Perfektionismus gilt als ein Charaktermerkmal, das häufig in Verbindung mit beruflichem Erfolg und Motivation gebracht wird. Schließlich stellen Perfektionisten hohe Anforderungen an sich selbst, was sich positiv auf ihre Leistungen im Beruf auswirkt. Perfektionismus hat aber auch einige Schattenseiten, nicht nur für die Betroffenen selbst. Ist Perfektionismus nun also gut oder schlecht? Und wie gehen Sie am besten damit um?

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Inhalt
1. Perfektionismus – Tugend oder Makel?
2. Streben nach Erfolg vs. Angst vor dem Versagen
3. Gute und schlechte Perfektion – Die „Perfektionismus-Falle“
4. „Teamwork? Nein danke“, sagte der Perfektionist!
5. Sind Sie ein Perfektionist? 5 untrügliche Anzeichen
6. Raus aus der Perfektionismus-Falle – So gelingt es Ihnen!
7. Nicht nur für Perfektionisten hilfreich: Setzen Sie beim Zeitmanagement auf das 80:20-Prinzip!
8. Und die Moral von der Geschicht‘: Perfektion ist unwirtschaftlich
9. Anwendung des Pareto-Prinzips: Tipps für Perfektionisten

Perfektionismus – Tugend oder Makel?

Kommt Ihnen das bekannt vor: Von der Produktlösung sind alle begeistert, auch der Chef ist überzeugt – nur Sie selbst nicht? Womöglich sind Sie ein Perfektionist, der nie mit sich selbst und seinen Leistungen zufrieden ist. Es handelt sich um einen klassischen Teufelskreis: Egal, was Ihnen gelingt, es ist niemals gut genug. Die Suche nach Perfektion lässt sich mit einer endlosen Jagd vergleichen, die auf Dauer zu einem reduzierten Selbstvertrauen oder dazu führt, dass Sie sich an erreichten Zielen nicht erfreuen können. Deshalb ist es eigentlich ein Fehler, keine Fehler machen zu wollen.

Im Joballtag werden Menschen mit einem Hang zum Perfektionismus aber als Mitarbeiter oft sehr geachtet. Sie stechen nämlich mit Eigenschaften hervor, die sich im Berufsleben bewähren: Disziplin, Organisationsvermögen, Zuverlässigkeit, Zielstrebigkeit und harte Arbeit. Sie arbeiten präzise, planen Arbeits- und Geschäftsprozesse effizient bis ins letzte Detail und achten darauf, dass nichts verloren geht oder vergessen wird. Dadurch versuchen sie, (bösen) Überraschungen entgegenzuwirken. Das ist nur mit einem hohen Maß an Selbstdisziplin möglich. Perfektionistisch veranlagte Menschen gelten in ihrem Beruf deshalb häufig als

  • ordnungsliebend,
  • verantwortungsbewusst,
  • ehrgeizig und
  • kompetent.

Deshalb erhalten sie häufig einen großen Verantwortungsbereich und die Beförderung lässt meist nicht lange auf sich warten.

Streben nach Erfolg vs. Angst vor dem Versagen

Für den Perfektionisten hat das alles aber auch negative Folgen: Ein Gefühl von Zufriedenheit ist ihm nicht bekannt. Alle Dinge zu 100 Prozent und perfekt zu machen – das führt außerdem nicht nur zum Prokrastinieren, sondern überdies zu einem Tunnelblick und ist mitunter auch wenig effektiv.

Lese-Tipp:Prokrastination: Die 6 besten Tipps gegen Aufschieberitis

In das Streben nach Exzellenz stecken Menschen mit einem Hang zum Perfektionismus viel Kraft und Zeit. Das persönliche Optimum erreichen die Betroffenen aber nur selten. Dies führt zu einer permanenten Unzufriedenheit und kann sich in einem niedrigen Selbstwertgefühl äußern. Außerdem wird die eigene Selbstachtung lediglich von Erfolgserlebnissen abhängig gemacht. Gelingt es nicht, ein (perfektes) Ziel zu erreichen, kommt es zu Enttäuschung, Frust und Wut. Ein Perfektionist befindet sich folglich oft in einem Dilemma: Dem Bedürfnis nach Erfolg auf der einen und der Furcht vor dem Versagen auf der anderen Seite.

