Loben Sie noch oder wertschätzen Sie schon? Wirkungsvolle Führung durch Wertschätzung

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Wertschätzung ist weit mehr als Lob aus der Gießkanne. Richtig eingesetzt wirkt Wertschätzung extrem motivierend und schafft damit Werte im Unternehmen. Für Führungskräfte und Mitarbeiter gilt gleichermaßen: wer die Werte des anderen kennt und dessen Verhalten bewusst wertschätzt, findet im Arbeitsverhältnis besser zueinander. Wie Sie mit Wertschätzung führen und was Sie als Mitarbeiter tun können, damit Ihr Chef Ihre Werte und Leistungen erkennt und diese auch wertschätzt, erklärt der Kölner Führungskräfte-Coach und Karriereexperte Dr. Bernd Slaghuis.

Werte als Motor unserer Motivation und Basis für gute Führung

Wir alle werden bewusst und unbewusst durch unsere Werte gesteuert. Unsere Werte treiben uns an, sie sind der Motor unserer Motivation. Sie drücken aus, was uns im Leben und im Beruf besonders wichtig ist. Für viele Menschen sind Werte wie Freude bei der Arbeit, Sinn, Anerkennung, Kollegialität und Gerechtigkeit wichtige Faktoren, um glücklich und zufrieden im Job zu sein. Sind unsere Werte überwiegend nicht erfüllt, zum Beispiel weil uns die Aufgabe nicht mehr mit Sinn erfüllt oder die Herausforderung fehlt, macht sich Frust und Unzufriedenheit breit. Die eigenen Werte zu kennen ist wichtig, denn so können Sie selbst an den Stellschrauben drehen, um etwas in die gewünschte Richtung zu verändern. Doch kennen Sie auch die Werte Ihres Chefs oder Ihrer Kollegen? Wissen Sie als Chef, welche Werte Ihren Mitarbeitern besonders wichtig sind? Als Chef eröffnet Ihnen dieses Wissen die Möglichkeit, gezielt Ihre Mitarbeiter zu entwickeln, deren Verhalten besser zu verstehen und sie zu motivieren. Nur wer als Vorgesetzter die Wertevorstellungen seiner Mitarbeiter kennt kann wirkungsvoll führen.

Werte schätzen – wirkungsvoll führen

Als Chef werden Sie wahrscheinlich zustimmen, dass Wertschätzung im Arbeitsalltag ein wichtiges Gut ist. Was bedeutet Wertschätzung? Sie kennen und schätzen die Werte des anderen. Sie geben durch verbale und nonverbale Kommunikation zu verstehen, dass Sie gesellschaftliche und persönliche Werte und Normen im Umgang mit anderen Menschen beachten. Bezieht sich Wertschätzung auf eine konkrete Leistung, ein Verhalten oder eine Eigenschaft, dann drücken Sie durch Lob oder Anerkennung Ihre wohlwollende Beachtung und Ihre Zufriedenheit aus. Mitarbeiter, deren Leistungen und Verhalten so wertgeschätzt werden, sind stärker motiviert.

In Führungskräfte-Seminaren zeigt sich sehr häufig, dass Vorgesetzte oftmals sehr wenig über die individuellen Werte ihrer Mitarbeiter wissen. Sie kennen ihre Stärken und Schwächen und wissen meist sehr genau, welche „Knöpfe“ sie drücken müssen, damit die Mitarbeiter funktionieren und die gewünschten Leistungen erbringen. Doch ob damit gleichzeitig die Werte des Mitarbeiters erfüllt werden, steht auf einem anderen Blatt.

Was können Sie tun, um mehr über die Werte Ihrer Mitarbeiter in Erfahrung zu bringen? Es ist ganz einfach: hören Sie ihnen zu und beobachten Sie sie aktiv. An Reaktionen z. B. auf Ihr Angebot zur Übernahme eines großen Projektes können Sie meist sehr leicht erkennen, ob für Ihren Mitarbeiter Herausforderungen einen hohen Stellenwert besitzen oder er bzw. sie lieber die Sicherheit und die Kontinuität als wertvoll schätzen. Scheuen Sie sich auch nicht, Ihre Mitarbeiter aktiv nach deren Wertevorstellungen zu fragen, z. B. in Mitarbeitergesprächen. Geben Sie Ihre Werte preis und spiegeln Sie im täglichen Miteinander Ihrem Gegenüber – das gilt für Vorgesetzte und Mitarbeiter gleichermaßen – welche Werte des anderen Sie gerade wahrnehmen, indem Sie etwa sagen „Mir ist es wichtig, dass Sie/ich ….“ oder bezogen auf Ihr Gegenüber „Ich sehe, es ist Ihnen wichtig, dass Sie/ich…“ Sprechen Sie genauso auch offensichtliche Wertekonflikte offen an und versuchen Sie, diese gemeinsam zu lösen. Welche Wertekonflikte es geben kann, dazu später mehr.

