Du kannst nicht einschätzen, was deine Mitarbeiter dir gegenüber empfinden? Wenn Beschäftige ambivalente Gefühle hegen, schneiden sie in Sachen Arbeitsleistung schlechter ab – das fanden Forscher aus Großbritannien heraus.

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Die Arbeitsleistung von Arbeitskräften kann stark davon abhängen, wie das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Beschäftigen ist. Wissenschaftler aus Großbritannien haben sich diesem herausfordernden Thema gewidmet. Mit Ergebnissen, die überraschen.

Die im Journal of Management veröffentlichte Studie von Geoff Thomas, Robin Martin, Allan Lee und Yves Guillaume fasst die Ergebnisse von über 900 Befragten zusammen. Arbeitnehmer und Studenten aus unterschiedlichen Ländern nahmen an der Studie teil. Ihre Vorgesetzten wurden außerdem nach der Arbeitsleistung der Teilnehmer und Teilnehmerinnen befragt.

Die Resultate zeigen: Wer seine Beziehung zum Chef als positiv oder negativ einordnen kann, schneidet in der Arbeitsleistung besser ab als diejenigen, die widersprüchliche Gefühle ihrem Boss gegenüber empfinden. Sie können sich demnach nicht entscheiden, was sie fühlen „sollen“ oder welchem Gefühl sie trauen können.

Sozialpsychologie: Wann widersprüchliche Gefühle zur Belastung werden

Die Psychologie sagt seit jeher: Widersprüchliche Gefühle gehören in der Regel zu jeder Beziehung dazu. Nicht immer finden wir Freunde, Lebenspartner oder unsere Vorgesetzten hilfreich, unterstützend oder etwa tröstend. In anderen Momenten nehmen wir sie als empathisch und liebevoll wahr. Können wir uns jedoch nicht entscheiden, wie wir diesen Menschen grundsätzlich gegenüberstehen, kann es verwirrend werden.

Die Forscher untermauern ihre Ergebnisse mit der sogenannten Konsistenztheorie nach Leon Festinger (Sozialpsychologie). Die Theorie besagt:

  • Menschen streben auf neuronaler („Gehirnebene“) und psychologischer Ebene nach Übereinstimmung und Harmonie. Zu den menschlichen Grundbedürfnissen zählt beispielsweise der Wunsch nach Bindung oder Unabhängigkeit.
  • Werden diese Bedürfnisse in Interaktion mit unserer Umwelt – also etwa dem Chef – frustriert, kann eine sogenannte Inkongruenz entstehen.
  • Fühlen Beschäftige sich einerseits mit dem Chef verbunden, können ihm andererseits aber nicht richtig vertrauen, kann es das Gehirn verwirren.
  • Nach Erkenntnis der Forscher aus Großbritannien kann die Ambivalenz zu einer „inneren Zerrissenheit“ und schließlich zu einer schlechteren Arbeitsleistung führen. Die Untersuchung zeigt, dass zum Beispiel Angst am Arbeitsplatz dahinter stecken könnte.

Gut zu wissen: Die Konsistenztheorie spielt heute eine wichtige Rolle im Bereich „Neuroleadership“. Diese neue Art eines Führungsansatzes überträgt in der Regel neurowissenschaftliche Theorien und Erkenntnisse auf bisher existente Führungs- und Managementstrategien.

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Es drohen auch körperliche Folgen

Ob Verhältnis zum Chef oder innerfamiliäre sowie freundschaftliche Beziehungen: Empfinden wir unsere Beziehungen als ambivalent, kann das nicht nur emotionale Folgen haben. Auch körperlich macht sich die Belastung laut den britischen Forschern bemerkbar. Das zeigt sich beispielsweise durch:

  • Probleme mit dem Herz-Kreislauf-System
  • hohen Blutdruck
  • ein generell erhöhtes Krankheitsrisiko

Die gute Nachricht für Führungskräfte: Es gibt einige Lösungen, um die Beziehung zu den eigenen Beschäftigen positiv zu beeinflussen. Das sorgt nicht nur für ein besseres Arbeitsklima, sondern auch für eine besser Arbeitsleistung.

Führung: So verbesserst du deine Beziehung so deinen Angestellten

1. Teambuilding-Maßnahmen: Gib ihnen die Chance, ein Team zu sein

Nur einen Teil davon, wie Beschäftige letztendlich empfinden, können Vorgesetzte „lenken“. Denn vieles hängt von früheren Prägungen sowie späteren Erfahrungen in ihren Berufen ab.

Einerseits gilt es deshalb, die Tatsache zu akzeptieren, dass nicht alles in deinem Kontrollbereich liegt. Andererseits hilft es, die gegenseitige Unterstützung von Teammitgliedern zu stärken.

Fördere deshalb das Teambuilding durch geeignete Maßnahmen, etwa Übungen oder gemeinsame Projekte. Mit negativen Emotionen können Beschäftige zum Beispiel besser umgehen, wenn sie merken, dass sie nicht alleine sind. Kollegen, die sich jetzt untereinander unterstützen und ein und denselben Chef haben, können füreinander da sein.

