Es ist der harmloseste Satz der modernen Arbeitswelt. Doch hinter der kollegialen Bitte verbirgt sich oft ein perfides System. Wer im Büro immer ja sagt, landet schnell in der Rolle des unbezahlten Erfüllungsgehilfen. Warum wir lernen müssen, Grenzen zu ziehen.

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Das Büro ist heute mehr als nur ein Arbeitsort; es ist ein Versprechen auf Gemeinschaft. Wir duzen uns, wir trinken gemeinsam Hafermilch-Cappuccino, wir beschwören das „Wir-Gefühl“, das wie ein süßer Zuckerguss über den Excel-Tabellen und Deadlines liegt. In dieser Atmosphäre der maximalen Harmonie gedeiht eine besondere Form der Grenzüberschreitung: die schleichende Instrumentalisierung der Hilfsbereitschaft.

Meist beginnt es mit einer Kleinigkeit. Ein Gefallen hier, eine Urlaubsvertretung dort. Doch irgendwann stellst du fest, dass du nicht mehr nur deinen Job erledigst, sondern den der halben Abteilung gleich mit. Du bist zum inoffiziellen IT-Support, zum Protokollanten und zum emotionalen Mülleimer geworden, während deine eigene To-do-Liste zum Mahnmal der Überlastung heranwächst. Kurz: Du hast einen unbezahlten Nebenjob an der Backe.

Das Paradoxon der Nettigkeit

Warum fällt es uns so schwer, Grenzen zu ziehen? Das Problem liegt im Kern des modernen Teamgeists begraben. „Wer das Nein wagt, bricht mit dem ungeschriebenen Gesetz der totalen Verfügbarkeit. Plötzlich steht der Vorwurf der fehlenden Teamfähigkeit im Raum, jenes Allzweck-Urteil, mit dem die Konformität erzwungen wird. Es ist das Spiel mit der Schuld, perfekt inszeniert im Gewand der kollegialen Harmonie.

Meist ist es aber keine böse Absicht, die dahintersteckt. Die Kollegen, die dich ausnutzen, sind selten finstere Intriganten. Vielmehr sind es Menschen, die schlicht gelernt haben, dass Bequemlichkeit belohnt wird, wenn man sie nur charmant genug verpackt. Sie nutzen ein feines Gespür für jene aus, die pflichtbewusst, harmoniebedürftig und vielleicht ein bisschen zu sehr darauf bedacht sind, geliebt zu werden. Es ist die Fortführung des Abschreibe-Prinzips vom Pausenhof in die gläsernen Bürotürme der Gegenwart.

Wann die Alarmglocken schrillen

Nicht jede Bitte ist ein Missbrauch von Vertrauen. Manchmal brennt die Hütte wirklich, und dann ist Zusammenhalt gefragt. Aber wenn du regelmäßig innerlich seufzt, sobald der Name eines bestimmten Kollegen auf deinem Display aufleuchtet, lohnt sich ein ehrlicher Kopfkratzer.

Woran erkennst du, dass die Grenze zur Selbstausbeutung überschritten ist? Die Anzeichen sind meist subtil, aber stetig:

  • Die Exklusivität der Bitte: Seltsamerweise wirst immer nur du gefragt, nie die anderen. Du bist zum „Path of least resistance“ geworden – der Weg des geringsten Widerstands für alle, die Aufgaben abladen wollen.
  • Die fachfremde Routine: Du übernimmst regelmäßig Aufgaben, die absolut nichts mit deinem eigentlichen Jobprofil zu tun haben, nur weil „du das ja so gut kannst“.
  • Die eigene Warteschleife: Deine eigentlichen Kernaufgaben bleiben liegen oder führen zu Überstunden, weil du ständig die Brände in fremden Revieren löschst.
  • Der verschwundene Dank: Anerkennung gibt es nur noch in homöopathischen Dosen. Deine Zusatzarbeit wird nicht mehr als Gefallen gesehen, sondern zur neuen Normalität erklärt.
  • Der Erfolg hat viele Väter, die Arbeit nur einen: Wenn das Projekt gelingt, stehen die anderen im Rampenlicht; wenn es knirscht, wirst du geschickt mit in die Verantwortung gezogen oder gar als Sündenbock platziert.
  • Die emotionale Klaviatur: Dein schlechtes Gewissen wird gezielt getriggert („Ich weiß echt nicht, wie ich das ohne dich schaffen soll…“). Wenn du mal nicht helfen kannst, folgt statt Verständnis betretenes Schweigen oder ein kühler, passiv-aggressiver Rückzug.
  • Das intuitive Unbehagen: Das deutlichste Zeichen ist oft das leiseste: Du spürst tief im Inneren, dass dir diese Dynamik nicht guttut, traust dich aber nicht, das „All-you-can-eat-Buffet“ für beendet zu erklären.

Besonders perfide wird es, wenn Kompetenz in dem Sinne regelrecht bestraft wird. „Du kannst das doch eh viel besser als ich“, ist oft nur der höfliche Code für: „Ich habe keine Lust, mich einzuarbeiten, also mach du es.“

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Eine Frage der Hygiene

Die Folgen dieser Dynamik sind fatal – nicht nur für dich persönlich, weil du in die Erschöpfung spurtest, sondern für das gesamte Gefüge. Ein Team, das darauf basiert, dass einige wenige die Last der vielen tragen, ist nicht effizient, es ist instabil und auch toxisch. Es produziert Verbitterung statt Innovation.

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Sich abzugrenzen hat daher nichts mit Egoismus zu tun. Es ist eine Form der professionellen Hygiene. Wer sich selbst schützt, schützt letztlich auch die Arbeitsqualität. Ein freundliches, aber bestimmtes „Ich würde dir gerne helfen, aber meine eigenen Kapazitäten sind derzeit ausgeschöpft“, ist kein Angriff auf den Teamgeist. Es ist eine Erinnerung daran, dass Kollegialität keine Einbahnstraße ist.

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Das Buffet ist geschlossen

Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir im Büro alles für jeden sein können. Kollegen müssen „Best Buddys“ sein, auch wenn modernes Management das gern suggeriert, um noch mehr Leistung aus dem „WIR“ herauszukitzeln. Sie sind Wegbegleiter in einem vertraglich geregelten Rahmen. Punkt.

Wenn die Zusammenarbeit also zur Einseitigkeit verkommt, wenn du dich wie ein All-you-can-eat-Buffet fühlst, an dem sich jeder bedient, ohne jemals den Abwasch zu machen, dann ist es Zeit, die Küche zu schließen. Denn am Ende des Tages gilt ein Prinzip, das älter ist als jedes moderne Teambuilding-Seminar: Eine Hand wäscht die andere.

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