Wertschätzung im Unternehmen leben

Werte schätzen und ein wertschätzender Umgang mit anderen Menschen ist eine grundsätzliche Lebens- und Arbeitseinstellung und weniger ein situatives Ab-und-zu-Handeln. Wertschätzung in Unternehmen hat sehr viel mit der Unternehmens- und der darin gelebten Führungskultur zu tun. Folgende 10 Fakten sind Indizien dafür, dass Wertschätzung in einem Unternehmen gelebt wird:

  • Gesellschaftliche Normen und Umgangsformen werden eingehalten und geschützt.
  • Jedes Handeln eines Menschen steht in einem Kontext und wird in diesem gewürdigt.
  • Status und Hierarchie definieren die Unternehmensstruktur, nicht den Menschen.
  • Lösungsdenken dominiert. Probleme existieren, weil sie Weiterentwicklung fördern.
  • Es wird eine konstruktive Feedback-Kultur gelebt, die es erlaubt, aus Fehlern zu lernen.
  • Verantwortung hat nicht den Zweck, Schuldige zu finden, sondern klärt die sachliche Zuständigkeit.
  • Kooperation und Teamarbeit werden gefördert.
  • Lob und Anerkennung werden gezielt und leistungsgerecht eingesetzt.
  • Es erfolgt eine Orientierung an Stärken von Menschen.
  • Persönliche und fachliche Weiterentwicklung werden gefördert.

Diese Aufzählung klingt banal und eigentlich erscheinen alle Punkte selbstverständlich. Doch denken Sie einmal an das Unternehmen, in dem Sie arbeiten und gehen die Punkte noch einmal durch. Wird dort konsequent Wertschätzung gelebt? Wahrscheinlich nicht, denn Unternehmen sind soziale und gleichzeitig ökonomische Systeme, die bestimmten Regeln folgen, aus denen Wertekonflikte resultieren. Wertekonflikte führen dazu, dass wir entweder nicht entsprechend unserer eigenen innersten Werte handeln oder bewusst oder unbewusst die Werte anderer Menschen verletzen.

Wertekonflikte erkennen und lösen

Die meisten Wertekonflikte resultieren aus einer Diskrepanz zwischen „menschlichen“ Antreibern und „sachlichen“ Zielen. Einer der häufigsten Wertekonflikte besteht in der Abwägung zwischen Status (menschlich) und Ergebnis (sachlich). Kennen Sie Kollegen oder Führungskräfte, bei denen Sie sich über ein Verhalten oder eine Leistung gewundert haben, die aus Ihrer Sicht nicht im Sinne des Gesamtunternehmens war? Wahrscheinlich war es dem Status dienlich! Wenn jemand „über Leichen geht“, dann nimmt er schlechte Ergebnisse oder Diskreditierungen von Kollegen in Kauf, solange sie ihn persönlich weiterbringen. Auch auf Team- der Abteilungsebene sind solche Bereichsegoismen in Unternehmen verbreitet, verfolgen Sie doch das alleinige Ziel, den eigenen Bereich gut dastehen zu lassen.

Ein weiterer Wertekonflikt besteht häufig zwischen Harmonie (menschlich) und Auseinandersetzung mit einem Thema (sachlich). Eine Führungskraft, die in wichtigen Momenten nicht interveniert, kein Feedback gibt, nicht kontrolliert oder wenn nötig nicht kritisieren kann und die damit verbundene Auseinandersetzung scheut, kann weder wirkungsvoll führen, noch Menschen entwickeln.

