Wenn ein Gründer erfolgreich ist, dann ist das Anlass genug für minutenlange Lobeshymnen und detaillierte Beschreibungen der bisherigen Erfolgsgeschichte. Wenn ein Gründer scheitert, dann wird das gern ganz schnell und stillschweigend unter den Tisch gekehrt. Fehler machen im Allgemeinen und Scheitern im Speziellen gelten noch immer als Tabu-Themen, die nur selten in Gesprächen aufgegriffen werden. Doch damit soll nun Schluss sein. Seit gut zwei Jahren etablieren sich die sogenannten Fuckup Nights in Deutschland. In nahezu allen größeren Städten haben sie bereits Anhänger gefunden. Sie kennen den Begriff der Fuckup Night noch nicht und wüssten gern, was sich dahinter verbirgt? Dann sollten Sie nun unbedingt weiterlesen.

Inhalt
1. Fuckup Nights: Die neue Kultur des Scheiterns in Deutschland
2. Wie läuft eine Fuckup Night ab?
3. Welche Ziele haben Fuckup Nights?
4. Des Deutschen Angst vor dem Scheitern
5. Ein Blick in die Zukunft
6. Zitate übers Scheitern

Fuckup Nights: Die neue Kultur des Scheiterns in Deutschland

Was denken Sie? Wo wird ein Phänomen wie die Fuckup Night ihren Ursprung haben? Wenn Sie nun sofort an die USA denken, liegen Sie leider falsch. Tatsächlich stammt das Format aus Mexiko. Im Jahr 2012 unterhielten sich ein paar Freunde in Mexiko Stadt nach dem einen oder anderen Drink über ihr unternehmerisches Scheitern und bemerkten, wie gut ihnen diese Gespräche taten. Daraus entwickelte sich das Konzept der Fuckup Night – eine Veranstaltung, die mittlerweile weltweit in mehr als 100 Städten stattfindet. Deutsche Ableger finden Sie beispielsweise in

  • Berlin
  • Düsseldorf
  • Frankfurt am Main
  • Stuttgart
  • München
  • Leipzig

Hier wollen die Fuckup Nights nun eine neue Kultur des Scheiterns etablieren. Denn kaum ein anderes Land der Welt hat so große Komplexe, wenn es um das Machen von Fehlern und Rückschläge geht.

Wie läuft eine Fuckup Night ab?

Doch was genau kann man sich eigentlich unter einer Fuckup Night vorstellen? Handelt es sich hierbei um ein Treffen der anonymen (und erfolglosen) Unternehmensgründer? Oder eine Ansammlung von Menschen, die sich voller Schadenfreude die Misserfolge anderer anhören? Weder noch! Das Konzept der Fuckup Night sieht vor, das Thema Scheitern locker und auch auf humoristische Weise aufzugreifen und vor allem offen und ehrlich über persönliche und berufliche Fehler zu sprechen. Das Ober-Thema der Veranstaltungen könnte auch „Lerne aus den Fehlern der anderen und akzeptiere deine eigenen“ lauten.

Fuckup Nights auf der ganzen Welt folgen einem ähnlichen Schema. Meist werden drei Sprecher eingeladen, die vertrauensvoll, ehrlich und mitunter auch selbstironisch von ihrer Geschichte des Scheiterns berichten. Normalerweise werden jedem 10 Redeminute zugesprochen, doch nur selten wird diese Grenze nicht überschritten. Nach dem Vortrag, der häufig durch eine Präsentation und anderes Anschauungsmaterial unterstützt wird, folgt der direkte Austausch, bei dem die Zuhörer dem Speaker Löcher in den Bauch fragen dürfen.

Übrigens: Nicht nur Gründer und andere Selbstständige gehören zum klassischen Publikum der Fuckup Night. Auch Studierende, Angestellte und Berufseinsteiger können hier viel lernen.

Welche Ziele haben Fuckup Nights?

Nun kann man sich natürlich fragen: „Wozu das Ganze? Muss ich tatsächlich meine Zeit dafür opfern, um den Misserfolgen anderer Gründer zu lauschen, wo ich doch selbst gerade auf der Erfolgswelle surfe?“ Wir Deutschen haben mitunter panische Angst vor dem (beruflichen) Scheitern. Mehr dazu lesen Sie weiter unten im Text. Indem wir die Möglichkeit des Scheiterns bewusst ausblenden, erwecken wir selbst den Anschein, es könne uns nicht passieren. Dass dieser Weg falsch ist, wird spätestens dann klar, wenn ein großer Fehler gemacht wird und man mit den Konsequenzen umgehen muss.

