Es klingt paradox: Du bringst für die Stelle alles mit – Know-how, Berufserfahrung, Erfolge. Und trotzdem folgt die Absage. Kein Feedback, kein zweiter Blick. Einfach weg. Und du fragst dich: Ich erfülle doch alle Anforderungen für den Job, mehr sogar. Die Antwort überrascht. Denn sie hat mit Vorurteilen, Machtspielen und erstaunlich irrationalen Auswahlprozessen zu tun.

Anzeige

Denn laut Studienlage schätzen Personalverantwortliche hochkompetente Jobkandidaten nicht unbedingt als Traum-Bewerber ein. Im Gegenteil: Wer zu stark glänzt, löst offenbar Zweifel aus – vor allem an der Loyalität. Eine Untersuchung mit vier experimentellen Studien zeigt:

Je fähiger Bewerber eingeschätzt werden, desto weniger glauben Entscheider, dass diese auch wirklich langfristig im Unternehmen bleiben wollen.

Warum könnte zu viel Kompetenz zum Nachteil werden?

Weil Kompetenz nicht nur für Können steht, sondern vor allem für Optionen. Und Optionen machen Bewerber in den Augen vieler Recruiter unberechenbar. Wer richtig gut in seinem Beruf ist, könnte schnell wieder weg sein. Oder schlicht zu anspruchsvoll sein, was Aufgaben, Führung oder Entwicklungsmöglichkeiten betrifft. Die unterschwellige Angst:

Top-Leute stellen zu viele Fragen – und womöglich auch den Status quo infrage.

Was bedeutet das für den Jobmarkt?

Ganz einfach: Qualifikation schützt nicht vor Ablehnung. Besonders nicht, wenn die eigene Eignung wie ein Flutlicht über dem Lebenslauf strahlt. Das sorgt bei Personalverantwortlichen für Schattenspiele – plötzlich steht da nicht mehr nur die Frage „Passt die Person zur Stelle?“, sondern: „Passt sie überhaupt in unser Unternehmen?“ Und diese Frage wird oft mit Bauchgefühl beantwortet.

Lese-Tipp: Personaler irren häufiger, als sie glauben – Schuld ist das Bauchgefühl

Vor allem zwei Faktoren sind entscheidend: Zum einen wird angenommen, dass Top-Kandidat weniger Interesse an der spezifischen Mission und den Werten eines Unternehmens mitbringen. Zum anderen: Wer viel draufhat, könnte jederzeit zur Konkurrenz wechseln oder gar den Chef infrage stellen. Die Folge: lieber die sichere Bank als das Überflieger-Risiko.

Lese-Tipp: Overachiever: Sie fliegen hoch hinaus, aber fallen tief

Was passiert, wenn Unternehmen so denken?

Diese Denkweise zieht sich durch alle Branchen. Egal ob Mittelstand oder Konzern, Start-up oder Verwaltung: Personalverantwortliche wägen ab, ob jemand nicht zu kompetent wirkt. Ja, richtig gelesen – zu kompetent. Denn das kann als rote Flagge wahrgenommen werden. Was für ein Wahnsinn, oder?

Denn genau diese Denke sorgt dafür, dass Unternehmen genau jene verlieren, die sie eigentlich dringend brauchen: Menschen mit Ehrgeiz, Know-how und Perspektive. Stattdessen bleiben oft die, die sich geschickt unter Wert verkaufen oder schlicht die besseren Taktiker im Bewerbungsprozess sind.

Anzeige

Der Arbeitstag

Welche Jobs haben Zukunft? Wo knirscht’s zwischen Boomern und Gen Z? Wie verändern KI und Fachkräftemangel unser Berufsleben? „Der Arbeitstag“ ist der Newsletter mit allem, was die moderne Arbeitswelt bewegt. Klar, kompakt und direkt ins Postfach.


Lese-Tipp: „Höher, schneller, weiter“ – Wann Ehrgeiz zur Karrieregeilheit wird

Was kannst du als Bewerber tun?

Wer viel kann, muss klüger auftreten. Es geht nicht darum, zu prahlen oder sich als Überflieger zu inszenieren. Selbstbewusstsein ja – Angeberei nein. Ein bisschen Understatement kann helfen, um nicht direkt als Risiko abgestempelt zu werden. Zeig deine Stärken so, dass sie zum Job passen. Du bewirbst dich auf eine Position, nicht auf den Chefposten. Jedenfalls noch nicht. Und manchmal ist es strategisch klüger, Kompetenzen nicht wie eine Ordenssammlung auf der Brust zu tragen – stolz geschwellt und für alle sichtbar – sondern strategisch einzusetzen, je nach Aufgabe und Projekt

Was sollten Unternehmen dringend überdenken?

Gleichzeitig sollten einige Unternehmen dringend umdenken. Wer im Bewerbungsprozess Angst vor Kompetenz hat, verhindert Entwicklung. Nicht die Loyalität entscheidet über den Wert einer Arbeitskraft, sondern ihr konkreter Beitrag. Und ja, manchmal bleibt jemand nur zwei Jahre, aber diese zwei Jahre können ein Team oder ein ganzes Projekt weiterbringen als zehn Jahre Mittelmaß.

Anzeige

Der Irrglaube, Loyalität lasse sich durch Unterforderung sichern, ist gefährlich. Er führt zu zementierter Mittelmäßigkeit – und irgendwann zu exakt jener Fluktuation, die man eigentlich verhindern wollte.

Was bedeutet das für dich als Bewerber?

Manchmal bekommst du die Jobabsage nicht trotz deiner Qualifikation, sondern genau deshalb. Du wirkst zu stark, zu erfahren, zu unabhängig. Und genau das macht manche Personalverantwortliche nervös. Lass dich davon nicht irritieren. In Bewerbungsgesprächen zählt leider nicht nur, was du kannst – auch die Chemie spielt eine entscheidende Rolle. Oft wird bewertet, ob du als Persönlichkeit ins bestehende Gefüge passt. Das ist kein Zeichen mangelnder Eignung, sondern ein Hinweis darauf, dass manche Unternehmen noch immer lieber auf Kontrolle setzen als auf Potenzial. Es ist absurd. Aber es ist Realität.

Anzeige

Anzeige