Unpünktlichkeit, im Gespräch aufs Handy schauen, Zusagen nicht einhalten, die eigenen Interessen stets im Vordergrund halten, das sind Zeichen für Respektlosigkeit und ein Mangel an Wertschätzung. Sind Kollegialität, wertschätzender Umgang und Zuverlässigkeit out und „me first“ in?

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Werte bilden von jeher den Rahmen unseres Lebens, in dem sie moralische Grenzen setzen und Verhaltensregeln definieren. In weiten Teilen haben wir uns einvernehmlich auf diese Werte geeinigt, so dass sie unser Verhalten miteinander bestimmen. Nun sind diese Grenzen dehnbar, denn was für den einen akzeptabel und unproblematisch ist, ist für den anderen unhöflich und ein No-Go. Wo also fangen Egoismus und Ignoranz an und wie gehen wir damit um?

Ein Beispiel: Die ignorierte Vereinbarung

Ein/e SeminarleiterIn hat mit den TeilnehmerInnen zu Beginn des Seminars die Rahmenbedingungen für den Tag besprochen und einvernehmlich beschlossen. Nach Ablauf der Mittagspause steht er/sie parat, nur fehlen einige Personen. Der Start zum zweiten Teil des Seminars kann nicht vereinbarungsgemäß beginnen, solange nicht alle anwesend sind. Eine der fehlenden Personen sitzt in der Lobby und telefoniert, die andere ist auf dem Rückweg von Snack-Einkäufen, die dritte ist in ein Gespräch vertieft. KundIn, KollegIn, Vorgesetzte und eigene Bedürfnisse haben Priorität und ein interessantes Netzwerkgespräch alle Male, oder?

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Diese drei Personen setzen ihre Prioritäten und senden Signale an die übrigen Teilnehmer und vor allem an den/die SeminarleiterIn. Die non-verbalen Nachrichten, die ausgestrahlt werden, lauten: „Du (SeminarleiterIn) bist mir nicht so wichtig. Das, was ich gerade tue, ist wichtiger. Die Inhalte interessieren mich auch eher in zweiter Linie und ich bin ja zahlender Teilnehmer, dann kann ich auch bestimmen, wann ich wieder teilnehme. Die getroffene Vereinbarung zu der Länge der Pause gilt für alle anderen, nicht für mich. Ob jemand auf mich warten muss und ich damit den Ablauf blockiere, interessiert mich nicht“ Also: Me first!?

So verläuft das Seminar weiter mit immer wieder kleinen oder größeren Ausreißern. Das Faszinierende an diesem schwierigen Tag ist, dass alle Teilnehmenden die Veranstaltung bejubeln und beklatschen, sich überschwänglich bedanken und sehr zufrieden nach Hause gehen. Nur der/die SeminarleiterIn nicht. Sie/er ist unzufrieden, frustriert, enttäuscht. Das Arbeitskonzept und der zeitliche Rahmen für die gewünschten Inhalte wurden über den Haufen geworfen.

Die konzeptionelle Vorbereitung, die Präsenz und die Konzentration des „Entertainers“ wurden geringschätzt. Denn so wird offensichtlich ein/e SeminarleiterIn gesehen. Der eine „entertaint“, der andere konsumiert. Durch Höflichkeit und Benehmen, die eigene Wertschätzung und den Respekt gegenüber dem, der engagiert vorn steht und etwas vermitteln möchte, zu zeigen, scheint nicht in der Gedanken- und Wertewelt vorzukommen.    

Ein anderes Beispiel: Arbeitsverweigerung und Ausreden

Wir befinden uns in der Unternehmensberatung. Die zukünftige Führungsriege und der Geschäftsführer sollen in Effizienz mit anzupassenden Strukturen und zu erlernenden Soft Skills fit gemacht werden. Es sitzen Experten zusammen, die zu Führungspersönlichkeiten entwickelt werden sollen. Als erster Schritt steht eine Analyse zu Zeitfressern im persönlichen Arbeitsalltag an. Die Vorgehensweise wird erklärt. Es gehört eine Hausaufgabe dazu. Alle stimmen einvernehmlich zu, diese zu erfüllen.

