Die Kommunikationsnetze werden weltweit immer weiter ausgebaut. Über diese gelangen E-Mails, Anrufe oder Kurznachrichten in rasender Geschwindigkeit um den Globus. Sie erreichen Arbeitnehmer und Selbstständige auch außerhalb der Büros, nach den regulären Arbeitszeiten und teilweise selbst im Urlaub auf Notebooks, Tablets sowie Smartphones.

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Durch die rasante Verbreitung dieser Geräte – gemäß Berechnungen des renommierten Marktforschungsinstitutes Gartner werden jährlich derzeit alleine rund 1,75 Milliarden Mobiltelefone verkauft – steigt die Kommunikationsflut kontinuierlich. Dabei hat die ständige Erreichbarkeit im Job sowohl Vor- als auch Nachteile.

Vorteile: Produktivitätsgewinne erzielen, Flexibilität verbessern und Chancen nutzen

Es gab eine Arbeitswelt vor dem Internet, den Mobilfunknetzen und der ständigen Erreichbarkeit im Job. Damals stand die Abkürzung „WWW“ aber nicht für „World Wide Web“, sondern oft für „Weltweites Warten“. Anfragen wurden teilweise erst nach Tagen beantwortet – etwa weil der gewünschte Ansprechpartner gerade wieder außer Haus war. Das ging bei Unternehmen zulasten der Produktivität und war gerade in Notfällen sehr ärgerlich und möglicherweise teuer. Heute können Firmen dank der universellen Kommunikationsmöglichkeiten viel einfacher und rascher Personen erreichen – wenn es dringend ist, auch außerhalb der Arbeitszeit. Dadurch lassen sich dringende Probleme schneller lösen, wodurch Produktivitätsgewinne erzielt und Kosten vermieden werden können.

Zudem müssen Arbeitnehmer gerade durch die verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten nicht zwangsläufig ständig im Büro arbeiten. In vielen Berufen können sie vielmehr flexibel auch an anderen Orten tätig sein. Schließlich ist gewährleistet, dass sie jederzeit erreichbar sind, wenn ihre Anwesenheit doch einmal unabdingbar sein sollte.

In einigen Berufen – etwa bei Tradern, die auf volatilen Märkten Finanzprodukte handeln – ergeben sich immer wieder attraktive Chancen, die nur kurzfristig genutzt werden können. Möglicherweise müssen Marktexperten und Verantwortliche unter Umständen ständig erreichbar sein, um zeitnah Entscheidungen zu treffen oder mit ihrer Expertise die Entscheidungsfindung zu unterstützen. Ansonsten drohen nicht nur Gewinneinbußen, sondern womöglich sogar handfeste Verluste. Unternehmen, die ihr Personal dann ständig erreichen können, erzielen womöglich komparative Vorteile gegenüber der Konkurrenz, durch die sie im Extremfall Mitbewerber sogar vom Markt verdrängen können.

Nachteile: Stress und Überanstrengung schaden Beschäftigten, Familie, Unternehmen und der Gesellschaft

Jeder Mensch benötigt Erholung von der Arbeit, um seine Arbeitskraft zu regenerieren. Durch die ständige Erreichbarkeit im Job auch außerhalb der Arbeitszeit wird dieses erschwert und teilweise sogar unmöglich gemacht. Das belastet einerseits den Arbeitnehmer selbst, andererseits aber auch dessen Familie. Bricht diese durch die Mehrbelastung auseinander, droht sich die Lage noch zu verschärfen.

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Wie der Fehlzeiten-Report 2012 – der von der Universität Bielefeld, der Beuth Hochschule für Technik Berlin sowie dem Wissenschaftlichen Institut der AOK herausgegeben wird – belegt, leidet auch das Unternehmen selbst mittelbar unter der ständigen Erreichbarkeit von Arbeitnehmern im Job. Bei den Betroffenen steigt nämlich das Risiko, an psychischen Beschwerden zu erkranken, was wiederum zu kostenintensiven beruflichen Ausfallzeiten führen kann. Letztlich resultieren daraus sogar möglicherweise Mehrbelastungen für die ganze Gesellschaft.

Längst haben auch mehrere Weltkonzerne das Risiko erkannt. So erhalten etwa Beschäftigte des Automobilgiganten Volkswagen nach Dienstschluss seit Ende Dezember 2011 keine E-Mails mehr auf ihr Diensthandy. Beim Konkurrenten Daimler können Arbeitnehmer sogar veranlassen, dass E-Mails, die sie nach der Arbeit erhalten, generell automatisch gelöscht werden.

Fazit: Die verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten, die zu einer ständigen Erreichbarkeit im Job führen, sind Segen und Fluch zugleich. Auf der einen Seite können sich kurzfristig bietende Chancen ergriffen, Flexibilitätspotenziale genutzt und Produktivitätsvorteile generiert werden. Andererseits drohen aber auch Stress und Überanstrengung, die nicht nur die persönliche Gesundheit des Arbeitnehmers, sondern auch das Familienleben gefährden können. Letztlich betrifft dieses dann oft auch das Unternehmen und die ganze Gesellschaft.

Betroffene und Unternehmenslenker sollten sich bemühen, die richtige Balance zu finden. Es gilt, die Chancen der universellen Erreichbarkeit zu nutzen und gleichzeitig deren Risiken zu minimieren. Fallweise – etwa bei besonders wichtigen und dringenden Projekten – kann es sinnvoll sein, auch außerhalb des Büros und nach der Arbeitszeit erreichbar zu sein. Das sollte aber nicht zum Regelfall werden und zudem durch entsprechende Freiräume ausgeglichen werden.