Jeder Mensch besitzt ein Selbstbild und ein Fremdbild. Nicht immer stimmen diese miteinander überein und auch von der Realität können sich eines oder beide stark unterscheiden. So würde Ihr soziales Umfeld Sie vielleicht als faul einstufen, während Sie sich selbst für den am härtesten arbeitenden Menschen auf der Welt halten – und in Wahrheit liegen Sie vermutlich irgendwo dazwischen. Generell ist jedoch das Fremdbild näher an der Realität angesiedelt als das Selbstbild einer Person. Wieso? Weil wir Menschen es lieben, uns selbst zu belügen und dadurch im bestmöglichen Licht darzustellen. Doch woran merken Sie eigentlich, dass Sie ein falsches Selbstbild haben? Und wie könne Sie dieses „korrigieren“?

Mann hat ein falsches Selbstbild, belügt sich selbst und denkt darüber nach
Photo by Blake Connally on Unsplash

Inhalt
1. Wir Menschen neigen zur Selbstüberschätzung, Überheblichkeit und Unwahrheit
2. Spotlight-, Halo- oder Horn-Effekt: Es gibt viele Beispiele…
3. Warum belügen Menschen sich selbst?
4. Wie können Sie die Lüge von der Wahrheit unterscheiden?
5. Erster Hinweis: Sie sind ein „Ja-Sager“
6. Zweiter Hinweis: Sie halten sich für angstfrei
7. Dritter Hinweis: Sie spielen eine Rolle
8. Vierter Hinweis: Sie reden viel und machen wenig
9. Fazit: Die Devise lautet Selbstreflexion statt Selbstlüge

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Wir Menschen neigen zur Selbstüberschätzung, Überheblichkeit und Unwahrheit

Im Laufe des Lebens spielt uns das Gehirn so manchen Streich. Wir Menschen denken immer, wir seien hoch entwickelte und vernunftgesteuerte Wesen – erhaben über Instinkte oder niedere Verhaltensweisen. Ein unzensierter Blick auf die Realität entlarvt das als einen großen Irrtum. In Wahrheit sind wir nach wie vor zu großen Teilen instinktgesteuert und Sklaven unserer Emotionen. Und wenn die Regeln der Gesellschaft ausgehebelt werden – im Krieg beispielsweise – kommen dieselben niederträchtigen Verhaltensweisen ans Tageslicht, die seit eh und je tief im Menschen verankert sind. Das menschliche Gehirn ist also ein wahrer Meister darin, sich selbst zu belügen und die Realität stets zu den eigenen Gunsten zu verzerren.

Die meisten Menschen haben vor einer Wahrheit mehr Angst als vor einer Lüge.

(Ernst Ferstl)

Die menschliche Wahrnehmung ist stets subjektiv geprägt. Eine vollständige objektive Sicht auf die Welt ist deshalb unmöglich und liegt meist irgendwo in der Mitte vieler verschiedener Betrachtungsweisen. Jeder Mensch ist schließlich individuell, agiert auf unterschiedliche Art und Weise, aus jeweils anderen Gründen und mit einzigartiger Interpretation. Wäre dies nicht der Fall, gäbe es wohl deutlich weniger Konflikte und Missverständnisse auf der Welt. Diese Subjektivität ist der Grund, warum Kommunikation in vielen zwischenmenschlichen Bereichen das A und O ist – in Beziehungen beispielsweise, beim Teamwork oder in einer Wohngemeinschaft. Interessant an der Sache ist zudem, dass das Gehirn die Wirklichkeit nicht nur „irgendwie“ verzerrt, sondern es neigt dazu, die Dinge stets zu den eigenen Gunsten zu verdrehen und sich selbst dadurch im bestmöglichen Licht erscheinen zu lassen.

Spotlight-, Halo- oder Horn-Effekt: Es gibt viele Beispiele…

…für die teilweise interessanten und mitunter sehr kuriosen Realitätsverzerrungen des menschlichen Gehirns. So findet die Verzerrung des Gehirns einerseits im Außen statt, beispielsweise beim sogenannten Halo- oder Horn-Effekt.

