Fairness ist ein zentraler Begriff unsere Moralvorstellung. Erleben wir Ungerechtigkeit oder werden Zeuge von dieser, macht uns das ärgerlich, wütend und hat einen Einfluss auf unsere Beziehungsgestaltung, und sichert vielleicht auch unser Überleben.

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Für viele ist ein Erfolgsmaßstab finanzieller Reichtum. Deshalb hat Gerechtigkeit auch viel mit der Verteilung von finanziellen Ressourcen zu tun. Norwegische Forschende um Bertil Tungodden, haben Laborexperimente zur ökonomischen Entscheidungsfindung durchgeführt.

Es stellte sich heraus, das Teilnehmende oft Unterschiede zwischen fairer und unfairer Ungerechtigkeit machen. So gaben sie Probanden Rechenaufgaben zum Lösen und teilten sie dann paarweise einander zu. Die Teilnehmenden sollten im Anschluss, anhand der Punktwerte, selbst entscheiden, wie ein finanzieller Gewinn verteilt werden sollte. Als Ergebnis gaben Probanden mit weniger Punkten mehr an andere ab. Das zeigt, dass die Vorstellung von einer Leistungsgesellschaft in der mehr Leistung auch mit mehr entlohnt wird, als fair angenommen wird. 30% der Teilnehmenden gaben jedoch gar kein Geld ab.

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Was empfinden wir als gerecht?

Es scheint so, dass Menschen bereit sind, fast jede Ungerechtigkeit zu akzeptieren, wenn sie als Ergebnis eines Wettbewerbs angesehen wird. Auch die Institutionen wie unsere Bildungseinrichtungen und Sportvereine formen unsere Vorstellung von Fairness und machen uns leistungsorientiert. Doch wie kommt es, dass manche Menschen ein sechsstelliges Jahresbruttogehalt erhalten und andere wiederum am Existenzminimum leben, trotz Vollzeitanstellung?

In einigen Bereichen scheinen Nachfrage und Angebot den Markt zu regulieren und somit auch die Gehälter festzulegen. Andererseits könnte es sich auch um einfaches Glück handeln, zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren zu sein. In den meisten Fällen von finanziellem Erfolg, sind wir Menschen der Überzeugung es sei eigener Verdienst. Das Privileg schlichtweg Glück zu haben ist uns oft nicht bewusst. Das Glück zu haben in einem intakten und gebildeten Elternhaus aufzuwachsen, eine gute Ausbildung genossen zu haben, die Menschen getroffen zu haben, die wir trafen und die Möglichkeiten erhalten zu haben, die wir hatten, wird außer Acht gelassen.

Ist der Sinn nach Gerechtigkeit angeboren oder erlernt?

Kleinkinder scheinen einen angeborenen Gerechtigkeitssinn zu haben. Sie reagieren in Versuchen auf Handpuppen, die in einem Puppenspiel netter waren, deutlich positiver als auf Charaktere, die sich gemein zeigten.

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Was dafür spricht, dass wir einen natürlich angeborenen Sinn für Gerechtigkeit besitzen, ist die Tatsache, dass schon drei Monate alte Babys auf unsoziales Handeln reagieren.
Auf der anderen Seite reagieren Kinder schon sehr früh parteiisch. Sie machen Unterschiede je nach Gruppenzugehörigkeit, wenn Ihnen Jemand ähnlich ist, wird dieser Charakter bevorzugt. So entwickelt sich faires Verhalten anscheinend dahingehend, dass wir im Laufe unserer Entwicklung lernen zu unterscheiden, welches Verhalten wirklich fair ist und welches nicht.

Untersuchungen mit Kapuzineraffen gehen der Frage nach, welche Funktion Fairness in der Evolution hat und weshalb es uns etwas ausmacht, dass andere mehr bekommen, obwohl wir selbst genug haben. Es wurde klar, dass die Reaktion auf erlebte Ungerechtigkeit eine emotionale ist, die sich aus der Frustration und dem Bewusstsein ergibt, dass man weniger erhält als eine andere Partei.

Eine mögliche Erklärung für die evolutionäre Wichtigkeit des Gerechtigkeitssinns ist deshalb, dass es ein Mechanismus ist, um den Wert des Gegenübers, mit dem man gerade kooperiert zu bestimmen. Erfahrungen des zu kurz Kommens, werden dann als Faustregel genommen, sich ein anderes Gegenüber zu suchen. Das ist ein Phänomen, dass bei Menschen, Hunden und Primaten beobachtet wurde.

Lange Zeit blieb die Kooperation aus evolutionärer Sicht unbeachtet, weil man eher vom Gegensatz ausging, dass die natürliche Auslese darin bestand, dass jeder für sich kämpft, um das Überleben zu sichern. Doch insbesondere die Kooperation hat für die Menschheit immer eine große Rolle gespielt.

Es ist also wichtig, nicht immer nur darauf bedacht zu sein, selbst den größten Nutzen zu erhalten, sondern auch mal zu schauen, dass andere in unserer Umgebung profitieren.

Demokratie bedeutet nicht automatisch Gerechtigkeit

Einige sind der Ansicht, dass Ungerechtigkeiten in Demokratien zugenommen haben. Dennoch wird vieles als fair angesehen. Obwohl es Menschen gibt, die strukturell in einer benachteiligten Lage sind, was wiederum heißt, es gibt andere dafür in begünstigter Lage. Auch wenn es schwer fällt das zu hören, ist unsere Gesellschaft so strukturiert.