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Beim nächsten Meeting ist festzustellen, dass einige diese Aufgaben nicht erledigt haben. Damit nicht genug. Es werden Ausreden gebraucht: „Ja, habe ich gemacht, habe aber vergessen, das Ergebnis mitzubringen.“ Bei weiterem Nachbohren stellt sich heraus, dass die Aufgabe gar nicht in Angriff genommen wurde mit dem Kommentar: „Habe ich schon einmal gemacht – hat eh nichts gebracht.“

Der Teilnehmer hat also den/die BeraterIn schlicht angelogen und die vereinbarte Aufgabe verweigert. Wie steht es hier um die Werte wie: Respekt, Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit? Die Signale, die ausgesendet werden, lauten: Unhöflichkeit, Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Geringschätzung den Fähigkeiten und Bemühungen des/der BeraterIn gegenüber, Desinteresse an einer Verbesserung der Situation, Ablehnung, etwas zur (eigenen) Verbesserung beizutragen.

Dies sind nur zwei Beispiele, die aufhorchen lassen. Hat uns die jüngste Zeit durch Homeoffice, remotes Arbeiten oder gar die Coronakrise zu kleinen und größeren Egoisten gemacht und sind Achtsamkeit, Rücksichtnahme, Wertschätzung, Wohlwollen und Anerkennung zu mühsam geworden?

Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip

Die Wahrnehmung der Politikwissenschaftlerin und Autorin Heike Leitschuh, die sie in ihrem Buch „Ich zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip“ schildert, ist ein zunehmender Egoismus. Sie beschreibt das menschliche Miteinander in Deutschland als erschreckend: „Das Rüpelhafte ist in der Öffentlichkeit zur Normalität geworden und es setzt sich zunehmend im privaten Leben fort. … Es ist nicht nur das Benehmen, das zu wünschen übrig lässt. Es geht viel tiefer. Empathie und Solidarität, zwei ganz wesentliche Grundpfeiler einer humanen Gesellschaft, erodieren zunehmend.“

In Ihrem Buch beklagt sie die allgemeine Ignoranz im Umgang miteinander, das Wegschauen und das Phlegma, anderen zu helfen, Rücksichtslosigkeit und einen zunehmend rüden Ton. Grund dafür scheinen u.a. bei den sozialen Medien auszumachen zu sein. Die verkürzte Kommunikation, meist ohne jede Ansprache und jeden Gruß, tragen dazu bei. Die ständige Bereitschaft, auf diese Weise zu kommunizieren, bringt uns dazu, in gleicher Weise von Angesicht zu Angesicht miteinander zu sprechen. Das macht den Ton oft rau. Empathie, emotionale Intelligenz und die Kommunikationsfähigkeiten verkümmern. 

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Hinzu kommt die ständige Selbstdarstellung über Selfies. Hier stellen wir uns ganz automatisch in den Mittelpunkt, zeigen unsere Coolness, Wichtigkeit und unsere eigenen Interessen. Der Umgang mit den sozialen Medien trägt nicht nur zu unserem Ich-Bezug bei, sondern formt und fördert ihn sogar.

Die Bevölkerungsschutz-Forscher der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften sind durch eine breit angelegten Studie zu der Annahme gelangt, dass sich der zunehmende Egoismus in der Coronakrise verschärft hat: 7.200 Verhaltensweisen von Menschen in Deutschland während der Corona-Krise wurden analysiert und die Forscher haben festgestellt: „50 Prozent der Teilnehmenden beschreiben zwar einen prosozialen Umgang mit der aktuellen Situation, bei den anderen 50 Prozent überwiegt aber antisoziales und egoistisches Verhalten. Bisherige Studien der Akkon Hochschule und der aktuelle Forschungsstand verzeichnen eine sehr viel deutlichere Tendenz der Bevölkerung zur Kooperation, daher könnte das antisoziale Verhalten in der aktuellen Corona-Krise krisenverstärkend wirken.“(*)

Es scheint also, dass die Tendenz zu „me first“ u.a. durch die Corona-Krise und durch den Umgang mit den sozialen Medien verstärkt wird.

Bedeutet „me first“ Machtgewinn im Business?

Zwei US-Langzeitstudien der UC Berkeley zeigten kürzlich, dass rücksichtsloses, unsympathisches Handeln gegenüber freundlichem, hilfsbereiten und rücksichtsvollem Umgang nicht zu mehr Machtgewinn führt. Im Gegenteil, das Ergebnis besagt, dass jeglicher Vorteil eines egoistischen Verhaltens durch schlechtere zwischenmenschliche Beziehungen zunichte gemacht wird. Mit anderen Worten: Ich-bezogene Menschen haben keinen Vorteil im Hinblick auf ihre Karriere, da selbst wenn sie sich schneller durchsetzen und ihren Weg klar fokussieren, ihr Sozialverhalten so auf der Strecke bleibt, dass es weitere Karriereschritte verhindert. Für die Karriere sind Kommunikation und Empathie unabdingbar.  

Was tun?

