Viele Arbeitnehmer sind mit ihrem Job unzufrieden. Sie haben wenig Einfluss auf Entscheidungen, können eigene Ideen kaum umsetzen oder fühlen sich von ihrer Arbeit nicht mehr gefordert. Manche würden sich als Unternehmer wohler fühlen. Trotzdem denken viele, dass das Angestelltendasein der normale Weg sei und alles andere eher die Ausnahme. Deutschland ist schließlich ein Angestelltenland.
Der Wunsch nach Selbstständigkeit ist unter Angestellten durchaus verbreitet
Der Wunsch nach Selbstständigkeit ist unter Angestellten trotzdem verbreitet. Laut der HDI Berufe-Studie 2025 können sich 34 Prozent vorstellen, selbstständig zu arbeiten. Bei den unter 25-Jährigen ist es sogar mehr als jeder Zweite. Das bedeutet noch nicht, dass sie schon konkret gründen möchten oder in der Selbstständigkeit zufriedener wären.
Ein Grund für die Zurückhaltung könnte das Bild sein, das viele vom Unternehmertum haben. Sie verbinden damit Menschen, die besonders risikofreudig sind, ordentlich Startkapital haben und bereit sind, alles auf eine Karte zu setzen. Andere sehen Unternehmer vor allem als Menschen, die sich auf Kosten anderer bereichern.
Gründen geht auch in klein
Eine Gründung muss nicht immer mit einem großen Büro, vielen Mitarbeitern und hohen Investitionen beginnen. Manche Ideen lassen sich zunächst neben dem Job oder in kleinem Umfang ausprobieren. So kann man herausfinden, ob es überhaupt Kundennachfrage am Markt gibt und ob einem die Selbstständigkeit liegt.
Das macht eine Gründung nicht ganz risikofrei. Wer selbstständig ist, muss sich um Aufträge, Einnahmen und viele weitere Aufgaben kümmern, die im Angestelltenverhältnis andere übernehmen. Das Einkommen kann schwanken. Urlaub und Krankheit fühlen sich anders an, wenn die eigene Arbeit und vor allem die eigene Existenz davon abhängen.
Trotzdem kann Selbstständigkeit für Menschen passen, die im Job vor allem unter fehlendem Gestaltungsspielraum leiden. Wer gerne eigene Entscheidungen trifft, Verantwortung übernimmt und seine Arbeit selbst organisiert, findet darin womöglich mehr Zufriedenheit. Auch der Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen, kann ein guter Grund sein.
Erst einmal herausfinden, was einem fehlt
Wer mit seiner Arbeit unzufrieden ist, sollte sich in Ruhe fragen, woran das liegt. Ist es der Beruf selbst? Der Arbeitgeber? Die Führungskraft? Oder fehlt vor allem die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen?
Diese Fragen sind wichtig, weil Selbstständigkeit nicht per se jedes berufliche Problem löst. Wer seinen Beruf eigentlich mag, aber mit dem Vorgesetzten nicht zurechtkommt, ist vielleicht bei einem anderen Arbeitgeber besser aufgehoben. Wer sich unterfordert fühlt, könnte mit einer neuen Aufgabe oder mehr Verantwortung zufriedener werden.
Lese-Tipp: Menschen verlassen keine Unternehmen, sie verlassen Chefs
Der Wunsch nach Selbstständigkeit sieht hingegen anders aus. Man möchte selbst bestimmen, was man anbietet, wie man arbeitet und welche Richtung das eigene Unternehmen nimmt. Das kann motivieren. Es bedeutet aber auch, die Verantwortung für diese Entscheidungen in vollem Umfang zu tragen.
Unternehmer müssen nicht besonders wagemutig sein
Viele stellen sich Unternehmer als Menschen vor, die keine Angst vor Risiken haben. Das halte ich für ein schräges Bild. Auch Unternehmer machen sich Gedanken darüber, ob eine Idee funktioniert, ob genug Aufträge an Land gezogen werden können und ob die Umsätze reichen, um weiter zu wachsen.
Der Unterschied liegt eher darin, wie sie mit diesen Fragen umgehen. Sie warten nicht immer darauf, dass jede Unsicherheit verschwunden ist. Sie prüfen, was sich prüfen lässt, treffen eine Entscheidung und passen den Weg an, wenn die ersten Erfahrungen zeigen, dass etwas anders läuft als gedacht. Umsetzen geht hier vor Perfektion. So sollte es zumindest sein.
