„Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“, so oder so ähnlich scheint das Motto zahlreicher Führungskräfte zu lauten. Sie sind es schließlich, der sich hinterher für Fehler, Verzögerungen & Co rechtfertigen muss. Genau hier unterliegen Sie aber einem gewaltigen Denkfehler, dem sogenannten „Transparenz Paradoxon“.

Inhalt
1. Definition: Das Transparenz Paradoxon in den Führungsetagen
2. Der Chef im Großraumbüro – Das Führungskonzept von morgen?
3. Von Schülern, Lehrern und Klassenarbeiten: Eine kurze Zeitreise
4. Das Transparenz Paradoxon unter der Lupe: Wie entsteht das Phänomen?
5. „Viel Schein, wenig Sein“: Kontrolle schürt Angst und Angst lähmt
6. Die Lösung lautet: Vertrauen
7. Also braucht es im Unternehmen keine Transparenz?
8. Wie sieht dann „richtige“ Transparenz für Führungskräfte aus?
9. Byebye Transparenz Paradoxon: Ihr Ausblick in eine rosige Zukunft

Definition: Das Transparenz Paradoxon in den Führungsetagen

Das Transparenz Paradoxon besteht aus folgenden zwei Begriffen:

Transparenz ist die „Durchsichtigkeit“, sprich die Nachvollziehbarkeit des Verhaltens eines Individuums, zum Beispiel durch Offenlegung oder Überwachung. Als Führungskraft bedeutet Transparenz also, dass Sie jederzeit Einblicke in die Arbeit sowie den Überblick über das Verhalten Ihrer Mitarbeiter haben.

Der zweite Begriff, das „Paradoxon“, stammt aus dem Altgriechischen und beschreibt im weitesten Sinne einen Widerspruch. Genauer gesagt handelt es sich bei einem Paradoxon um eine Erscheinung, welche dem eigentlichen Verständnis auf unerwartete Weise zuwiderläuft.

Klingt kompliziert? Wir wollen es Ihnen am Beispiel des Transparenz Paradoxon verständlicher erklären: Als Führungskraft würden Sie prinzipiell davon ausgehen, dass Ihre Mitarbeiter fleißiger sind, produktiver arbeiten und weniger Fehler begehen, je mehr Sie diese überwachen. Der logische Gedankengang lautet also: Je mehr Transparenz, umso mehr Produktivität. Genau hier greift aber das Paradoxon. Untersuchungen haben nämlich gezeigt: Durch zu viel Transparenz sinkt die Leistung eines Mitarbeiters um bis zu 15 Prozent (Quelle: The New York Times, Bits). Genau dieser, auf den ersten Blick unlogisch wirkende, Effekt ist unser eingangs genanntes Transparenz Paradoxon.

Der Chef im Großraumbüro – Das Führungskonzept von morgen?

Nehmen wir einmal an, Sie seien eine aufstrebende, hoch motivierte Führungskraft. Sie möchten natürlich durch außerordentliche Leistung glänzen, um Ihren neu gewonnenen Posten zu rechtfertigen und baldmöglichst die nächste Stufe auf der Karriereleiter zu erklimmen. Sie möchten es deshalb „besser“ machen als die Konkurrenz. Sie möchten Zielvorgaben nicht nur erreichen, sondern übertrumpfen. Sie möchten durch die geringste Fehlerquote des Unternehmens glänzen und natürlich durch gesunde, motivierte und glückliche Mitarbeiter. Sie möchten so vieles…

Was also könnten Sie Besseres tun, als mit einem strahlenden Lächeln durch die Reihen zu laufen, sich persönlich nach dem aktuellen Stand der Projekte zu erkundigen, Arbeitsfortschritte im Blick zu behalten und am besten gleich selbst mit anzupacken? Sie sind schließlich fortschrittlich und modern. Sie gehen neue Wege und kommen auf die geniale Idee, sich nicht arrogant im Einzelbüro zu verkriechen, sondern sich unter das „Volk“ zu mischen. Sie etablieren Ihren Schreibtisch also neuerdings inmitten des Großraumbüros.

Sie sind der „Chef zum Anfassen“, der „Boss Next Door“. Wenn das nicht nach dem Arbeitsplatz von morgen klingt?!