2. Feinfühligkeit: Finde heraus, wie sie empfinden

Auch aus anderen Beziehung kennen wir es besonders gut: Obwohl du meinst, gut einschätzen zu können, wie dein Gegenüber über eure Beziehung denkt, liegst du nicht unbedingt richtig. So kann es auch mit deinen Angestellten sein.

Aufgrund des Machtgefälles hast du in Führungsposition die Aufgabe, auf deine Angestellten zuzugehen und zu zeigen, dass du nah- und greifbar bist.

Übe dich in Empathie und offener, wertungsfreier Kommunikation. Es gilt, die Beziehung zwischen Führungskräften und ihren Angestellten besser zu verstehen. So erhältst du einen besseren Eindruck davon, wo der Schuh tatsächlich drückt.

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3. Wertschätzung: Betone die positiven Aspekte eurer Beziehung

Du merkst, dass ein Mitarbeiter sich zurückhaltend oder paradox verhält? Schaffe Vertrauen, indem du positive Beziehungserfahrungen mit deinen Angestellten aussprichst.

Wertschätzung zeigst du zum Beispiel, indem du dich bei deinen Beschäftigen bedankst, wenn sie dir helfen konnten. Hast du eine Idee übernommen oder sie erfolgreich Geschäftskunden vorgeschlagen, solltest du deine Erfolge, die du bestimmten Mitarbeitern zu verdanken hast, mit ihnen teilen.

4. Grenzen: Kommuniziere offen, was geht und was nicht

Innerlich enttäuscht und zerrissen können Menschen sein, wenn sie sich unfair behandelt fühlen. Das Problem ist, dass viele Führungskräfte davon ausgehen, ihre Erwartungen deutlich kommuniziert zu haben. In der Praxis ist das nicht immer der Fall – und das führt zu eben jener Enttäuschung bei Mitarbeitern.

Um einen emotionalen Rückzug sowie ambivalente Gefühle zu verhindern, sollten Beschäftige die Grenzen und Regeln des Unternehmens kennen.

Was jetzt hilft: Erwarte deshalb nicht ausschließlich. Sondern sprich Regeln aus und lege diese, wenn möglich, am besten sogar gemeinsam im Team fest. Mit dieser Maßnahme beugst du Missverständnissen und Enttäuschungen nachhaltig vor.

5. Nicht verstecken: Gib ihnen die Möglichkeit, selbst Empathie zu empfinden

Führungskräfte kämpfen oft damit, ihre eigenen Emotionen und Empfindungen zu verstecken, weil sie ein spezielles Bild repräsentieren: Vorgesetzte müssen führen.

Ein moderner Führungsansatz sieht jedoch Ehrlichkeit und das Offenlegen der eigenen Gefühle vor. Können Angestellte nicht einschätzen, was hinter der Fassade einer Führungskraft steckt, wird ihnen die Chance genommen, Empathie zu empfinden und eine emotional gesunde Bindung sowie Vertrauen aufzubauen.

Gehe deshalb offen mit deinen Gedanken um und schaffe eine Vertrauensbasis. Verstecken war gestern.

6. Selbstständigkeit fördern: Gib ihnen ihre Freiräume

Die meisten Menschen kennen es aus ihrem eigenen Elternhaus: Wird aus Vertrauen Kontrolle, fangen Kinder an, sich entweder zurückzuziehen, zu rebellieren oder Konflikte zu vermeiden.

Vor allem in einem modernen Arbeitsumfeld erwarten und brauchen Beschäftige jedoch Entscheidungsfreiheit, Vertrauen und Flexibilität. Schaffe deshalb eine Arbeitsatmosphäre, welche diese Aspekte fördert.

Ja: Als Chef fällt es dir vielleicht nicht leicht, die Kontrolle in gewissen Angelegenheiten abzugeben. Es hilft dir und deinen Mitarbeitern jedoch dabei, entspannter zu werden und eine gute Beziehung zueinander aufzubauen.

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Hilf deinen Mitarbeitern beim Aufbau einer guten Beziehung

Nicht immer wird es dir gelingen, eine einwandfreie Beziehung zu deinen Mitarbeitern aufzubauen. Denn die Balance zwischen Freund und Helfer sowie Boss und gesunder Autorität zu finden, ist nicht einfach. Der Wechsel zwischen diesen Rollen kann Beschäftige verwirren.

Als Führungskraft hast du jedoch die Möglichkeit, etwas zu verändern. Die Wissenschaft zeigt, dass es sich lohnen kann, mehr in emotionale Aspekte am Arbeitsplatz zu investieren. Neurowissenschaftliche und psychische Grundbedürfnisse, Potenzialentfaltung und Förderung von Mitarbeitern, Feedback sowie Kommunikation auf Augenhöhe sind hier wichtige Stichworte.

Bildnachweis: Brosa/istockphoto.com