Nicht nur bei Personalbeurteilungen oder Schulnoten wünschen wir Menschen uns vor allem eines: Objektivität. Leider ist das Gehirn aber kein Roboter. Es neigt zu Wirklichkeitsverzerrungen, vorschnellen Urteilen und Pauschalisierungen. Hundertprozentig objektiv zu sein – das ist für Menschen schlichtweg unmöglich. Schuld daran ist unter anderem der sogenannte „Halo Effekt“. Was steckt dahinter?

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Definition: „Halo Effekt“

„Halo“ ist ein englischer Begriff und steht für den Heiligenschein. Der „Halo Effekt“ kann also auch als der „Heiligenschein Effekt“ übersetzt werden. Weitere gängige Termini sind „Lichthof Effekt“ oder nur „Hof Effekt“.

Beim „Halo Effekt“ handelt es sich – ebenso wie bei seinem Gegenspieler, dem „Horn Effekt“ – um eine Wirklichkeitsverzerrung. Das Gehirn schließt unbewusst (!) von einer positiven auf alle anderen Eigenschaften eines Menschen. Der „Heiligenschein“ überstrahlt also eventuelle Defizite und erzeugt dadurch einen besseren, aber eben verzerrten, Gesamteindruck einer Person.

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Der „Halo Effekt“ gehört damit zu den mächtigsten und häufigsten Streichen, die uns von der Psyche gespielt werden. Das Gefährliche an diesem Phänomen ist, dass alle anderen Eigenschaften – außer dem „Heiligenschein“ – in den Hintergrund treten, selbst wenn diese eigentlich bedeutender und ausgeprägter, oder sogar negativer Art sind. Wer dem „Halo Effekt“ zum Opfer fällt, redet sich also sprichwörtlich die Tatsachen schöner als sie sind. Das kann natürlich vor allem im professionellen Umfeld zu Komplikationen führen, zum Beispiel zu realitätsfernen Leistungsbeurteilungen und „falschen“ Beförderungen – welche aus rein rationalen Gründen nicht immer nachvollziehbar und sinnvoll sind.

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Geschichte: Forschung zum „Heiligenschein Effekt“

Eine erstmalige, wenn auch nicht sehr detaillierte, Beobachtung des „Halo Effekts“ findet sich im Jahr 1907 durch Frederic L. Wells. Dieses Phänomen interessierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts dann auch Edward Lee Thorndike, der den Begriff „Halo Effekt“ prägte. Im Zuge des ersten Weltkriegs ließ er im Rahmen seiner Forschung zur Wirklichkeitsverzerrung eine Beurteilung von Soldaten durch ihre Offiziere vornehmen. Sie sollten demnach eine individuelle Bewertung zu folgenden Kriterien abgeben:

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  • Charakter
  • Intelligenz
  • Führungsqualitäten
  • Kondition
  • physische Leistungsfähigkeit
  • zielgenaues Schießen
  • Musikalität
  • u. v. m.

Dass nicht jede Eigenschaft dabei in einem direkten Zusammenhang mit der Arbeit eines Soldaten stand, zum Beispiel die Musikalität, war natürlich beabsichtigt. Und tatsächlich machte Thorndike bei den Ergebnissen eine erstaunliche Entdeckung: Die meisten Soldaten wurden entweder in allen Punkten sehr gut oder aber durchweg eher unterdurchschnittlich bewertet. Simpel ausgedrückt heißt das also: Einem gutaussehenden Soldaten trauten die Offiziere auch mehr Führungskompetenz, eine höhere Musikalität und zielgenaueres Schießen zu als einem weniger attraktiven – und das, obwohl diese Eigenschaften aus objektiver Sicht überhaupt nichts miteinander zu tun haben.

„Die Schönheit der Dinge lebt in der Seele dessen, der sie betrachtet.“
(David Hume)

Thorndike kam demnach zu der Schlussfolgerung: Wenn ein positives Persönlichkeitsmerkmal wie Attraktivität oder Humor besonders hervorsticht, überstrahlt es alle anderen Stärken sowie Schwächen und führt zu einer Wirklichkeitsverzerrung. Ein objektives Urteil ist dann nicht mehr möglich. Wichtig ist dabei aber zu wissen: Dieser „Halo Effekt“ geschieht unbewusst!