Lese-Tipp: Halo-Effekt: Wie der „Heiligenschein“ die menschliche Psyche austrickst

Hierbei schließen wir von einer positiven oder negativen Eigenschaft eines Menschen gerne auf den Rest, sprich wir halten eine gutaussehende Person tendenziell für sympathischer, gebildeter, höflicher und erfolgreicher als eine weniger attraktive. Oder eine negative Eigenschaft führt beim Horn-Effekt zu einem negativeren Gesamtbild des Gegenübers – völlig unabhängig davon, ob es sich dabei um die Wahrheit handelt oder nicht.

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Lese-Tipp: Horn Effekt: Wenn Ihre „Teufelshörner“ alles Positive überschatten

Einen interessanten Streich spielt uns das Gehirn auch beim sogenannten Spotlight-Effekt. So neigen wir Menschen dazu, uns selbst stets für wichtiger zu halten, als wir eigentlich sind. Wir denken also, wir stünden im „Spotlight“ und unser soziales Umfeld würde jeden unserer Schritte beobachten und bewerten. Pustekuchen! In Wahrheit sind die meisten Menschen so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ihnen der Großteil der Worte, Taten oder Veränderungen in ihrem sozialen Umfeld nicht oder erst spät auffällt. Kennen Sie das nicht selbst? Sie freuen sich über Ihre neue Kleidung oder die hippe Frisur und prompt fällt es keinem auf? Klar, denn der Spotlight-Effekt ist ebenfalls nicht mehr und nicht weniger als eine reine Realitätsverzerrung.

Warum belügen Menschen sich selbst?

Wenn Sie einmal im Internet stöbern, werden Sie über unzählige Artikel zum Thema Lügen stolpern. „Wie finde ich heraus, dass er mich belügt?“ oder „Sichere Anzeichen für eine Lüge“ sind nur einige der Begriffe, nach welchen Menschen in erschreckend hohem Maß googeln. Wann sie von ihren Mitmenschen angelogen werden und wann nicht, scheint also ein Thema zu sein, das viele Personen brennend interessiert. Aber wäre es nicht an der Zeit, erst einmal ehrlich zu sich selbst zu sein? Sie sollten stattdessen googeln: „Wie merke ich, dass ich mich selbst belüge?“. Hierzu gibt es ein schönes Sprichwort:

Mich selbst zu belügen, ändert auch nichts an der Wahrheit!

In der Regel resultiert eine Selbstlüge zwar aus löblichen Motiven, doch die Wahrheit ist es, welche Sie schlussendlich als Persönlichkeit, im Beruf oder schlichtweg im Leben an sich weiterbringen wird. Es bräuchte ein hohes Maß an Selbstreflexion sowie ein gesundes Selbstbewusstsein, um sich selbst als die Person zu betrachten, die man wirklich ist. Da das Gehirn nämlich zum Positiven verzerrt, bringt das stets Enttäuschung, Schmerz und eventuell Selbstzweifel mit sich.

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Selbstlügen dienen dementsprechend in erster Linie dem Selbstschutz. Häufige Gründe für eine Realitätsverzerrung sind beispielsweise:

  • Sie möchten sich selbst vor Schmerz bewahren. Beispiel: Sie weist mich nicht zurück, weil sie mich nicht mag, sondern weil ihr Ex-Freund sie noch stalkt und sie deshalb nicht bereit ist für eine neue Beziehung.
  • Sie möchten sich keine Schwäche oder Fehler eingestehen müssen. Beispiel: Ich habe nur am Tor vorbeigeschossen, weil mich die Sonne geblendet hat. Ansonsten hätte ich auf jeden Fall getroffen!
  • Sie möchten sich eigene Taten schönreden. Beispiel: Ich habe dem Kollegen das Projekt nur weggenommen, weil ich mir sicher bin, dass er es alleine niemals gestemmt hätte. Dass daraus eine Beförderung folgt, hätte ich ja nicht ahnen können. Ich bin normalerweise gar nicht so „karrieregeil“.