Empfehlenswert ist, auf Unhöflichkeit nicht mit Unhöflichkeit zu reagieren. In meinem ersten Beispiel habe ich gezeigt, dass es den „Ignoranten“ an Wahrnehmung fehlte, denn aus ihrer Sicht war der Tag ja ein voller Erfolg und sie waren hoch zufrieden. Mit anderen Worten, in ihrem Bewusstsein hat keine Alarmglocke zu einem Fehlverhalten geläutet. Hier wäre also ein erster Ansatz gegeben, nämlich Achtsamkeit und Wahrnehmung zu wecken und darauf aufmerksam zu machen, dass die gesendeten non-verbalen Signale beim anderen auch ankommen.

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Erinnern wir uns: „Wir können nicht nicht kommunizieren“, postulierte einst Paul Watzlawick. Folglich kommunizieren wir immer, ob verbal oder non-verbal, ob anwesend oder eben durch Abwesenheit. Die empfangenen Signale zu benennen und zu schildern, gelingt am ehesten, in dem der/die Betroffene dem/r anderen spiegelt, was gerade vor sich geht und was ausgelöst wird: Frust, Ärger, Verzögerung, Blockierung von anderen Personen, Zeitdiebstahl, etc. Der springende Punkt ist, den Blick weg vom eigenen Ich, den eigenen Bedürfnissen, Annehmlichkeiten und dem Selbstverständnis hin zu dem/r Anderen, dem/r sie gerade aufbürdet werden, zu wenden.

Dies sollte möglichst nicht als Vorwurf vorgetragen werden, sondern immer in der Ich-Botschaft. Eine Formulierung als Vorwurf löst unweigerlich Verteidigung und damit Konfrontation aus. Eine Schilderung der persönlichen Befindlichkeit zeigt dem/r anderen, was sein/ihr Verhalten auslöst.

Im zweiten Beispiel wäre zu spiegeln, dass Lügen und Verweigerung nicht zur Verbesserung der Situation führen und ohne eigenes Dazutun keine Veränderung in Hinblick auf Struktur, Arbeitserleichterung und Führungsqualität zu erlangen ist. Sprich, hier hilft es, die Konsequenzen des Verhaltens für den Einzelnen und die Gemeinschaft aufzuzeigen.

Wie entsteht „me first“?

Was bewegt Menschen unachtsam und egoistisch zu handeln? Menschen, die sich in den Mittelpunkt stellen und dafür sorgen, dass andere sie dort wahrnehmen, haben selbstherrliche Züge oder kämpfen häufig mit einem Mangelgefühl. Sie haben ständig die Vermutung, nicht zu genügen. Auch ein Minderwertigkeitskomplex wird durch „me first“-Auftritte überdeckt. Stress und Frustrationsintoleranz führen manches Mal ganz automatisch zu Egoismus – einfach durch den Versuch, eine eskalierende Situation sofort zu retten. Der steigende Konkurrenzdruck, verbunden mit dem Wunsch nach einem hohen Lebensstandard, tun ihr übriges.

Auch unsere Antreiber, die zur Transaktionsanalyse gehören, spielen eine Rolle: Wird ein Kind durch „sei stark“, „setz dich durch“ geprägt, zieht sich dies durch sein ganzes Leben und führt zu einer verstärkten „me first“-Haltung. Antreiber haben immer eine positive und eine hinderliche Seite. Neigt sich die Waagschale zur hinderlichen Seite, kann das erhebliche Auswirkungen auf das (Berufs-)Leben haben.

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Besonders die junge Generation wächst in einer familiären Gemeinschaft auf, in denen ihnen möglichst auf Augenhöhe begegnet wird. Kinder werden häufig in den Mittelpunkt der Gemeinschaft gestellt, dürfen und sollen schon früh entscheiden, was sie möchten, welches Urlaubsziel gewählt werden soll, was auf den Tisch kommt und geben klar bekannt, was sie nicht wollen. Damit sind sie nicht nur gewöhnt, im Mittelpunkt zu stehen, sondern auch, dass sie jederzeit Gehör finden und Ihre Wünsche und Ablehnungen durchsetzen können. Für sie ist „me first“ völlig natürlich und selbstverständlich. Allerdings hat sich schon bei jungen Erwachsenen gezeigt, dass es zu Verständigungs- und Verabredungsschwierigkeiten kommt, wenn sich alle mit dieser Haltung begegnen. Verlässlichkeit hat dann eben keinen Platz mehr im Miteinander.