Dafür braucht es keine besondere Persönlichkeit, die mit Risiko nichts anfangen kann. Hilfreicher ist die Bereitschaft, dazuzulernen, auf Kunden zuzugehen und auch Aufgaben zu übernehmen, die weniger spannend sind, aber nötig. Denn zur eigenen Idee gehören meist auch Angebote schreiben, Rechnungen stellen, Termine organisieren und mit Rückschlägen umgehen.
Selbstständigkeit heißt nicht automatisch Freiheit
Für viele, die aus dem Angestellten-Hamsterrad ausbrechen wollen, steht die Freiheit ganz oben auf der Zielliste. Sie möchten ihre Zeit selbst einteilen und nicht für jede Entscheidung eine Freigabe bei der Führungskraft oder gar der Geschäftsführung einholen. In einem eigenen Unternehmen sind Prozesse anfangs schneller umsetzbar. Gleichzeitig kommen neue Verpflichtungen.
Kunden erwarten eine gute Leistung. Rechnungen müssen bezahlt werden. Anfragen kommen vielleicht gerade dann, wenn man eigentlich Feierabend machen wollte. Und wenn ein Auftrag ausbleibt, lässt sich die Verantwortung dafür nicht einfach weitergeben.
Die Freiheit besteht deshalb darin, selbst entscheiden zu können, welche Arbeit man annimmt und wie man das eigene Unternehmen führen möchte. Sie bedeutet nicht, dass es keine Vorgaben mehr gibt. Der Markt, die Kunden und die eigene finanzielle Situation setzen ebenfalls Grenzen.
Eine Gründung lässt sich im Kleinen prüfen
Ich habe mit 23 Jahren den Lieferservice „Der flinke Einkaufswagen“ gegründet. Ich hatte keine große Finanzierung im Rücken und habe mein Unternehmen Schritt für Schritt aufgebaut. Rückblickend war für mich wichtig, dass ich nicht erst auf den perfekten Moment gewartet habe. Ich hatte eine Idee, die ich umsetzen wollte. Und ich tat es.
Heute gibt es für manche Geschäftsideen die Möglichkeit, erst einmal klein anzufangen. Eine Dienstleistung kann zunächst neben dem Angestelltenverhältnis geprüft werden. Eine Idee lässt sich mit ersten Kunden und vor allem Kundenfeedback testen. So wird klarer, ob es genügend Nachfrage gibt und ob die tägliche Arbeit tatsächlich zu einem passt.
Dabei sollte man ehrlich mit seinen Erwartungen und den tatsächlichen Umsätzen umgehen. Ein Auftrag ist noch kein Gewinn. Von den Einnahmen gehen erhebliche Kosten und Steuern ab. Auch die eigene Zeit hat einen Wert. Wer nach einigen Monaten merkt, dass Kunden zwar Interesse zeigen, aber kaum jemand dafür bezahlen möchte, hat eine wichtige Information gewonnen, bevor er sein gesamtes Einkommen davon abhängig macht.
Nicht jeder Angestellte muss kündigen
Der Gedanke an ein eigenes Unternehmen kann helfen, die eigene berufliche Situation neu zu betrachten. Vielleicht geht es wirklich um Selbstständigkeit. Vielleicht fehlt aber vor allem mehr Einfluss, eine neue Aufgabe oder ein Umfeld, in dem die eigenen Fähigkeiten besser zur Geltung kommen.
Eine Kündigung sollte deshalb nicht der erste Schritt sein, nur weil der aktuelle Job frustriert. Besser ist es, die eigene Idee zu prüfen und herauszufinden, welche Arbeit damit im Alltag verbunden wäre. Wer merkt, dass genau diese Aufgaben Energie geben, hat eine gute Grundlage für die nächsten Überlegungen.
Viele Arbeitnehmer könnten als Unternehmer zufriedener sein. Das gilt besonders für Menschen, die gerne gestalten, Verantwortung übernehmen und mit Unsicherheit umgehen können. Selbstständigkeit ist kein einfacher Ausweg aus einem schlechten Job. Sie kann aber eine passende berufliche Richtung sein, wenn der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit über längere Zeit bleibt und auch nach einem realistischen Blick auf die Anforderungen trägt.

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