In Meetings, Seminaren, Veranstaltungen, Gesprächen und auch bei Verabredungen verblassen zunehmend die gängigen Umgangsformen. Telefonate werden während eines Seminars geführt, E-Mails während eines Meetings beantwortet, Gesprächspartner versetzt. Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, Selbstzentriertheit und Ignoranz gehören zum Arbeitsalltag.

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Hat die Business Etikette bestenfalls noch im Kundenkontakt Bestand oder ist sie gänzlich überholt? Sind unsere Unternehmensführer:innen und Teamleiter:innen noch Vorbilder, an denen wir uns orientieren können, die Stil und (Unternehmens-)Kultur vorleben und einfordern oder haben solche Umgangsformen keinen Platz mehr in unserem individuellen, selbstbestimmten und hierarchielosen Arbeitsleben?

Im Gespräch mit meiner Kollegin, Christiane Pätzold, strategische Personalberaterin, beleuchte ich diese Themen. Sie zieht in ihrer Unternehmens- und Team-Beratung interessante und hilfreiche Analogien zum Fußball. Mein Fokus liegt auf den Führungskräften und Leadern. Diese zu unterstützen und zu befähigen, ihre Aufgabe zum Erfolg zu bringen, gewinnend und zielorientiert zu führen, das Team entsprechend hinter sich zu versammeln und das Spektrum ihrer Soft Skills zu erweitern, ist meine Aufgabe. Denn das sind die Erfolgsfaktoren für jede Karriere.

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Unsere Beobachtungen zeigen, dass der ständige Einsatz des Handys nirgendwo Halt macht, weder in Meetings oder Seminaren noch in Gesprächen. Das hat zur Folge, dass, bei allem Multitasking, die Aufmerksamkeit bestenfalls geteilt ist, nämlich auf das Handy und das gesprochene Wort. In Meetings ist zu beobachten, dass die Teilnehmenden eher auf den eigenen Einsatz warten, um ihren Standpunkt und ihre Inhalte vortragen zu können, weniger um anderen zuzuhören und folglich ein Meeting als Austausch, Update und gemeinsame Möglichkeit zum Vorantreiben von Themen zu verstehen. Die mangelnde Aufmerksamkeit kann zurecht als Geringschätzung und Desinteresse verstanden werden. Es ist eine Missachtung desjenigen, der gerade spricht und vermitteln möchte. Höflichkeit und Achtsamkeit als Teil der Business Etikette verschwinden, bzw. müssen eingefordert werden.

Ist die Business Etikette also hoffnungslos veraltet?

Zunächst wäre zu klären, was jede Generation und jede:r Einzelne überhaupt unter Business Etikette – oftmals als Synonym für „Knigge“ und „Knigge-Regeln“ genutzt – versteht. Denn Knigge war kein „Benimmpapst“, sondern ein scharfer Beobachter mit einer hohen Wahrnehmung und dem Wunsch, das zwischenmenschliche Miteinander zu vereinfachen. Knigge erkannte Defizite der Kommunikation und des Umgangs zwischen den damaligen Landesregenten und den Bauern und Bürgern, die mit ihrem Anliegen vorsprechen wollten. Das Vorhaben misslang häufig und so wollte Knigge eine gemeinsame Verständigungsgrundlage schaffen, um es allen Beteiligten, vor allem den Bauern und Bürgern einfacher zu machen, ihr Anliegen auch wirklich vortragen zu können.

Mir erscheint dies zeitgemäß. Auch wir wollen durch Türen schreiten, unsere Anliegen darlegen, Produkte verkaufen, Menschen für unsere Sache gewinnen. Auch wir brauchen ein einvernehmliches Miteinander. Also benötigen wir doch allgemein gültige „Leitplanken“?

Nicht alles, was lässig und ungezwungen ist, ist automatisch cool, positiv und erhält Anerkennung. Lässigkeit kann auch geringschätzend, unfreundlich, respektlos, ignorant wirken und damit die Beziehung zu Chefs, Geschäftspartner:innen, Kund:innen bis hin zu Kolleg:innen erschweren, bzw. deutlich behindern. Es kann Karrieren beeinträchtigen, sogar vereiteln. 

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Gleiches gilt für das (Business-)Outfit. Auch dies ist eine Form der Kommunikation, mit der Wertschätzung, Werte, Image, Kompetenz und Standing zum Ausdruck gebracht werden. Es wäre ein fataler Trugschluss zu glauben, dass Auftritt und Erscheinungsbild irrelevant sind und nur die Fachkompetenz zählt. Das Gegenteil ist der Fall. Inzwischen gehört es zu einer guten Unternehmenskultur, ein angemessenes Outfit miteinander zu vereinbaren. Angemessen im Sinne eines internen und externen Blicks auf Bedürfnisse der Mitarbeitenden und Erwartungen der Kunden, denn Erscheinungsbild und Umgangsformen enden nicht an der Firmentür. Schließlich müssen und möchten wir mit unseren Dienstleistern, Geschäftspartnern, Kunden und solchen, die es werden sollen, respektvoll und wertschätzend umgehen, um sie über eine höfliche und verbindliche Art zu gewinnen und zu binden. Das Grundbedürfnis nach Wertschätzung und Respekt ist seit jeher und immer noch für alle gleich und verbindet uns. 