Am stärksten wirkt der „Halo Effekt“ bei physischer Attraktivität

Zwar kann jede beliebige positive Eigenschaft an einem Menschen den „Halo Effekt“ hervorrufen, am häufigsten und stärksten ist er jedoch bei attraktiven Personen zu finden. Auch Thorndike beobachtete in seiner Studie demnach das Phänomen, dass jene Soldaten, die aus objektiver Sicht als „schön“ oder „attraktiv“ bezeichnet werden könnten, auch diejenigen mit den durchweg besten Bewertungen in allen Bereichen waren. Schöne Menschen werden aufgrund des „Halo Effekts“ als kompetenter, intelligenter, sympathischer, zufriedener, erfolgreicher eingeschätzt beziehungsweise mit ähnlich positiven Attributen in Verbindung gebracht.

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Aufgrund dieser positiven Assoziationen werden attraktive Menschen nicht nur erfolgreicher eingeschätzt als ihre weniger attraktiven Kolleginnen und Kollegen – sie sind es sogar. In der Öffentlichkeit wird dieses Thema als „Schönheitsprämie“ bezeichnet und wild diskutiert. Dass schöne Menschen aber durchweg kompetenter oder intelligenter und deshalb erfolgreicher als weniger Schöne seien, kann keinesfalls pauschal behauptet werden. Es handelt sich also – wie du nun bereits gelernt hast – um nichts Anderes als die Auswirkungen des „Halo Effekts“. Weitere klassische Assoziationen des „Halo Effekts“ sind zum Beispiel:

  • Brillenträger sind klug
  • Übergewichtige sind lustig
  • Großgewachsene sind selbstbewusst

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Die „Gefahr“ hinter dem Heiligenschein

Eigentlich klingt der „Halo Effekt“ sehr harmlos. Er kann sich für attraktive Menschen sogar zum Vorteil entwickeln. Dennoch bringt der „Heiligenschein“ im Berufsleben vor allem negative Konsequenzen mit sich:

  • unfaire (und oberflächliche) Leistungsbeurteilungen
  • Beförderungen nach den falschen Kriterien
  • Missverständnisse oder Konflikte durch vorschnelle Meinungsbildung
  • Förderung von Vorurteilen
  • Falschbesetzung von vakanten Stellen
  • höhere Mitarbeiterfluktuation
  • Anstieg der Personalkosten

Grundsätzlich ist der „Halo Effekt“ bei Kindern besonders stark ausgeprägt und nimmt mit zunehmenden Lebensalter sowie der Berufserfahrung eines Menschen langsam ab. Wenn es in deinem sozialen Umfeld (Klein-) Kinder gibt, weißt du, dass diese instinktiv entscheiden, wer ihnen sympathisch ist – also mit wem sie spielen möchten – und wer nicht. Auch im Erwachsenenalter sorgt der „Halo Effekt“ für ein solches Denken in Stereotypen – wenn auch subtiler.

Das Gehirn ist schuld am „Halo Effekt“

Schuld am „Halo Effekt“ ist das menschliche Gehirn. Sein höchstes Ziel ist es stets, die Komplexität aller bewusst und unbewusst aufgenommenen Informationen zu reduzieren. Ist es warm oder kalt? Welche Geräusche höre ich? Was kann ich sehen? Die Informationsflut, welche jede Sekunde im menschlichen Gehirn ankommt und verarbeitet werden muss, kannst du dir nicht einmal ansatzweise ausmalen. Das Resultat, wenn die Komplexität einmal Überhand gewinnt: Blackout.

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Doch so weit soll es natürlich nicht kommen. Aus diesem Grund hat sich das Gehirn eine ganz simple Lösung zur Reduktion der Komplexität bei sozialen Interaktionen ausgedacht: Schubladendenken. Wenn du Menschen nach Kategorien einteilst und von wenigen Merkmalen auf das große Ganze schließt, musst du seine Persönlichkeit nicht in all ihrer individuellen Komplexität erfassen. Das macht die Welt gleich um einiges einfacher, geordneter und weniger anstrengend. Natürlich sind solche Stereotypen unerwünscht – doch dieser Prozess passiert vollautomatisch und unbewusst.

