Höher, besser, schöner, perfekter: In unseren wohlhabenden Industrienationen erleben wir Selbstoptimierung als zentralen Wert – während wir auf der anderen Seite vereinsamen und Geschäfte mit den Gefühlen von Menschen in einem „dreckigen“ Business machen.

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Eine Besonderheit der menschlichen Spezies ist, dass sie sich in ihrem Leistungs- und Optimierungsdrang von anderen unterscheidet. Ob in Sachen Technologie, Gesundheit oder Geld: Schauen wir uns die Entwicklungen der letzten Jahrtausende an, wird deutlich, dass Fortschritt allgegenwärtig ist. Wir haben Zugang zu Medizin, Informationen, finanziellen Mitteln und Bildung. Zugleich leben wir in einer Welt, in der es um Leistung und um die Verbesserung des eigenen Ichs geht.

Der Körper soll gesünder und fitter sein. Das Bankkonto muss praller werden. Unsere mentale Stärke soll so trainiert werden, dass uns nichts mehr bricht. Was zunächst positiv klingt, ist vor allem eins: das Streben nach Perfektionismus. Der Drang, das ideale „Ich“ zu erreichen.

Vor allem in modernen und wohlhabenden Industrienationen mit individualistischer Kultur ergeben sich auf diese Weise „Probleme“, die eine Eigenart haben: Es geht viel um Selbstoptimierung. Der Mensch, der heute unter Egozentrikern lebt, rückt sich noch stärker in den Fokus.

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Verlust des „Wir-Gefühls“: Einsamkeit ist das Resultat

Ein Nebeneffekt der Selbstoptimierung ist die Einsamkeit: Je größer unser eigenes Ego ist, desto weniger sind wir in der Lage, uns an einen anderen Menschen zu binden. Unsere Kompromissfähigkeit sinkt, weil wir uns selbst priorisieren. Beziehungen geben wir schneller auf. Lieber bleiben wir alleine – und das kann für eine Weile sogar schön und heilsam sein.

Langfristig landen wir jedoch in der Einsamkeit. Und diese ist gefährlich: Zahlreiche Studien, unter anderem auch eine Untersuchung von US-Forschern der Universitäten North Carolina und Brigham, zeigen, dass Isolation und Einsamkeit uns gesundheitlich gefährdet. Das Sterberisiko soll sich demnach ähnlich wie bei Rauchern oder wie bei Menschen mit stärkerem Übergewicht erhöhen.

Es ist kaum zu leugnen: Das Leben in der modernen Zivilisation fühlt sich generell „einsamer“ an. Es findet hinter den Bildschirmen und über virtuelle Nachrichten statt. Großfamilien oder das Leben in Gruppen, wie wir es aus früheren Generationen und Jahrhunderten kennen, gibt es heute seltener. Ältere Menschen vereinsamen in ihren Wohnungen – und das nicht erst seit der Pandemie. Manchmal ist die Rede von einer „digitalen Einsamkeit“ oder auch von der Isolation des modernen Menschen.

Selbstoptimierung erfolgt über Konsum

Keine Frage: Fortschritt, Emanzipation und das Einstehen für die eigenen Bedürfnisse – das alles ist wichtig. Auch die Arbeit an einem selbst. Selbstoptimierung in einer Konsumgesellschaft folgt jedoch über statusrelevante Sachen. Das können zum Beispiel Dienstleistungen und Produkte sein, die wir uns gönnen. Wir shoppen, kaufen teure Autos, kompensieren Frust mit Gütern, um uns besser zu fühlen und der Welt zu zeigen, wie wir dem idealen Ich näherrücken.

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Oder wir buchen uns einen Selbsthilfe-Guru, um Stress zu beheben, uns mental weiterzuentwickeln, auf das „next level“ zu kommen. Die Rede ist nicht von professioneller Psychotherapie. Sondern von der Vielzahl an Menschen, die ein Geschäft mit Menschen machen, die darauf anspringen, dass sie nicht so perfekt sind, wie die Gesellschaft es erwartet. Die Hilfe benötigen. Die gebrochen werden von dem Druck, unter dem wir heute leben. Denn der Mensch wird Perfektionismus niemals erreichen – und doch wird danach gestrebt, was uns in die Bredouille treibt.

