Während die einen ihre Burn-out-Diagnose beim Arzt holen, reicht anderen ein Smoothie, ein Bürohund und ein Firmen-Newsletter mit dem Wort „Achtsamkeit“, um zu glauben, sie wären in einem progressiven Arbeitsumfeld gelandet. Viele Unternehmen geben sich heute betont fürsorglich. Doch was aussieht wie Fürsorge, ist oft gut getarnte Kontrolle mit Dinkelkruste und manchmal auch Not.

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Es fängt harmlos an. Ein paar nette Benefits hier, ein Coaching-Gutschein da. Der Chef lächelt, während er drei neue To-dos auf den Tisch knallt. Die alte Denke – mehr Leistung, mehr Anpassung – wurde nicht im untersten Schreibtischfach abgelegt, sondern neu eingekleidet. Heute trägt sie Hoodie statt Krawatte und redet vom Purpose, während sie Leute verheizt.

Gute Laune statt gute Arbeitsbedingungen

Moderne Unternehmen haben erkannt: Wer seine Leute bei Laune hält, muss sie nicht besonders gut bezahlen. Statt Tarifbindung gibt’s den wöchentlichen Team-Lunch, statt klarer Aufgabenverteilung eine Slack-Gruppe mit Feelgood-Emojis. Die Teams bleiben gezwungenermaßen unterbesetzt, aber dafür läuft jeden Freitag ein Achtsamkeitskurs in der Mittagspause.

Laut IAB berichten über 80 Prozent der Betriebe von Personalproblemen. Doch vielerorts reagiert man nicht mit neuen Einstellungen, wie auch, sondern mit stillschweigender Arbeitsverdichtung.

Viele Chefs handeln dabei nicht aus Zynismus, sondern aus Pragmatismus: Wenn weder Budget noch neue Stellen bewilligt werden, bleibt oft nur der Versuch, knappe Ressourcen durch bunte Benefits und etwas Teamstimmung zu kompensieren – und aus zu wenig Personal irgendwie mehr herauszuholen.

Der Arbeitstag

Welche Jobs haben Zukunft? Wo knirscht’s zwischen Boomern und Gen Z? Wie verändern KI und Fachkräftemangel unser Berufsleben? „Der Arbeitstag“ ist der Newsletter mit allem, was die moderne Arbeitswelt bewegt. Klar, kompakt und direkt ins Postfach.


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Und weil Kritik in dieser notgedrungenen Wohlfühlkulisse nicht vorgesehen ist, lernen viele, sie runterzuschlucken. Wer trotzdem etwas sagt, riskiert den Flurfunk-Stempel „nicht teamfähig“. Harmonie first, Feedback später – vielleicht. Die Fassade zählt. 

Achtsamkeit ist das neue Öl im Getriebe der Selbstausbeutung

Wer bei der Arbeit zusammenklappt, hat eben nicht genug an sich gearbeitet. Wer Grenzen zieht, ist „nicht offen für Wachstum“. Stress wird zur Privatsache erklärt – und wer leidet, bitteschön auch.

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Dabei sind es nicht einzelne Menschen, die versagen, sondern Strukturen, die krank machen. Trotzdem gilt: Wer sich im Feelgood-Betrieb nicht wohlfühlt, zweifelt oft zuerst an sich. Und beginnt im nächsten Step, sich selbst zu optimieren, statt die Zustände infrage zu stellen.

Führung mit Duftkerze

Es sind nicht nur Strukturen – es sind die, die sie gestalten. Die, die sich Achtsamkeit auf die Fahnen schreiben, aber Meetings dennoch bis 21 Uhr planen. Die, die Mindful Leadership propagieren, aber bei Nachfragen zur Arbeitsverteilung plötzlich schweigen. Empathie wird als Kompetenz verkauft, während reale Unterstützung dann doch ausbleibt.

Und weil sich das alles so warm anfühlt, wird es selten hinterfragt. Niemand brüllt mehr, keiner haut mehr auf den Tisch. Die Kontrolle ist leiser geworden. Aber nicht weniger effektiv.

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Das große Missverständnis

Viele verwechseln heute Wohlfühlatmosphäre mit Wertschätzung. Doch wer wirklich wertgeschätzt wird, bekommt keine Dankbarkeits-E-Mails, sondern gerechte Verträge, echte Mitsprache, transparente Entscheidungen. Stattdessen wird gespielt: mit Beteiligung, mit Visionen, mit dem Gefühl von Zugehörigkeit. Und alle machen mit, weil der Apfel von außen so schön glänzt.

Der Apfel ist vergiftet

Viele spüren, dass etwas nicht stimmt. Sie merken die Diskrepanz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was tatsächlich passiert. Zwischen dem freundlichen Ton und den stillen Überstunden. Zwischen dem wöchentlichen Team-Lunch, dem ständigen Personalmangel – und politischen Stimmen, die über weniger Krankheitstage und mehr Leistung sprechen. Es sind nicht einzelne Maßnahmen, die zum Problem werden, sondern der Eindruck, dass sie oft an die Stelle von echter Veränderung treten.

Statt über Belastung zu sprechen, wird zur Resilienz geraten. Statt die Belange der Menschen wirklich ernst zu nehmen, gibt es Feelgood-Formate und motivierende Mails. Und wer sich trotzdem erschöpft fühlt, beginnt irgendwann zu zweifeln – natürlich nicht an den Umständen, sondern an sich selbst. Genau darin liegt das Risiko dieser neuen Arbeitswelt: Dass sie gut aussieht, sich gut anhört – und dabei aus dem Blick verliert, was Menschen wirklich brauchen.

Einige Arbeitgeber sind daher wie die Königin aus Schneewittchen: Sie zeigen dir die schöne Seite des Apfels – und hoffen, du merkst zu spät, worauf du wirklich eingelassen hast.

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