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Gute und schlechte Perfektion – Die „Perfektionismus-Falle“

Nun sollten Sie ihren Wunsch nach hoher Qualität und Perfektion aber nicht generell als etwas Negatives abtun – es gibt natürlich gute Perfektion, aber eben auch schlechte:

  1. Negativer (maladaptiver) Perfektionismus: Häufig steckt hinter der Perfektionssucht das unerfüllte Bedürfnis nach Beachtung oder Zuspruch, mehr Kontrolle oder auch ein Selbstschutz. Bei dieser Art von Perfektionisten handelt es sich um sehr willensstarke Personen, auf die der Spruch „harte Schale, weicher Kern“ zutrifft. Solche Menschen geben immer ihr Bestes – jedoch in erster Linie aufgrund einer nach außen fokussierten Motivation. Daraus entwickelt sich schnell eine Abwärtsspirale aus Streben, Stressempfinden und Scheitern. Ein maladaptiver Perfektionismus ist dafür verantwortlich, dass sich betroffene Menschen extrem unsicher fühlen – sie weisen eine tief verankerte Versagensangst auf.
  2. Positiver (adaptiver) Perfektionismus: Guter Perfektionismus richtet sich tendenziell nach innen und hat hier seinen Ursprung. Solche Perfektionisten verfügen über hohe Werte und Ansprüche an sich selbst und legen die Messlatte deshalb immer ein wenig höher – aber: nicht für andere, sondern um sich selbst herauszufordern, einen Lernfortschritt zu machen, sich weiterzuentwickeln und täglich erneut das selbst gesteckte Idealbild von sich zu verkörpern. Der adaptive Perfektionismus erlaubt es einem Menschen, sich völlig auf eine Aufgabe zu fokussieren – dabei bleibt dieser offen für Feedback und erkennt, dass Detailversessenheit nicht immer das Nonplusultra ist. Allerdings kann auch diese Art von Perfektion schnell krampfhaft werden und großen Frust nach sich ziehen. Etwa, wenn Sie Ihren eigenen Anforderungen nicht entsprechen – so tappen Sie geradewegs in die „Perfektionismus-Falle“.

„Teamwork? Nein danke“, sagte der Perfektionist!

Zwar stellt ein Teammitglied, das stets auf der Suche nach ausgezeichneten Lösungen ist, einen Gewinn für jedes Projekt dar. Doch die Zusammenarbeit mit einem perfektionistisch veranlagten Menschen kann sich als problematisch erweisen: Die Betroffenen haben nämlich häufig Schwierigkeiten damit, Fristen einzuhalten – schließlich sind sie mit einem Ergebnis niemals zufrieden und überarbeiten es fortlaufend. Dadurch halten sie aber nicht nur sich sowie eigene Aufgabenbereiche, sondern auch den Abschluss von Kunden- und Teamprojekten auf. Zudem können sie nur selten akzeptieren, dass ihre Teamkolleginnen und Teamkollegen nicht perfektionistisch veranlagt und ihre Leistungen daher eben auch nicht immer „perfekt“ sind. Das birgt großes Konfliktpotenzial.

Sind Sie ein Perfektionist? 5 untrügliche Anzeichen

Hand aufs Herz: Was ist mit Ihnen? Sind Sie vielleicht selbst Perfektionist? Oder sogar stolz darauf? Hier kommt unser kurzer Selbsttest:

  1. Perfektion ist Ihre Motivation: Ihr Erfolgsstreben bringt Sie dazu, mehr Arbeit als andere in eine Aufgabe zu stecken. Gewöhnlicher Standard genügt für Sie nicht, es muss das Beste vom Besten sein. Hohe Ansprüche stellen Sie allerdings nicht nur an sich selbst, sondern ebenso an andere. Dabei bewirkt aber nicht nur das Streben nach Perfektion oder Erfolg eine höhere Arbeitsleistung, auch die Angst, einen Fehler zu machen, ist der Grund. Perfektionisten vermeiden aus Furcht vor dem Versagen Risikosituationen, die das Potenzial für eine Blamage bergen. Dies beeinträchtigt leider Innovation sowie spontanes und kreatives Handeln.
  2. Ein angemessener Umgang mit Kritik fällt Ihnen schwer: Der größte Kritiker eines perfektionistisch veranlagten Menschen ist dieser selbst – alles Tun wird hinterfragt und dabei sehr genau vorgegangen. Rufen selbst kleine Fehler große Selbstzweifel bei Ihnen hervor? Mit ihrer eigenen Leistung gehen Perfektionisten sehr streng ins Gericht, die Kritik von anderen zu akzeptieren, das fällt allerdings schwer – ein Perfektionist kann sich nicht vorstellen, dass jemand einen Fehler gefunden hat, der ihm selbst nicht aufgefallen ist. Betroffene nehmen jede Kritik persönlich. Gleichzeitig treten sie anderen gegenüber kritisch und häufig auch wertend auf.
  3. Sie halten sich für faul und beuten sich gleichzeitig selbst aus: Viele Menschen mit einem Hang zum Perfektionismus sind richtige Arbeitstiere – dementsprechend haben sie stets etwas zu tun. Das Wort „Pause“ ist ihnen fremd. Dennoch empfinden sie sich selbst als faul. Das hat häufig den Hintergrund, dass Arbeitsaufgaben eine längere Zeit in Anspruch nehmen als ursprünglich geplant und sich deshalb die Erledigung anderer Aufgaben verzögert. Einerseits unterstellen sich Perfektionisten deshalb Faulheit, andererseits gehen sie immer wieder bis an ihre Belastungsgrenzen, um weit nach offiziellem Feierabend oder zuhause noch nicht abgeschlossene Aufgaben zu beenden oder vermeintliche Fehler zu optimieren.
    4. Teamarbeit ist nichts für Sie: Bei der Arbeit im Team müssen alle Mitglieder am selben Strang ziehen und kooperieren – das ist nichts für einen Perfektionisten: Er betrachtet sich selbst als das Maß aller Dinge. An den Leistungen der anderen findet er immer einen Fehler. Er fordert die gleiche Detailversessenheit, die er selbst übt, von den anderen ein und würde bevorzugt das gesamte Projekt alleine umsetzen.
  4. Sie sind innerlich nicht offen: Anderen gegenüber persönliche Schwächen, Enttäuschungen oder Ängste einzugestehen ist Perfektionisten meist nicht möglich. Eine innige Verbindung und das „Sich-Öffnen“ vor anderen stellt einen langwierigen Prozess dar. Verletzlich und ohne Schutz möchten sich perfektionistisch veranlagte Menschen fast nie zeigen – sie haben vielmehr das Verlangen, sich nach außen als stark zu präsentieren und auch ihre Gefühle, wie alle Bereiche des Lebens, „perfekt“ kontrollieren zu können.

Raus aus der Perfektionismus-Falle – So gelingt es Ihnen!

In kleineren Dosen erweist sich Perfektionismus im Job als förderlich, schließlich motiviert er dazu, das Beste zu geben. Wenn Sie allerdings zu den extremen Perfektionisten zählen, kann sich das nicht nur für Sie, sondern auch für Ihre Karriere und Ihr Arbeitsumfeld zum Problem entwickeln – vor allem, wenn Sie wiederholt Schwierigkeiten mit Deadlines, Ihrem Zeitmanagement, der Zusammenarbeit mit anderen Mitarbeitern sowie damit haben, Ihren Kollegen zu vertrauen. Die folgenden Tipps bieten Wege aus der Perfektionismus-Falle und führen Sie in Richtung positive Imperfektion:

  • Räumen Sie ein, dass Ihre Erwartungen zu groß sind, und verzeihen Sie sich Fehler: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung – erkennen Sie, dass Sie stets nach dem Idealen streben und Mittelmaß Ihren Selbstansprüchen (noch) nicht genügt? Machen Sie sich bewusst, dass Ihre Arbeitskollegen vermutlich nicht so hohe Anforderungen an Sie stellen, wie Sie es tun. Hören Sie auf, sich überzogene Selbstvorwürfe zu machen, wenn etwas nicht funktioniert hat, wie geplant. Chronische Selbstzweifel erhöhen Ihre Unsicherheit. Das ist der Beginn von Minderwertigkeitskomplexen. „Stärken Sie besser Ihre Stärken“! Rechnen Sie außerdem damit, dass Sie Fehler machen. Daraus können Sie nämlich oft einen größeren Lerneffekt als aus Erfolgen erzielen. Fehler sind nicht Ihr Feind, sondern betrachten Sie diese als Chance.

Lese-Tipp:Selbstbewusstsein stärken: Tipps & Übungen für mehr Selbstvertrauen

  • Stecken Sie Ihre Ziele nicht zu hoch: Bestimmen Sie klare Zielvorgaben und beachten Sie Ihre Grenzen. Gibt es Bereiche, in welchen präzises Arbeiten oder Qualität nicht unbedingt erforderlich sind? Wo ist es möglich, Energie zu sparen? Versuchen Sie, Kosten und Nutzen gegeneinander abzuwägen: Sollte die Kostenseite überwiegen, ist es notwendig, Ihr Ziel oder den Sinn der Aufgabe zu überdenken.