Das Problem mit dem modernen Selbsthilfe-Business

Wenn wir von den professionellen Selbsthilfeangeboten absehen, für die wir alle dankbar sein können, ist es ansonsten ein „dreckiges“ Business. Das Geschäft basiert auf Konsum und darauf, die Selbstunsicherheit von Menschen zu Geld zu machen. Denn: Selbsternannte Gurus machen ein Millionengeschäft. Sachbücher mit Informationen darüber, wie wir uns selbst „transformieren“ oder moderne Selbsthilfekurse, die uns zu einem besseren Ich verhelfen soll, gibt es heute wie Sand am Meer.

Das zentrale Problem: Fertige Seminarpakete oder Selbsthilfeangebote, die wir kaufen, sollen oberflächlich den Schmerz beheben. Sie helfen aber nicht, strukturelle Gesellschaftsprobleme zu bekämpfen. Und ein großes Problem ist eben jener Drang nach mehr. Nach mehr Wachstum, mehr Erfolg, mehr Leistung. Anders ausgedrückt, geht es nicht darum, den Ist-Zustand zu akzeptieren. Sondern ständig etwas an einem selbst zu verändern, um zu verbessern; um zu optimieren. Es ist die Einladung dazu, dass die Gesellschaft verkommen darf, weil Probleme nur noch oberflächlich behandelt und Schwächen als Makel überblendet und verbessert werden.

Social Media als Bühne der Bestätigung des Ichs

Der Konkurrenzkampf in unserer individualistischen Gesellschaft, der Optimierungsdrang und der Druck, etwas leisten zu müssen: Das alles braucht eine Bühne. Denn die Verbesserung des Ichs lebt von Bestätigung. Deshalb bietet sich Social Media besonders an. Dort findet die Selbstinszenierung statt.

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Likes sind jedoch kurzweilig. Sie helfen kurzfristig bei der Selbstwertoptimierung. Die Aussagekraft ist geringfügig. Denn wir werden für den Teil „gemocht“, den wir selbst präsentieren. Nicht aber für das, was wir wirklich sind oder was außerhalb der virtuellen Welt passiert. Jeder Mensch trägt narzisstische Züge in sich, die wir in unserer neuen Welt auf diese Weise zu befriedigen versuchen, indem wir unseren Wohlstand, unseren Körper oder unser vermeintlich perfektes Leben präsentieren.

Es ist keine „Grundsatzkritik“. Denn ohne Frage hat uns die moderne Technologie dabei geholfen, Probleme zu lösen, Jobs zu schaffen, Zugang zu Bildung zu erleichtern. Dennoch ist es ein Spiel mit dem Feuer, wenn wir unseren Selbstwert über nichtssagende Likes im anonymen Netz definieren. Oder Enttäuschungen und Verletzungen über Selbstinszenierung kompensieren wollen.

Wie geht es anders?

Psychische und physische Weiterentwicklung ist erstrebenswert. Die Frage ist nur: Was ist der Preis für unsere Selbstoptimierung, was darf sie uns kosten? Wollen wir mitmachen im Rennen um Konsum und Kapital? Genügen wir nicht ohne übertriebene Optimierung?

Vielleicht geht es um unsere persönlichen Werte. Wenn wir nicht in Einsamkeit enden wollen, geht es um die Frage, was uns wirklich wichtig ist. Ob es um die Bestätigung der anderen geht. Denn das ist das, womit Leistung heute gewürdigt wird. Oder ob wir auf eine kurzweilige Selbstwertoptimierung und -erhöhung verzichten können, um wieder ein Stückchen Normalität zu erleben, bodenständiger zu leben, angstfreier zu lieben, uns mutiger so zu zeigen, wie wir ohne Filter sind.

Vielleicht geht es auch darum, wieder näher zusammenzurücken, um nicht einsam zu enden. Denn der Megatrend „Individualisierung“ hat auch einen Gegenspieler, der sich nach Corona verstärkt zeigt: Sharing, also das Teilen, rückt in den Fokus. Es existiert die Chance, Balance zu finden. Ob Auto teilen, Gäste bei sich aufnehmen und zusammen kochen, gemeinsam im Grünen arbeiten oder andere Aktivitäten. Die Möglichkeiten existieren und es liegt an uns, uns für sie oder gegen sie zu entscheiden.

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Bildnachweis: gruizza/istockphoto.com