Selbstlügen machen das Leben also schöner. Sie befreien von Schuld, Schmerz, Fehlern und all den negativen Seiten unserer Persönlichkeit. Irgendwie sind am Ende ja immer die anderen schuld – oder es waren unglückliche Umstände.

Wenn sich das Leben mit der Realitätsverzerrung so viel besser anfühlt, wieso sollten Sie diese dann zukünftig unterlassen, fragen Sie sich jetzt?

Die Antwort lautet: Aus demselben Grund, weshalb Sie auch von Ihrem sozialen Umfeld nicht belogen werden möchten. Es macht auf Dauer unglücklich und bringt Sie als Persönlichkeit nicht voran. Weiterentwicklung entsteht nämlich nur durch Leidensdruck und jede Enttäuschung befreit Sie ein Stück weit von der „Täuschung“ und bringt Sie damit der Wahrheit näher. Erst, wenn Sie sich selbst möglichst unverzerrt kennen, können Sie auch wahre Selbstliebe entwickeln – was Ihrem Erfolg, Ihrer Beliebtheit und vor allem Ihrem Lebensglück zugutekommt.

Wie können Sie die Lüge von der Wahrheit unterscheiden?

An dieser Stelle will gesagt sein, dass die absolute Wahrheit für einen Menschen wohl unerreichbar ist. Wie bereits erwähnt, wird es nämlich stets eine subjektive Verzerrung geben und die Vorstellung einer 100-prozentigen Objektivität ist eine Illusion, die – wenn überhaupt – nur eine Maschine gewährleisten kann. Wir könnten jetzt einen philosophischen Exkurs über die Frage starten: Was ist überhaupt die „Wahrheit“? Doch darum soll es heute nicht gehen. Wir möchten Ihnen stattdessen verraten, wie Sie erkennen, ob und wann Sie sich selbst belügen und was Sie dagegen tun können.

Erster Hinweis: Sie sind ein „Ja-Sager“

Wenn Sie immer zu allem und jedem „Ja“ sagen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Sie sich selbst belügen. Sie würden sich vielleicht als hilfsbereiten und sozialen Menschen einstufen. Eventuell halten Sie sich auch für eine Art „Superheld“, der alles kann und über unendlich Energie verfügt. In Wahrheit haben Sie aber mit Sicherheit nur Angst davor, hin und wieder „Nein“ zu sagen und dadurch Ihre Mitmenschen vor den Kopf zu stoßen. Sie denken vielleicht, Sie wären dann weniger beliebt oder würden unter Umständen sogar Ihren Job riskieren.

Lese-Tipp: Lernen Sie, Nein zu sagen: Grenzen setzen im Beruf, ohne zu verletzen

Lösung: Hören Sie auf damit, sich Ihre „Hilfsbereitschaft“ schön zu reden und gestehen Sie sich ein, dass Sie Angst davor haben, Grenzen zu setzen. Üben Sie sich darin, auch manchmal „Nein“ zu sagen und kommen Sie Ihren wahren Bedürfnissen dadurch einen großen Schritt näher. Als ständiger „Ja-Sager“ laufen Sie nämlich Gefahr, sich ausbeuten zu lassen beziehungsweise selbst auszubeuten und dadurch langfristig betrachtet Ihre Gesundheit zu riskieren.

Zweiter Hinweis: Sie halten sich für angstfrei

Angst ist ohnehin ein wichtiges Stichwort, wenn es um das Thema Selbstlüge geht. Viele Menschen erfinden vor sich selbst nämlich allerhand Ausreden, um sich keine Ängste eingestehen zu müssen. Wenn Sie sich für (beinahe) angstfrei halten, belügen Sie sich garantiert selbst. Jeder Mensch trägt nämlich Ängste mit sich herum. So gibt es Ängste wie jene vor dem Tod, welche instinktiv in wohl jedem Lebewesen veranlagt sind, und weitere individuelle Ängste wie Platzangst, Höhenangst oder soziale Phobien.

