Großraumbüros machen krank, da sind sich die Experten einig. Sie bieten nämlich nicht nur ein wahres Paradies für Bakterien und Viren, sie stellen vor allem eine psychische Belastung für die Mitarbeiter dar. Dennoch setzen immer mehr Unternehmen auf die Großraumbüros, obwohl es so viele sinnvolle Alternativen gibt.

Anzeige

1. Wieso überhaupt ein Großraumbüro?
2. Großraumbüros machen krank – physisch und psychisch
3. Die Lärmbelastung kommt schleichend
4. Jeder Mensch braucht seine Privatsphäre
5. Die Produktivität der Mitarbeiter sinkt
6. Sollten die Großraumbüros also abgeschafft werden?

Wieso überhaupt ein Großraumbüro?

Die Gründe, weshalb Unternehmen vermehrt auf Großraumbüros setzen, sind unterschiedlich. Einerseits greift hier der Kostenfaktor: Je mehr Mitarbeiter sie in einem Raum unterbringen können, umso günstiger. Zudem bieten Großraumbüros natürlich nicht nur Nachteile. Befürworter sehen darin

  • eine Chance für eine verbesserte Kommunikation,
  • die Stärkung von Teams und einem „Wir-Gefühl“,
  • kürzere Abstimmungswege,
  • die Erhöhung der Kreativität und
  • die direkte Teilnahme am Unternehmensgeschehen.

Doch Kommunikation ist nicht immer gut. Im Gegenteil:

Im Großraumbüro fühlen sich viele Mitarbeiter unter ständiger Beobachtung, die Ablenkung durch die Kollegen ist groß, die Produktivität sinkt und der dauerhafte Lärmpegel macht krank.

Alles nur Theorie? Nein! Zahlreiche Studien haben die These, dass Großraumbüros die Mitarbeiter krank machen, mittlerweile wissenschaftlich belegt.

Großraumbüros machen krank – physisch und psychisch

Eine schwedische Studie an der Universität von Stockholm untersuchte konkret, ob Mitarbeiter in Großraumbüros mehr Fehlzeiten haben als jene in kleineren, Einzelbüros oder im Home Office. Sie kamen zu schockierenden Ergebnissen: Von den 2.000 befragten Arbeitnehmern zählten jene im Großraumbüro doppelt so viele Fehltage wie ihre Kollegen. Das kommt das Unternehmen auf lange Sicht teuer zu stehen. Teurer als die Bereitstellung kleinerer Büros oder einer Home-Office-Regelung. Viele Unternehmen zahlen unterm Strich bei Großraumbüros sogar drauf, so der Organisationspsychologe Berthold Iserloh. Die „SBiB-Studie – Schweizerische Befragung in Büros“ stützt diese Theorie. Demnach leiden 38 Prozent der Befragten an Müdigkeit, 17 Prozent an Schlafstörungen, 16 Prozent an einem „Schweregefühl im Kopf“, 15 Prozent an brennenden Augen und 14 Prozent an Kopfschmerzen. Die Häufigkeit dieser Symptome nahm simultan zur Bürogröße zu. Weitere Beschwerden, die sich bei Mitarbeitern in einem Großraumbüro häufig beobachten lassen, sind zum Beispiel

  • Rückenbeschwerden
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Virus- und Bakterieninfektionen
  • psychische Belastungen durch Lärm und/oder ständige Beobachtung

Großraumbüros machen also tatsächlich krank. Zum einen verbreiten sich hier schlichtweg Viren und Bakterien schneller als bei einer räumlichen Trennung der Mitarbeiter. Zum anderen darf die mit dem Großraumbüro einhergehende psychische Belastung nicht unterschätzt werden.
[Tweet “Großraumbüros machen Mitarbeiter krank – physisch und psychisch”]
Die SBiB-Studie identifizierte vor allem den Lärmpegel, die schlechte Luft im Raum sowie eine falsche Raumtemperatur als Störfaktoren. Zudem fühlten sich 25 Prozent der Befragten in ihrer Arbeit häufig gestört, vor allem durch Gespräche mit und zwischen den Kollegen, den Telefonaten der anderen Personen im Raum und schlichtweg den Durchgangsverkehr.

Die Lärmbelastung kommt schleichend

Wenn neben Ihnen ein Flugzeug starten würde, würden Sie sich gewiss sofort beschweren. In einem Großraumbüro ist es natürlich lange nicht so laut. Dennoch herrschen hier bis zu 70 Dezibel. Zum Vergleich: Bei etwa demselben Wert liegt ein Rasenmäher. Experten bezeichnen den Lärm in einem Großraumbüro daher auch als „leisen Lärm“. Er schädigt nicht das Trommelfell, dafür aber die Psyche der Betroffenen. Doch das passiert nicht plötzlich, sondern schleichend und wird daher häufig gar nicht bewusst wahrgenommen. Der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte schätzt die Zahl der durch den Lärm gesundheitsgefährdeten Angestellten in deutschen Großraumbüros auf rund sieben Millionen. Die Gefahren:

  • unterschwelliger Stress
  • mangelnde Kreativität
  • sinkende Konzentration
  • steigende Fehleranfälligkeit
  • erhöhtes Herzinfarktrisiko
  • hoher Blutdruck
  • Verdauungsprobleme
  • Schlafstörungen
  • Burnout und ähnliche stressbedingte psychische Erkrankungen

Dr. Meis, ein Schweizer Mediziner und Betriebsarzt, erklärt:

Anzeige

Mechanische Geräusche, wie das Klingeln eines Telefons oder das Klappern einer Tastatur, kann das Gehirn ausblenden. Nicht aber die Kommunikation zwischen zwei Menschen, also Sprache. Durch das Telefonat eines Kollegen oder das Gespräch zwischen zwei Personen sinkt die Konzentration der Mithörenden vollautomatisch um bis zu zehn Prozent. Die Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit sinken also unwillkürlich, ohne dass der/die Betroffene etwas dagegen tun könnte.

Jeder Mensch braucht seine Privatsphäre

Die einzige Möglichkeit wäre da häufig der Rückzug – doch das ist bislang in den wenigsten Büros möglich. Die Betroffenen können also dem schädlichen Umfeld nicht entkommen. Nicht selten leiden sie zudem unter der mangelnden Privatsphäre im Großraumbüro. Sie werden durch die Kollegen und den Durchgangsverkehr stetig gestört, jeder hört ihre Telefonate mit und sie arbeiten quasi auf dem Präsentierteller – sechs, acht oder zehn Stunden am Tag. Das mindert direkt das Wohlbefinden der Mitarbeiter. Australische Forscher fanden zudem heraus, dass immer mehr Angestellte in Großraumbüros unter Reizüberflutung leiden, wobei jeder Mensch eine unterschiedliche Belastungsschwelle besitzt. Zuletzt gibt der Platz in der „Legebatterie“ vielen Betroffenen das Gefühl, nichts Besonderes zu sein. Als „einer unter vielen“ leidet dann das Selbstbewusstsein. Der Physiker Georg Brockt spricht aus eigener Erfahrung: In einem Großraumbüro sei es quasi unmöglich, komplexe oder wissenschaftliche Aufgaben zu lösen. Sie kennen das vielleicht selbst:

Versuchen Sie einmal einen Text zu schreiben, während sich zwei Personen neben Ihnen unterhalten, oder eine einfache Rechnung zu lösen, während jemand wahllos verschiedene Zahl in den Raum wirft oder laut zählt.

Der Experte von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin rechnet vor: Eine Halbierung des Platzes bedeutet die Verdoppelung des Schalls. Je enger ein Großraumbüro also ist, desto höher ist die Belastung für die Mitarbeiter.

Die Produktivität der Mitarbeiter sinkt

Die genannten Störfaktoren im Büro führen dazu, dass die Produktivität der Mitarbeiter unweigerlich sinkt. Forscher konnten bei Untersuchungen mit Kakerlaken beobachten, dass diese einfache Aufgaben unter Beobachtung besser meisterten, komplexe Aufgaben aber schlechter. Diese These sollte in Studien mit Menschen belegt werden. Und tatsächlich: Die Testpersonen zogen ihre Schuhe unter Beobachtung 30 Prozent schneller an. Schwierigere Aufgaben jedoch, werden unter Beobachtung weniger gut und deutlich langsamer gelöst. Egal, ob es sich um eine tatsächliche oder eingebildete Beobachtung handelt: Allein die Anwesenheit anderer Personen im Raum, also das Gefühl, beobachtet zu werden, mindert die Produktivität der Mitarbeiter und ihre Fehleranfälligkeit nimmt zu. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz nennt dafür sogar konkrete Zahlen: Die Fehlerhäufigkeit steigt in einem Großraumbüro um 113 Prozent.

Sollten die Großraumbüros also abgeschafft werden?

Am produktivsten arbeitet ein Mensch tatsächlich in einem ungestörten Umfeld, am besten im Home Office. Doch es gibt noch weitere Möglichkeiten, den Arbeitsplatz modern und zukunftsgerichtet zu gestalten. Das Großraumbüro muss in diesem Zuge nicht gänzlich aus dem Unternehmen verbannt werden. Dennoch muss den Mitarbeitern die Möglichkeit von Rückzugsräumen geboten sein. Am besten, er kann frei entscheiden, wann er in welchem Umfeld arbeiten möchte. So kann er sich für kreative Arbeiten und ein Brainstorming mit den Kollegen einen Platz im Großraumbüro suchen und seine Entwürfe anschließend ungestört im Doppelbüro oder Ruheraum ausarbeiten. Die Möglichkeiten einer modernen und gesundheitsförderlichen Bürostruktur ist groß – den meisten Unternehmen fehlt es bislang lediglich an einem Fehlerbewusstsein und ausreichend Kreativität. Dabei könnten so Krankenstände reduziert und die Produktivität der Angestellten gesteigert werden. Und das bei einem besseren Wohlbefinden und einer höheren Zufriedenheit der Mitarbeiter.

Wieso also, liebe Arbeitgeber, bauen Sie immer noch so viele Großraumbüros?