Von Schülern, Lehreren und Klassenarbeiten: Eine kurze Zeitreise

Lehrer beobachtet während der Klassenarbeit die Schüler
Halt! Glauben Sie uns: Sie sind nicht der erste kluge Kopf, der auf diese Idee gekommen ist. Sie wurde bereits vielfach getestet und dank des Transparenz Paradoxon meist schnell wieder verworfen. Vielleicht kennen Sie das selbst noch aus Schulzeiten:

Sobald in der Klassenarbeit der Lehrer hinter Ihnen stand und Ihnen über die Schulter gesehen hat, breitete sich dieses beklemmende Gefühl in Ihrer Magengegend aus. Sie haben angestrengt die Stirn gerunzelt, irgendwelche erfundenen Notizen auf das Konzeptblatt geschmiert oder wie wild auf dem Taschenrechner herumgehackt. Hauptsache, Sie wirkten hoch konzentriert und voll bei der Sache. Innerlich konnten Sie aber nichts Anderes denken als: „Kann er bitte endlich weitergehen?!“. Diese zwei, drei oder auch fünf Minuten waren schlussendlich verlorene Minuten. Sie waren jene wichtigen Sekunden, die Ihnen am Ende der Zeit gefehlt haben, um die letzte Aufgabe zu lösen, und welche Sie so eine halbe Note kosteten.

Das Transparenz Paradoxon unter der Lupe: Wie entsteht das Phänomen?

Wenn Sie nun als Führungskraft aus der Transparenz eine ständige Kontrolle machen, ja vielleicht sogar zum neuen Schreibtischnachbarn Ihrer Mitarbeiter werden und ihnen bei jeder Gelegenheit über die Schulter blicken, sind Sie zu genau diesem Lehrer von einst geworden. Was Sie fortan beobachten werden, ist nichts Anderes als Schauspielerei. Auch Ihre Mitarbeiter mutieren dann nämlich wieder zu den verschreckten Schülern aus vergangenen Zeiten. Sie haben Angst davor, Fehler zu machen, Angst vor kreativen Experimenten oder davor, faul zu wirken und ihren Job zu verlieren. Jeder will schließlich engagiert wirken, einen guten Eindruck hinterlassen und bloß nicht ersetzbar erscheinen.

Versetzen Sie sich einmal zurück in Ihre Berufsanfänge: Wie veränderte sich die Stimmung im Raum, wenn der Vorgesetzte die Tür öffnete? Waren Sie nicht auch angespannter? Wollten Sie nicht vielleicht selbst besonders fleißig wirken? Und waren Sie dabei nicht auch ebenfalls unproduktiv und sehnten den Moment herbei, als er wieder in seinem Einzelbüro verschwand?

„Viel Schein, wenig Sein“: Kontrolle schürt Angst und Angst lähmt

Die ständige Anwesenheit der Führungskraft schürt das Gefühl der Kontrolle im Team. Wer sich kontrolliert fühlt, hat Angst. Und Angst wirkt lähmend. Je verbissener Sie Fehler verhindern möchten, umso eher passieren sie. Je schneller Sie eine Aufgabe erledigen möchten, umso mehr setzt der Zeitdruck Sie unter Stress und lässt Ihre Konzentration sowie Produktivität sinken. Transparenz im Sinne von Kontrolle widerspricht dem Prinzip der Gelassenheit mit jeder Faser. Wie Sie im Artikel „Just relax: 5 Tipps für mehr Gelassenheit im Job“ nachlesen können, liegt aber gerade in der Gelassenheit der Schlüssel zu mehr Produktivität, Zufriedenheit und Gesundheit. Nur so können Ihre Mitarbeiter auf Dauer leistungsfähig bleiben. Sie müssen endlich umdenken und loslassen.

Die Lösung lautet: Vertrauen

Auflösen lässt sich das Transparenz Paradoxon nur durch Vertrauen. Wann haben Sie in der beklemmenden Klassenarbeitssituation wieder angefangen, sich zu konzentrieren? Als der Lehrer endlich weitergezogen war und seinem nächsten Schützling über die Schulter stierte. Verabschieden Sie sich von dem Gedanken, Ihre Mitarbeiter seien faul, sobald Sie ihnen den Rücken zukehren, gemäß dem Sprichwort:

„Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.“

Sie sind eben schlussendlich doch nicht mehr in der Schule, mit der im Teenageralter so coolen Null-Bock-Einstellung und dem Drang zum Schabernack. Gehen Sie davon aus, dass Sie kompetente, motivierte und vor allem eigenverantwortliche Mitarbeiter im Team haben. Auch diese sind daran interessiert, dass die Leistung bestmöglich erbracht wird. Schließlich möchten sie, dass es dem Unternehmen gut geht und sie hier die Chance auf eine erfolgreiche Zukunft haben. Auch sie wollen durch Leistung glänzen, eines Tages befördert werden und in Ihre Fußstapfen treten. Klar mag es den ein oder anderen Trittbrettfahrer geben. Doch alles in allem wirkt Kontrolle produktivitätshemmend, Vertrauen hingegen leistungsfördernd.