Gerechtigkeit und Recht sind eben zwei unterschiedliche Konzepte.
Weltweit kommt es vor, dass zugehörige bestimmter Gruppen, weniger Macht im politischen System erleben und über schlechteren Zugang zur Justiz verfügen. So weisen Studienergebnisse beispielsweise darauf hin, dass afroamerikanischen Frauen bei Zeugenaussagen zu erlebten sexuellen Übergriffen, weniger Glauben geschenkt wird als zugehöriger anderer Ethnien. Zusätzlich fallen auch die Strafen für die mutmaßlichen Straftäter geringer aus.

Die eigene Verantwortung für Gerechtigkeit

Hast Du schon mal erlebt, dass einer obdachlosen Person an den Kopf geworfen wurde, dass sie doch arbeiten gehen solle, anstatt zu betteln? Das lässt darauf schließen, dass es für diese Person eine Wahlmöglichkeit gegeben hätte. Viele Menschen, die in Armut leben werden selbst dafür verantwortlich gemacht. Man unterstellt ihnen eine Mitschuld für ihre getroffenen Entscheidungen. Es passiert also, dass Menschen, die am Existenzminimum leben, für ihr Wahlverhalten in die Verantwortung gezogen werden, sie hätten keine Ausbildung gemacht, sie seien geschieden, alleinerziehend und so weiter. Und selbst wenn in einigen Punkten ganz genau so entschieden wurde, bleibt noch außer Acht, welche Alternativen es gegeben hätte.

Insbesondere wenn wir Begründungen für die Kürzung von sozialen Leistungen betrachten, bleibt offen, ob die Entscheidungen und damit die implizierte Selbstverschuldung gute Begründungen darstellen. Denn sobald eine Wahlmöglichkeit impliziert wird, wird Ungerechtigkeit in größerem Umfang akzeptiert.

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Maßstab für Gerechtigkeit

Auch wenn Menschen grundsätzlich dazu tendieren an eine gerechte Welt zu glauben. Studien zufolge ziehen Menschen jedoch zuerst in Betracht, was ihnen selbst als fairer Anteil zusteht. Sie handeln nur dann altruistisch und empfinden Empathie, wenn andere ungerechtfertigt benachteiligt werden. Auch hier wird stets der eigene normative Standard zu Rate gezogen. Menschen, die sich jedoch beispielsweise selbst als gerecht behandelt oder entlohnt fühlen, sind tendenziell empathischer in der Wahrnehmung von Ungerechtigkeit gegenüber anderen.

Doch was ist mit angemessenen standardisierten und objektiv überprüfbaren Maßstäben von Gerechtigkeit?

Ein Instrument ist der sogenannte Index zum sozialen Fortschritt (Social Progress Index), der geht der Frage nach, inwiefern ökonomische, soziale und ökologische Bedürfnisse der Bürger*innen erfüllt werden und somit Auskunft darüber gibt, was eine gute Gesellschaft ist.

Hiernach wird bewertet, ob lebensnotwendige Bedürfnisse erfüllt werden, jede Person über Zugang zu Faktoren hat, die ein besseres Leben ermöglichen und ob jede Bürger*in die Freiheit hat, sich frei zu entfalten und Träumen nachzugehen.

Die Erfüllung der o.g. Bedürfnisse ist hilfreich, denn wenn wir das Gefühl haben in einer fairen Umgebung zu leben oder zu arbeiten, dann wird es uns leichter gemacht uns auch mehr einzubringen und somit für die Gemeinschaft dienlich zu sein. Hier trägt die Regierung mit der Steuerung der Gesetzgebung viel Verantwortung für die Gerechtigkeit in einer Gesellschaft.

Auch Transparenz ist ein wichtiger Faktor, denn wenn wir Zugang zu Informationen haben, dann können wir Entscheidungen eher nachvollziehen und unser Vertrauen in das System steigt.

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Der berufliche Umgang mit Ungerechtigkeit

Schon als Kinder stehen wir in einem Abhängigkeitsverhältnis unseren Bindungspersonen gegenüber. Diese Abhängigkeit liegt in unserer Natur und in den meisten Fällen wird gut für uns gesorgt. Dennoch fühlen wir uns auch dort ungerecht behandelt. Auch hier hat die Ungerechtigkeit meist mit der Machtposition unserer Bindungspersonen z.B. Eltern zu tun. Denn dort werden die Vorgaben und Regeln gemacht und auch durchgesetzt. Also auch unsere persönlichen Erfahrungen prägen unseren Sinn von Gerechtigkeit, und auch die Toleranz von Ungerechtigkeit.

Auch in einem Arbeitsverhältnis stehen wir wieder in einem Abhängigkeitsverhältnis. Ungerechtigkeit zu tolerieren oder ihr entgegenzutreten ist eventuell mit hohen Kosten für uns selbst verbunden.

  • Wie reagieren meine Vorgesetzten auf meine gegenteilige Meinung oder Kritik?
  • Welche Folgen könnte das für mich haben?

Das sind Fragen, die wir uns bewusst und unbewusst stellen, und die unser Verhalten beeinflussen.

Dennoch erleben wir einen Sinn für Gerechtigkeit in den Organisationen, in denen wir arbeiten. Hier bewerten wir die faire Verteilung von Ressourcen, die zwischenmenschlichen Interaktion und Entscheidungsprozesse. Studien zeigen, je unfairer wir uns behandelt fühlen, desto höher fällt die psychische Beanspruchung aus. Fairness ist also nicht nur ein individuelles Phänomen, sondern auch für die Gesundheit von Beschäftigten ein wichtiger Faktor.

Bildnachweis: FilippoBacci/istockphoto.com

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Anne und Fred von arbeits-abc.de
Foto: Julia Funke

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