Infografik: Die größten Ängste der Deutschen 2017 | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Lösung: Werfen Sie einmal einen ehrlichen Blick auf sich selbst und fragen Sie sich, wovor Sie Angst haben. Wenn Sie wirklich keine Ängste bei sich finden können, fragen Sie Ihr soziales Umfeld – Ihren Freunden, Angehörigen oder Bekannten fallen gewiss ein oder zwei Dinge ein!

Dritter Hinweis: Sie spielen eine Rolle

Würden Sie voller Überzeugung behaupten, dass Sie stets zu 100 Prozent Sie selbst sind? Herzlichen Glückwunsch – das erreichen nur sehr wenige Menschen! In der Regel spielen Sie zumindest manchmal eine Rolle und belügen damit nicht nur sich selbst, sondern auch Ihr soziales Umfeld. Die meisten Menschen sind „anders“, je nachdem, ob sie alleine sind, mit dem Partner beziehungsweise der Partnerin, bei der Familie oder unter Freunden.

Lösung: Finden Sie heraus, welches davon Ihr „wahres Ich“ ist, mit welchem Sie sich am wohlsten fühlen, und versuchen Sie, das Schlüpfen in andere Rollen immer häufiger zu unterbinden. Nehmen Sie sich in stressigen Situationen oder wenn Sie von vielen Menschen umgeben sind immer wieder eine kurze Auszeit – beispielsweise ein Gang auf die Toilette – und reflektieren Sie Ihr Verhalten. Sollten Sie das Gefühl haben, nicht ganz Sie selbst zu sein, versuchen Sie tief durchzuatmen und wieder die Rollen zu wechseln. Mit etwas Übung wird das immer besser funktionieren.

Vierter Hinweis: Sie reden viel und machen wenig

Wenn Sie ein Meister großer Worte sind, Sie Ihre Versprechungen aber (so gut wie) nie umsetzen, fallen Sie ebenfalls auf eine Realitätsverzerrung herein. In einem halben Jahr werden Sie eine Weltreise machen, nächste Woche werden Sie endlich das Baumhaus für die Kinder gebaut haben oder in spätestens zwei Jahren verdienen Sie das Doppelte – wenn Sie manchmal einen Ihrer Pläne nicht umsetzen, ist das in Ordnung. Doch wenn Sie stets große Reden schwingen und niemals Taten folgen lassen, belügen Sie sich und zugleich Ihr Umfeld.

Lösung: Schreiben Sie Ihre Versprechen auf und überprüfen Sie in regelmäßigen Abständen, ob und wann Sie diese in die Tat umgesetzt haben oder weshalb nicht. So merken Sie mit der Zeit selbst, ob Sie in die Kategorie „Selbstlüge“ fallen oder Ihre Worte tatsächlich der Wahrheit entsprechen.

Fazit: Die Devise lautet Selbstreflexion statt Selbstlüge

Der beste Weg, um zukünftige Realitätsverzerrungen zu erkennen und dadurch die Selbstlügen nach und nach zu verhindern oder zumindest zu mindern, liegt also in einem hohen Maß an Selbstreflexion. Je besser Sie sich kennenlernen, umso eher können Sie auch einschätzen, wann Sie ehrlich zu sich selbst sind und wann nicht. Suchen Sie sich hier gerne professionelle Hilfe, beispielsweise durch einen Psychotherapeuten oder einen Lebensberater, lesen Sie entsprechende Bücher oder führen Sie Tagebuch. Welche Strategie Ihnen am besten hilft, müssen Sie schlussendlich selbst herausfinden. Allein das Bewusstsein um die Problematik „Selbstlüge“ lässt Sie aber in der Regel bereits aufmerksamer sein und dadurch Realitätsverzerrungen schneller erkennen.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und sind gespannt, welche Strategien Ihnen gegen Selbstlügen helfen oder wann und wo Sie sich selbst schon „auf den Leim gegangen“ sind. Hinterlassen Sie gerne einen Kommentar!