Beide Beispiele zeigen, dass sowohl die eigenen Werte in einem Konflikt stehen können – was ist mir wichtiger? Ich oder die Sache? – als auch Konflikte zwischen den Wertevorstellungen mehrerer zusammen arbeitender und lebender Menschen auftreten können. Um als Führungskraft wirkungsvoll zu führen und Ihre Mitarbeiter zu motivieren sollten Sie eine eher sachorientierte Haltung einnehmen:

  • Ergebnisse sind die Leistung des Teams und als solche zu würdigen.
  • Verantwortung ist dort, wo sie hingehört. Auch bei Ihren Mitarbeitern – das stärkt sie.
  • Klarheit klärt die Themen, Transparenz schafft Orientierung für alle.
  • Auseinandersetzung führt zu Entwicklung, aber bitte konstruktiv und wertschätzend!
  • Vertrauen schafft eine gute Basis für gegenseitigen Meinungsaustausch.

Das heißt natürlich nicht, dass es im Büro nicht mehr menscheln darf – ganz im Gegenteil! Je mehr Sie über Ihre Mitarbeiter erfahren und deren inneren Wertevorstellungen verstehen, desto positiver wird sich dies auf das Führungsverhältnis auswirken. Auch Sie als Mitarbeiter können dazu beitragen, indem Sie Ihrer Führungskraft signalisieren, wenn Ihre Werte nicht erfüllt und Ihre Leistungen aus Ihrer Sicht zu wenig wertgeschätzt werden. Sprechen Sie Ihre Führungskraft offen darauf an, denn nur dann kann er oder sie sich bei der nächsten Gelegenheit entscheiden, sich anders zu verhalten.

Beitrag von

Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis ist Führungskräfte-Coach und Experte für berufliche Neuorientierung.In seinen Trainings und Coachings appelliert er an die Selbstverantwortung jedes Einzelnen für sein Leben. Er betreibt eine Coaching-Praxis in Köln und ist als Strategieberater für Unternehmen in ganz Deutschland tätig.Über aktuelle Themen aus den Bereichen Führung, Karriere und Entwicklung schreibt er in seinem Blog Perspektivwechsel.

7 Kommentare

  1. Den Chefs gehört die Arbeit vor die Füße geknallt, wenn sie ihre Arbeiter nicht zu schätzen wissen. Es wird Zeit, dass das Blatt sich wendet. Die Sesselfurzer am Schreibtisch verdienen nicht das Geld. Ohne Angestellte wären die NIX !!! Das sollte mal klar sein.

  2. Wie sagte eins Werner Niefer: “Meine wichtigste Erfahrung als Manager ist die Erkenntnis, daß die Mitarbeiter das wertvollste Gut eines Unternehmens sind und damit auch das wichtigste Erfolgskapital.” Recht hat er. 🙂

  3. Ja der Chef und die Führungskräfte müssen die Werte der Mitarbeiter kennen, aber umgekehrt auch. Sonst gibt es keine permanente Orientierung im gesamten Unternehmen und Werte haben keine Chance permanent gelebt zu werden. Sie müssen immer wieder auf den Tisch – in Mitarbeitergesprächen, in Beurteilungen, bei Kundengesprächen, schon bei Anforderungen bei Stellenbesetzungen – gerade auch bei der Besetzung von Führungspositionen. Sonst macht eben jeder was er/sie für richtig hält und nicht was – in diesem Unternehmen – richtig ist. So kann dann aber keine Wertekultur entstehen.

  4. Danke, ein umfassender Beitrag, in dem ich einiges selbst erlebt habe und auch teile.
    Manche Punkte sind Inhalt meiner eigenen Arbeit und Ausrichtung in der Begleitung von Kunden.

    Ein wichtiger Aspekt fehlt mir: Wir sehen die Richtung des “Vorlebens” meist hierarchisch von der Führung zum Geführten. Die gegenläufige Richtung ist, so meine Erfahrung, nicht weniger wichtig. Verantwortung, Verständnis und Wertschätzung kann auch verlaufen vom Mitarbeiter zur Führung. Und bewirkt manchmal wunderbare Veränderungen…

  5. Hallo Herr Strobel,
    es freut mich, dass Ihnen der Beitrag gefällt und danke für Ihre wichtige Anmerkung, die ich voll und ganz unterstreichen kann.