Also braucht es im Unternehmen keine Transparenz?

Ziehen Sie nun aber keine voreiligen Schlüsse: Natürlich brauchen Sie in Ihrem Team Transparenz. Sie ist für jedes Unternehmen von unschätzbarem Wert. Transparenz

  • verbessert den Informationsfluss im Unternehmen,
  • beschleunigt die Zusammenarbeit im Team,
  • mindert die Fehleranfälligkeit bei Schnittstellen,
  • ermöglicht flache Hierarchien und
  • sorgt für eine angenehme Arbeitsatmosphäre.

Transparenz darf nur eben nicht mit Kontrolle gleichgesetzt werden. Denn Kontrolle führt zur reinen Simulation von Produktivität, während die wahren Zahlen in den Keller sinken.

Wie sieht dann „richtige“ Transparenz für Führungskräfte aus?

Wie sieht dann „richtige“ Transparenz für Führungskräfte aus?
Als Führungskraft sollten Sie Transparenz vor allem in zweierlei Hinsicht praktizieren: Einerseits müssen Sie Ihren Mitarbeitern das Gefühl geben, dass sie Neues ausprobieren, eigene Ideen einbringen sowie auch hin und wieder Fehler machen dürfen, ohne dass Sie gleich mit hochrotem Kopf einen Wutanfall erleiden oder der Angestellte gar um seinen Job fürchten muss. Andererseits müssen Sie selbst ein hohes Maß an Transparenz leben. Das bedeutet:

  • Sprechen, handeln und verhalten Sie sich authentisch!
  • Seien Sie berechenbar!
  • Geben Sie wichtige Informationen weiter!
  • Kommunizieren Sie Ihre Ziele und Erwartungen!
  • Verhalten Sie sich stets professionell, aber nicht verschlossen!
  • Definieren Sie klare Umgangsregeln und halten Sie diese ein!

Je eher Ihre Mitarbeiter Sie als Führungskraft einschätzen können und einen Einblick in die Vorstellungen und Ziele der Führungsebene erhalten, umso mehr vertrauen sie Ihnen. Andererseits müssen auch Sie lernen, Ihren Angestellten zu vertrauen, um deren Produktivität zu steigern. Dadurch fördern Sie zugleich ihre Eigenverantwortung, Kreativität, Motivation und Zufriedenheit. Transparenz bedeutet im weiteren Sinne also nichts Anderes als Vertrauen und eine offene Kommunikation. Um als Führungskraft das Transparenz Paradoxon zu umgehen, sollte Ihr Motto daher lauten:

„Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser!“

Byebye Transparenz Paradoxon: Ihr Ausblick in eine rosige Zukunft

Wenn Sie also immer noch der „Boss Next Door“ sein möchten, sollten Sie es wörtlich nehmen, hin und wieder einmal die Türe hinter sich schließen und die Mitarbeiter einfach in Ruhe lassen. Wir sagen Ihnen, was dann passiert: Die Angestellten entspannen sich, sie können selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten, fühlen sich dadurch wertgeschätzt, zufrieden und motiviert. Dies verbessert das Arbeitsklima und führt zu einer höheren Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen. In Zeiten des Fachkräftemangels ist das für das hauseigene Employer Branding ungemein wichtig.

Weiterhin werden die Mitarbeiter mehr miteinander reden und durch diese verbesserte Kommunikation als Team zusammenwachsen. Nur im Austausch können schließlich neue Denkweisen zusammengeführt und zu einer innovativen Idee verbunden werden. Dies fördert die Kreativität und das „Wir-Gefühl“. Dadurch werden Weiterentwicklung und Fortschritt überhaupt erst möglich. Sie appellieren zudem – bewusst oder unbewusst – an den Stolz Ihrer Mitarbeiter: Wenn mir mein Chef zutraut, dass ich das alleine kann, möchte ihn es ihm auch beweisen oder seine Erwartungen bestenfalls sogar noch übertreffen.

Wir könnten diese Liste ewig weiterführen. Kurz gesagt: Richtige Transparenz und gelebtes Vertrauen machen Mitarbeiter mündig und dadurch autonomer, kreativer, motivierter und schlichtweg produktiver. Denken Sie nicht auch, dass es Zeit wird, sich vom Denkfehler „Transparenz Paradoxon“ zu verabschieden und stattdessen eine Kultur des Vertrauens und der Selbstverantwortung im Unternehmen zu etablieren? Wie geht das Ihrer Meinung nach? Oder welche Erfahrungen haben Sie zum Thema Transparenz und Kontrolle als Führungskraft oder Mitarbeiter bereits gemacht?

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