Aus meiner Erfahrung kann die firmeninterne Vereinbarung zum Erscheinungsbild bis ins kleinste Detail gehen: von der Höhe der Absätze, über die Art der Jeans, über das langärmelige Hemd, das ein mögliches Tattoo verdecken soll, oder auch nicht, bis hin zum Bart, Frisur, Nägellänge und -farbe. Sind Firmenleitung und Mitarbeitende einmal verbindlich übereingekommen, ist es für alle Beteiligten viel einfacher und sicherer, sich in dem gesteckten Rahmen zu bewegen. Firma und Geschäftspartner profitieren davon.

In unserem Expertinnengespräch beleuchten wir die Frage, was ein Erfolgsteam ausmacht. Dies sind die

Wichtigsten Faktoren:

  • Selbstreflektion:

Was bewirkt mein Tun? Was signalisiere ich mit meiner verbalen und non-verbalen Kommunikation? Wie wirken mein Auftritt und mein Umgang auf die Mitarbeitenden?

  • Feedback-Kultur

Wertschätzendes Feedback ist für alle wichtig. Auch die Teamleitung und Unternehmensführung brauchen ein solches, denn ohne Feedback können wir nicht wachsen, an uns arbeiten und zu größerem Erfolg gelangen.

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  • Delegation

Vertrauen in das Team zu haben, bedeutet abgeben zu können, sich entbehrlich zu machen und sich auf die Vereinbarungen mit und im Team verlassen zu können.

  • Business Etikette

Bedeutet nicht nur angemessene Umgangsformen, Auftreten und Kommunikation. Es bedeutet auch, sich zurücknehmen zu können, nicht stets im Mittelpunkt zu stehen und der/die Wichtigste sein zu müssen. Auch das ist gutes Benehmen.

  • Vorbilder

Vorbilder

Für Unternehmen ist es essentiell wichtig, glaubwürdige Leader als Vorbilder zu haben, die es durch Vorleben schaffen, Ihre Mitarbeitenden hinter sich und das Unternehmensziel zu versammeln, Motivation zu generieren und in jeder Situation glaubhaft zu bleiben. Auch dies gehört zur Unternehmenskultur und zur Business Etikette dazu.

Je mehr wir die „Leitplanken“ unseres Umgangs miteinander abschaffen, desto mehr ist jeder einzelne gefordert, sich Gedanken zu machen: Über die eigene innere Haltung zu den Mitmenschen, das Verhalten zu ihnen und den eigenen Werten.

Der Bruch mit den bisherigen, als lästig und überholt empfundenen Benimmregeln wird vielfach als Befreiung erlebt. Selbstbestimmtheit, Individualität, Flexibilität und Spontanität stehen im Mittelpunkt. Wie sollten dazu auch herkömmliche Konventionen passen?

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Mit Blick auf die diversen Generationen, die zurzeit in Unternehmen arbeiten, ist die schon beschriebene Unternehmenskultur wichtiger denn je. Vier Generationen sind nicht selten anzutreffen: von den Baby Boomern bis zu der Generation Z, alle mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen und Verständnis für Umgang und Kommunikation. Die Unternehmenskultur gibt den Empfindungen und Vorstellungen der Generationen einen verbindlichen Rahmen, in dem sich alle bewegen können. Sie spiegelt das Unternehmen in seiner ganzen Vielfalt, mit ihren Werten und dem Image, das es sich nach innen und außen geben will – also der Corporate Identity.   

Freundlichkeit, Rücksichtnahme, Respekt und ein Lächeln – damit ist man schon einmal auf der sicheren Seite. Achtsamkeit, um Veränderungen zu beobachten und ein ständiger Abgleich sind erforderlich. Nur so kann eine Basis für einen generationsübergreifenden Umgang, für ein erfolgreiches Team und eine allgemeingültige Wertschätzung gelegt werden.

„Die wahre Höflichkeit besteht darin, dass man einander mit Wohlwollen entgegenkommt.“ Jean-Jacque Rousseau

Britta Balogh mit ihrem Buch "Benimm ist in"
Foto: © David Sonntag

Britta Balogh ist seit über 20 Jahren selbstständig. Als Karrierecoach, Speakerin und Autorin unterstützt sie Führungskräfte, die auf ihrem beruflichen Weg vorankommen wollen. Ihr Label lautet ebenso wie der Titel ihres Ratgebers: „Benimm ist in!“ Darin beschreibt sie, wie Business-Etikette, Kommunikation und Soft Skills die Karriere beflügeln. In ihren Blogbeiträgen untersucht sie die Kommunikation in Unternehmen und gibt Hinweise für Führungskräfte und Personalentwickler. 

Bildnachweis: David Sonntag

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