    Auch wenn Führungskräfte eine Vorbildfunktion erfüllen, können genauso Mitarbeiter durch eine Veränderung ihres eigenen Verhaltens zu mehr Wertschätzung in der Führung beitragen. Genau dies ist meine Grundannahme im Systemischen Coaching, wenn Mitarbeiter zu mir kommen und sich mehr Wertschätzung oder Anerkennung von ihren Chefs wünschen. Mitarbeiter sind keine “Opfer” schlechter Führung ohne Wertschätzung, sondern haben es selbst in der Hand, etwas zu verändern.

  6. Hallo Herr Richter,
    danke für Ihren Kommentar! Ja, das gegenseitige Wissen über die Werte ist sehr wichtig, denn es nützt wenig, wenn die Führungskraft die Werte ihrer Mitarbeiter kennt, nicht aber die Mitarbeiter die ihrer Führungskraft. Auch Führungskräfte wollen “verstanden” werden – sowohl von ihren Chefs als auch von ihren Mitarbeitern.

    Danke Ihnen auch für den wichtigen Aspekt der Wertekultur in einem Unternehmen. Wie entsteht eine wertschöpfende Wertekulltur im Unternehmen und wie bzw. durch was verändern sich Wertekulturen? Ein spannendes Thema, welches einen eigenen Beitrag verdient.

  7. chiarajohanna am

    Guten Tag!

    Eigentlich wollte ich den Artikel nicht lesen, denn ich suche privat etwas über Wertschätzung,
    nun habe ich aber doch gelesen, und das, bis zum Ende!

    Ergebnis: Ich bin beeindruckt über das, was ich gelesen habe:
    Wertschätzung, in einer Firma – in einem Unternehmen,
    auf diese Idee wäre ich ja nie gekommen.

    Ich bin arbeitslos und habe durch eine Intrige meinen Arbeitsplatz verloren.
    Das ganze hat mich seelisch sehr mitgenommen.
    Die Intrige wurde ins Leben gerufen, damit ich für einen anderen den Arbeitsplatz frei mache,
    denn dieser Andere war ewig krank und sollte seine Station verlassen. Da bot sich mein Arbeitsplatz an. Und so wurde ich 7 Tage vor Ablauf der Probezeit gekündigt.
    Rückblickend ist und war kein Platz für Wertschätzung, denn das Ziel (freier Arbeitsplatz) war wichtig, nicht der Mensch. Das Ganze war vor 30 Jahren, zu einer Zeit der geistigen Enge und Unbewusstheit.
    Es war einfach ein anderer und noch sehr begrenzter Zeitgeist!

    Um so mehr freut es mich, hier etwas über WERTSCHÄTZUNG AM ARBEITSPLATZ ZU LESEN !
    Genau DAS IST ES !!! Ich bin ganz begeistert !!!
    Der Mensch ist ein GEMEINSCHAFTSWESEN, das ist in ihm GRUNDGELEGT – a priori, vor aller Erfahrung!
    Er ist auf BEZIEHUNG ANGELEGT – und da der Mensch sich (mit seiner Grundausstattung als Beziehungswesen) überall mit hin nimmt, hat er auch ein GRUNDLEGENDES RECHT AUF WERTSCHÄTZUNG.
    Und das in allen Bereichen: Privat, Arbeit, Freizeit! Denn der MENSCH BLEIBT KOSTBARER MENSCH, egal in welchem Kontext.
    Martin Buber sagt: Alles Wirkliche ist Begegnung! Ich glaube die Fähigkeit zur Wertschätzung ist eine Voraussetzung dafür. Papst Franziskus sagt: Macht, die nicht dient, oder zum Dienen fähig ist, ist keine Macht.
    Was ich sagen möchte: Negativ ausgeübte Macht isoliert den Machtinhaber selbst! Sie beschränkt seine Möglichkeiten und sein Bewusstsein. Macht verengt die Wirklichkeit, denn Macht kennt kein DU, kein lebendiges menschliches Gegenüber, sondern nur sich selbst und seine Ziele, die es zu verwirklichen gilt.
    Von solchen Chefs kann im Moment WERTSCHÄTZUNG noch nicht erwartet werden. Es fehlt das Bewusstsein für etwas, was es noch gibt, aber sie noch nicht kennen. DAHER IST IHRE ARBEIT EIN WICHTIGER BEITRAG ZUR VERÄNDERUNG DER GESELLSCHAFT UND AUCH DES ZEITGEISTES! ALLE ACHTUNG – ICH BIN BEEINDRUCKT!

    chirarajohanna

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