Der erste Tag. Die neue E-Mail-Adresse. Der frisch gedruckte Mitarbeiterausweis. Viele Menschen verbinden mit einem Jobwechsel die Hoffnung auf einen Neuanfang – fachlich, menschlich, vielleicht sogar existenziell. Doch was in den ersten Tagen so euphorisch beginnt, endet häufig schon nach wenigen Monaten mit einem Abschied. In vielen Unternehmen gehört es inzwischen zum Alltag, dass neue Kollegen noch vor Ablauf des ersten Jahres wieder kündigen.
Konkrete Zahlen lassen sich schwer erfassen, da viele Unternehmen über das Thema nicht gern sprechen. Doch aus Gesprächen mit Personalverantwortlichen, Beratern und Kündigenden lässt sich eine realistische Schätzung wagen: Etwa jede dritte neue Arbeitskraft verlässt ihren Job innerhalb der ersten zwölf Monate. In manchen Branchen – etwa in Agenturen, Start-ups oder im Dienstleistungssektor – dürfte die Quote sogar noch höher liegen.
Was aber bringt Menschen dazu, einen frisch begonnenen Job so schnell wieder aufzugeben?
1. Der Realitätsschock
Viele frühe Kündigungen sind das Ergebnis eines simplen, aber folgenreichen Missverständnisses: Die Realität im Unternehmen weicht deutlich von dem ab, was versprochen wurde. Ob Aufgaben, Arbeitskultur oder Führung – wer in Stellenanzeigen und Bewerbungsgesprächen das Blaue vom Himmel verspricht, muss sich nicht wundern, wenn Enttäuschung folgt.
Gerade bei wechselwilligen Fachkräften ist die Erwartungshaltung hoch. Sie wollen „endlich ankommen“, die alten Probleme hinter sich lassen. Wenn dann dieselben Muster wieder auftauchen – starre Strukturen, Machtspielchen, mangelnde Orientierung – wird aus Hoffnung schnell Resignation. Der Satz „Ich habe mir die Arbeit hier anders vorgestellt“ fällt in Exit-Interviews immer wieder.
2. Schlechtes Onboarding
Noch immer behandeln viele Unternehmen das Onboarding wie eine Formalie: Laptop, Zugangsdaten, ein kurzes Hallo vom Team – dann geht’s los. Doch der Start in einen neuen Job ist eine sensible Übergangsphase. Wer sich in den ersten Wochen verloren und allein gelassen fühlt, baut keine Bindung zu seinem Team, seiner Führungskraft und letztendlich zum Unternehmen und deren Mission auf.
Gerade in hybriden Arbeitsumgebungen – zwischen Homeoffice, Slack-Nachrichten und eher unpersönlichen Video-Calls – entsteht schnell der Eindruck: „Ich bin hier eigentlich gar nicht richtig angekommen. Vielleicht auch nur der Notnagel, weil sich sonst niemand findet.“ Manche beschreiben diese Zeit rückblicken wie eine Art Schwebezustand – ohne soziale Erdung, ohne Richtung, ohne echtes Willkommen.
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3. Mangelhafte Führung oder toxische Kultur
Nicht selten hängt die Kündigungsentscheidung an einer einzigen Person: der Führungskraft. Wer in den ersten Monaten nicht ausreichend Orientierung, kein Feedback und kaum Wertschätzung erfährt, verliert schnell den inneren Bezug zur eigenen Rolle. Noch gravierender wird es, wenn Mikromanagement, fehlende Kommunikation oder passiv-aggressives Verhalten hinzukommen.
Gerade neue Mitarbeitende brauchen in den ersten Wochen Orientierung, Rückhalt und einen festen Ansprechpartner. Doch viele Führungskräfte haben dafür kaum Zeit – gefangen zwischen Meetings, Deadlines und operativem Druck. Was dabei oft verloren geht, ist genau das, was neue Kräfte am meisten brauchen: Unterstützung. Fehlt all das, ist der Absprung oft nur eine Frage der Zeit.
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4. Keine Entwicklungsperspektive
Wer neu anfängt, hat Pläne. Möchte wachsen. Sich entfalten. Schauen, was möglich ist. Doch in vielen Unternehmen fehlt ein echtes Gespräch über Entwicklungsmöglichkeiten – und zwar nicht erst beim Jahresgespräch, sondern schon im ersten Monat. Wer das Gefühl hat, einfach nur eine Lücke zu füllen, ohne langfristige Perspektive, wird nicht bleiben.
Besonders ambitionierte Talente, sogenannte High Performer, reagieren empfindlich auf Stagnation. Ein häufig gehörter Satz: „Ich trete hier auf der Stelle.“ Wer Entwicklung nicht von Anfang an mitdenkt, verliert seine Zukunftsträger oft schneller, als er Einarbeitung sagen kann.
5. Die Unternehmenskultur passt nicht
Manchmal liegt der Grund tiefer – und schwerer greifbar: Der „Vibe“ stimmt nicht. Die unsichtbaren Spielregeln, der Ton in Meetings, der Umgang mit Fehlern, das Tempo der Entscheidungen – all das erzeugt ein kulturelles Klima, das entweder zu einer Person passt oder nicht.
Gerade in Unternehmen mit starker Eigenkultur – etwa traditionellen Familienbetrieben oder schnelllebigen Start-ups – haben viele neue Mitarbeitende das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören. Wer so empfindet, zieht sich erst zurück – und geht dann. „Ich bin mit dem Team und generell da irgendwie nicht warm geworden“, sagen viele, wenn sie rückblickend über ihre Kündigung sprechen.
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Was Unternehmen tun können und sollten
Frühe Kündigungen sind teuer – bis zu 43.000 Euro pro Arbeitnehmer. Aber nicht nur finanziell – wegen der erneuten Suche, der Einarbeitung und generell wegen der verlorenen Zeit. Sondern auch kulturell: Sie hinterlassen Fragezeichen im Team und bei Führungskräften.
Wer diesem Trend begegnen will, braucht mehr als schöne Karriereseiten und Stellenanzeigen mit hippen Buzzwords. Es braucht echte Auseinandersetzung mit der Frage: Was erleben neue Mitarbeitende in den ersten Monaten bei uns – und wie fühlen sie sich dabei?
Fünf einfache, aber wirksame Maßnahmen:
- Erwartungen ehrlich kommunizieren: Keine Übertreibungen im Recruiting, kein Schönreden im Vorstellungsgespräch. Realtalk!
- Onboarding strategisch angehen: Klare Struktur, soziale Integration, persönliche Begleitung. Und bitte: mehr als nur ein Kick-off-Meeting. (Unser Guide dazu: Onboarding-Guide: Mitarbeiter begeistern und binden)
- Ausreichend Zeit einplanen: Neue Teammitglieder brauchen Aufmerksamkeit. Führungskräfte brauchen dafür Zeit – und Kompetenz.
- Entwicklungsschritte konkret aufzeigen. Schon früh über die nächsten Schritte sprechen – nicht nur wie üblich über Ziele, sondern über Lernräume.
- Kultur offen reflektieren. Was macht uns aus? Was könnte irritieren? Was hilft beim Ankommen? Wo müssen wir nachbessern?
Und für die Kündigenden?
Eine Kündigung ist nicht gleichbedeutend mit Scheitern. Manchmal ist sie eine gesunde Korrektur – ein Nein zu etwas, das einfach nicht passt. Wer geht, geht meist mit gemischten Gefühlen. Mit Reue, aber auch mit Klarheit. Und nicht selten mit dem Wunsch: „Beim nächsten Mal möchte ich genauer hinschauen – mehr hinterfragen“.