10 Beispiele für den „Heiligenschein Effekt“

Wir sind uns sicher, dass du mindestens eines der folgenden Beispiele für den „Halo Effekt“ aus eigener Erfahrung kennen:

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  1. Du schätzt gutaussehende Menschen als kompetent und erfolgreich ein.
  2. Du schreiben Männern im Anzug beziehungsweise Frauen im Business-Kostüm ein hohes Selbstbewusstsein zu.
  3. Eine in Rot gekleidete Person erscheint dir besonders dominant.
  4. Du hältst Brillenträger für intelligent.
  5. Du sprichst Menschen, die oft und gerne im Mittelpunkt stehen, eine hohe Führungskompetenz zu.
  6. Einen stets gut gelaunten und humorvollen Kollegen hältst du für vertrauenswürdig.
  7. Du gibst einer attraktiven Kellnerin mehr Trinkgeld als einer weniger schönen.
  8. Als Personaler wählst du intuitiv bei gleicher Qualifikation den attraktiveren Bewerber.
  9. Ein „schöner“ Professor erscheint dir kompetenter und interessanter als weniger attraktive Dozenten.
  10. Du glaubst dem Wetterbericht für den kommenden Tag eher, wenn er von einer attraktiven Dame – oder einem schönen Mann – vorgetragen wird als von einer „unscheinbaren“ Person.

Tipps: So gehst du mit dem „Halo Effekt“ um

Nun, da du um den „Halo Effekt“ weißt, solltest du diesen gleich auf zweierlei Art und Weise händeln: Einerseits gilt es, den „Heiligenschein Effekt“ bei sich selbst zu vermeiden, um dein soziales Umfeld zukünftig realistischer einzuschätzen, und andererseits kannst du den „Halo Effekt“ bei Personalern, Vorgesetzten und Kollegen natürlich gezielt nutzen, um deine eigene Karriere voranzutreiben. Unsere zwei wichtigsten Tipps, die wir dir deshalb heute mit auf den Weg geben möchten, lauten:

Tipp 1: Überprüfe deine Überzeugungen!

Stelle daher ab sofort deine alten und neuen Sichtweisen auf den Prüfstand und versuchen, Menschen so objektiv wie möglich zu beurteilen. Nur, weil ein Kollege denselben Humor oder auch dieselbe Heimatstadt hat wie du, muss er nicht ebenso vertrauenswürdig und hilfsbereit sein. Je realistischer du also dein soziales Umfeld einschätzt, umso seltener wirst du enttäuscht.

Dadurch vermeidest du nicht nur den „Halo Effekt“, sondern vor allem Missverständnisse, falsche Erwartungshaltungen und Konflikte. Ganz verhindern wirst du die Wahrnehmungsverzerrung in deinem Gehirn zwar nicht, doch allein das Bewusstsein um den „Halo Effekt“ kann diesen bereits merklich verringern.

Tipp 2: Achte auf dein Erscheinungsbild!

Auch, wenn du eigentlich nur wenig Wert auf Mode oder Styling legst, ist Attraktivität im Job eines der wichtigsten Attribute für beruflichen Erfolg. Nutze diesen „Halo Effekt“ bei Personalern, Entscheidern und Vorgesetzten deshalb zukünftig zu deinem Vorteil und achte auf ein attraktives Erscheinungsbild. Selbst Menschen, die nicht von Natur aus mit makelloser Schönheit gesegnet sind, können nämlich durch die richtige Kleidung, Frisur und Körpersprache – und als Frau noch angemessenes Makeup – ihre Attraktivität deutlich erhöhen, und damit eben auch ihre Karrierechancen.

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Doch nicht nur Attraktivität kann den „Halo Effekt“ bei deinem Gegenüber hervorrufen. Auch Humor, Hilfsbereitschaft oder Freundlichkeit können deinen (ersten) Eindruck erheblich verbessern. Ausschlaggebend hierfür ist, dass du das richtige Maß aus Selbstmarketing und Authentizität findest. Eine schwierige Aufgabe, die aber keinesfalls unmöglich ist!

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Fazit

Während der „Halo Effekt“ also für Arbeitnehmer viele Vorteile mit sich bringt, schlagen seine Nachteile vor allem auf der Arbeitgeberseite dazu. Der „Heiligenschein“ führt nämlich zu falschen Personalentscheidungen, fehlerhaften Leistungsbeurteilungen und dadurch zu höheren Kosten sowie einer gesteigerten Mitarbeiterfluktuation. Da sich das menschliche Gehirn aber niemals gänzlich austricksen lässt, hilft an dieser Stelle nur eine Lösung: Standardisierte Bewertungs- und Bewerbungsverfahren ohne Bild! Hilfreich können zudem spezielle Schulungen sowie Trainingscenter sein, welche Entscheider und Personaler hinsichtlich der Problematik „Halo Effekt“ sensibilisieren.

Bildnachweis: claudio.arnese/istockphoto.com