Laut PNAS, der US-nationalen Akademie der Wissenschaften, wird schon den Kindern beigebracht, dass Nächstenliebe nur dann eine Option ist, wenn es sich rechnet. Dies geschieht nicht, um lauter Narzissten heranzuziehen, sondern um „radikal Rücksichtslosen“ begegnen zu können und sich ihrer zu erwehren.

Ein gemeinschaftliches Gefühl der Verunsicherung kann ein weiterer Auslöser für ein ausgeprägtes „me first“ sein. Hier verstärkt Corona den ohnehin schon volatilen Alltag, der durch Globalisierung, Schnelllebigkeit in der Arbeitswelt, Ungewissheit des Arbeitsplatzes in der nahen Zukunft und remotes Arbeiten geprägt ist. Die Verunsicherung wächst. Die Anforderungen an Mitarbeitende und Führungskräfte steigt unaufhörlich, soziale Sicherungsnetze werden dünner, die Spaltung der Gesellschaft größer. Wir werden zu mehr Eigenverantwortung gezwungen und stehen somit für uns selbst an erster Stelle. Wir müssen uns also erst einmal um uns selbst kümmern und damit rücken die eigenen Interessen in den Mittelpunkt.

Quintessenz

 Es gibt diverse soziale, gesellschaftliche und berufliche Faktoren, die eine zunehmend egoistische Haltung beflügeln. Das sind u.a.

  • Empathiemangel
  • Erziehung
  • Daraus resultierende Antreiber
  • Soziale und berufliche Unsicherheit
  • Übersteigerte Selbstsicherheit
  • Desorientierung
  • Mangel an Selbstreflexion
  • Selbstinszenierung in den sozialen Medien

Wenn wir „me first“ als gegeben hinnehmen und gar Raum zu weiterem Wachstum geben, gehen wir unserer Werte, eines angenehmen, hilfreichen und verlässlichen Miteinanders verlustig und vereinsamen im schlimmsten Fall. Unsere Karrieren werden durch Egoismus nicht beflügelt. Keiner möchte von einem selbstherrlichen Egozentriker geführt werden und dieser wäre auch mangels sozialer Kompetenzen gar nicht in der Lage, Menschen erfolgreich zu führen.

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Von „me first“ zu „you too“

Es gilt, vor allem die Soft Skills, vornehmlich die Empathiefähigkeit zu stärken. Sie ist uns nicht per se gegeben, kann aber erlernt und trainiert werden.

Einfach einmal einen Moment innehalten und reflektieren. Ist ein Zuspätkommen wirklich unausweichlich? Kann das spannende Netzwerkgespräch nicht nach dem Seminar fortsetzt werden? Hat nicht auch der Chef/die Chefin Verständnis, gar den Anspruch, dass der Mitarbeitende pünktlich im Seminar erscheint? Können die eigenen Prioritäten zugunsten der Gemeinschaft einen Moment zurückstehen? Was kostet es Sie, wenn Sie dem folgen und einen höflichen Umgang pflegen?

Wachsam und achtsam mit sich selbst und der Gemeinschaft umzugehen, ist eine Kunst, die sich erlernen und trainieren lässt und ungemein viel Positives und vor allem Anerkennung und Standing beschert. Das sind die Attribute, die zum Karrierehöhepunkt führen. „Me first“ wird dies verhindern.

Ist „me first“ unsere neue Gesellschaftsform? Ich glaube es (noch) nicht. Es gilt allerdings, achtsam zu sein und der unübersehbaren Tendenz entgegen zu wirken. Das sollte jeder für sich und wir miteinander tun, damit wir auch in Zukunft eine lebenswerte und unterstützende Gemeinschaft haben. Wir, die Gesellschaft, schaffen und erhalten Werte, die unser Leben lebenswert machen. Es liegt an uns und an unserem Miteinander.

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Mathama Gandhi

(*) https://www.akkon-hochschule.de/newsreader/verhalten-in-der-corona-krise-50-prozent-der-menschen-in-deutschland-reagieren-egoistisch.html

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Britta Balogh mit ihrem Buch "Benimm ist in"

Foto: © David Sonntag

Britta Balogh ist seit über 20 Jahren selbstständig. Als Karrierecoach, Speakerin und Autorin unterstützt sie Führungskräfte, die auf ihrem beruflichen Weg vorankommen wollen. Ihr Label lautet ebenso wie der Titel ihres Ratgebers: „Benimm ist in!“ Darin beschreibt sie, wie Business-Etikette, Kommunikation und Soft Skills die Karriere beflügeln. In ihren Blogbeiträgen untersucht sie die Kommunikation in Unternehmen und gibt Hinweise für Führungskräfte und Personalentwickler. 

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