Lese-Tipp: „Zielstrebigkeit: Ziele erreichen per SMART-Formel

  • Definieren Sie einen klaren Zeitplan und verlieren Sie sich nicht in Details: Berücksichtigen Sie Ihre vorhandenen Energien und bestimmen Sie vor (Projekt-) Beginn, wie viel Zeit und Kraft Sie in gewisse Aufgaben investieren. Halten Sie Fristen, bis zu denen Sie Aufgaben beendet und abgeliefert haben sollen, unbedingt ein. Diesbezüglich ist es wichtig, dass Sie sich nicht in Details verzetteln. Eine zu große Detailverliebtheit führt stets zu einem Tunnelblick. Hier gilt außerdem: Analysieren Sie weniger! Auch Probleme können Sie überanalysieren – und dabei handelt es sich ebenfalls um eine Art von Aufschiebetaktik.
  • Tun Sie es einfach: Dieser Satz hat eine doppelte Bedeutung und diese sollten Sie ruhig wörtlich nehmen: Fangen Sie endlich an – und machen Sie die Dinge nicht komplizierter als sie sind!
  • Gönnen Sie sich Pausen oder Auszeiten: Versuchen Sie, einem Überforderungsgefühl im Job entgegenzuwirken, und lehnen Sie ab, wenn Sie bereits mit Aufgaben voll ausgelastet sind. Planen Sie einen Urlaub zum Erholen ein und erlauben Sie sich immer öfters auch einfach das Mittelmaß.

Nicht nur für Perfektionisten hilfreich: Setzen Sie beim Zeitmanagement auf das 80:20-Prinzip!

Die 80:20-Regel, auch als Pareto-Prinzip bekannt, wurde von einem italienischen Ökonomen im 19. Jahrhundert erarbeitet. Vilfredo Pareto befasste sich mit der Verteilung des Reichtums in Italien und stellte fest, dass 20 Prozent der Bevölkerung 80 Prozent des Reichtums besaßen. Mittlerweile weiß man, dass diese Regel auf viele Lebensbereiche anwendbar ist: So tragen wir zum Beispiel 20 Prozent unserer Kleidung in 80 Prozent unserer Zeit oder 20 Prozent der Kunden machen 80 Prozent des Unternehmensumsatzes aus.

Für uns bedeutet das, dass 20 Prozent der eigenen Bemühungen für 80 Prozent unseres persönlichen Erfolgs ausschlaggebend sind – oder: 80 Prozent der Ergebnisse lassen sich mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes erreichen.

Und die Moral von der Geschicht‘: Perfektion ist unwirtschaftlich

Wenn Sie das Pareto-Prinzip mit Ihrem Zeit- beziehungsweise Arbeitsmanagement verknüpfen, können Sie mithilfe der richtigen Verteilung der Prioritäten mit 20 Prozent des Aufwands oft 80 Prozent der gesamten Arbeit erledigen – mit sehr wenig Aufwand lässt sich also ein hervorragendes Ergebnis erzielen. Streben Sie jedoch ständig nach Perfektion und wollen dabei 100 Prozent erreichen, bedeutet das enormen Stress und einen großen Zeit- und Energieverlust. Laut Pareto-Regel ist Perfektion also schlichtweg unwirtschaftlich.

Anwendung des Pareto-Prinzips: Tipps für Perfektionisten

Halten Sie sich nicht mit Arbeit auf, die keinen sinnvollen Mehrwert schafft!

Ein Beispiel: Denken Sie an ein Projekt und stellen Sie sich vor, Sie hätten dafür statt 30 nur mehr sechs Tage Zeit – kaum vorstellbar? Überlegen Sie sich, was Sie tun müssten, damit das Projekt in sechs Tagen beendet ist. Was sind die kritischen Punkte? Schnell werden Sie merken, dass es wider Erwarten gar nicht so viele absolut kritische Schritte gibt. Diverse kleinere Punkte lassen sich streichen, ohne das Gesamtprojekt zu gefährden. Es mag schon sein, dass das Endergebnis in 30 Tagen etwas besser gewesen wäre, aber denken Sie an die Zeit, die Sie sich genau dadurch eingespart haben.

Die konsequente Anwendung der Pareto-Regel fällt Perfektionisten naturgemäß schwer, aber versuchen Sie es schrittweise:

  • Lesen Sie die E-Mail an Ihren Kollegen am Ende nicht noch auf Rechtschreibung durch, einfach auf Senden klicken!
  • Kürzen Sie die Online-Zeit, indem Sie nur nach den relevanten Informationen suchen!
  • Beginnen Sie jeden Tag mit der wichtigsten Aufgabe! Tipp: Es ist meistens jene, die Sie aufzuschieben versuchen.

Sind auch Sie perfektionistisch veranlagt? Oder welche positiven beziehungsweise negativen Erfahrungen haben Sie mit Perfektionisten im Job gemacht? Haben Sie Ihren Perfektionismus vielleicht erfolgreich überwunden und kennen praktische Tipps für unsere betroffenen Leser? Wir freuen uns auf Ihren Beitrag zum Thema in den Kommentaren!