert nur durch nachhaltiges betriebliches Gesundheitsmanagement. Genau hier sollten die Arbeitgeber deshalb laut Expertenmeinungen ansetzen und Veränderungen vornehmen. Häufig wird nämlich gerade die so wichtige Prävention psychischer Erkrankungen vernachlässigt. Die Daimler AG sollte daher lieber mit gutem Beispiel vorangehen und ein modernes sowie nachhaltiges betriebliches Gesundheitsmanagement einführen, anstatt ihre Belegschaft durch Anwesenheitsprämien oder ähnliche Schnapsideen weiter zu verärgern.

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