Ziel der Fuckup Nights ist es unter anderem, Gründern dieses böse Erwachen zu ersparen – indem offen über die Möglichkeit des Scheiterns gesprochen wird. Im Zuge der Veranstaltungen werden Fehler nicht verurteilt und das Scheitern nicht dämonisiert. Es geht vielmehr darum, sich auf die Suche nach Ursachen zu machen und gemeinsam aus den Fehlern anderer zu lernen.

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Ein weiteres Anliegen des weltweiten Veranstaltungsformates ist es, (potentiellen) Gründern und anderen Interessierten eine wichtige Botschaft mit auf den Weg zu geben. Diese lautet: Scheitern gehört dazu. Es ist vollkommen normal und geradezu unumgänglich, auf seinem Karriereweg den einen oder anderen Fehler zu machen. Während die einen (noch) große Angst davor haben, akzeptieren andere diesen Umstand und gehen viel lockerer mit der Möglichkeit des Scheiterns um – wohl wissend, dass es sich hierbei nicht zwangsläufig um etwas Schlimmes handeln muss. Immerhin lernt man aus Fehlern in der Regel sehr viel mehr als aus glattgebügelten Erfolgen.

Die Fuckup Nights zeigen außerdem auf, dass Scheitern viele verschiedene Gesichter hat. Es geht nicht immer nur um finanzielle Niederlagen, die in der Insolvenz enden. Einige Unternehmer scheitern jeden Tag – beispielsweise, weil es ihre Ideen nur im Einzelfall zur Marktreife schaffen. Diese Rückschläge zu akzeptieren und gestärkt aus ihnen hervorzugehen – das ist das Anliegen der neuen Kultur des Scheiterns, die durch die Fuckup Nights etabliert wird.

Letztlich ist es auch wichtig, zu verstehen, dass ein Misserfolg nicht automatisch das Ende einer Karriere bedeutet. Nicht selten muss man als Unternehmer erst einmal scheitern, um den richtigen Weg zu finden. Immer wieder sind bei den Fuckup Nights deswegen auch Geschichten zu hören, die vom Neuanfang berichten und darüber, dass es erst einmal einiger Fehler bedarf, um dort hin zu kommen, wo man aktuell steht.

Die Ziele der Fuckup Nights im Überblick

  • Scheitern als reale Möglichkeit akzeptieren
  • aus den Fehlern anderer lernen
  • die eigenen Fehler nicht zu ernst nehmen
  • verinnerlichen, dass Scheitern zum Erfolg gehört
  • gestärkt aus Rückschlägen hervorgehen
  • aufzeigen, dass Scheitern auch eine Chance und ein Neuanfang bedeuten kann

Des Deutschen Angst vor dem Scheitern

Deutschland ist ausgesprochen ängstlich, wenn es um die Aussicht auf beruflichen Misserfolg geht. Die Angst vor dem Scheitern ist so groß, dass viele den entscheidenden Schritt – beispielsweise in die Selbstständigkeit oder eine verantwortungsvolle Führungsposition – nicht wagen. Stattdessen bleiben sie auf der Stufe stehen, auf der sie es sich bequem gemacht haben. Von Fortschritt und Weiterentwicklung kann hier keine Rede sein.

Das Problem vieler: Ihre Denkweise kennt nur die Farben Schwarz und Weiß. Soll heißen: Entweder ein Mensch ist (beruflich) erfolgreich oder er scheitert. Dass es dazwischen auch noch viele weitere, stark differenzierte Nuancen gibt, wird konsequent ausgeblendet.

Die Studie „Gute Fehler, schlechte Fehler“ von der Universität Hohenheim hat sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt und kam unter anderem zu folgenden Ergebnissen:

  • berufliches Scheitern wird von jüngeren Menschen eher akzeptiert als von älteren
  • je höher der Schulabschluss, desto eher akzeptiert ein Mensch berufliches Scheitern
  • je höher das Einkommen, desto eher akzeptiert ein Mensch berufliches Scheitern
  • Das meiste Verständnis für unternehmerisches Scheitern weisen Selbstständige auf
  • Rentner akzeptieren die beruflichen Fehlschläge am wenigsten
  • am wenigsten Akzeptanz erhält das berufliche Scheitern im Nordosten Deutschlands
  • in Bremsen ist die Akzeptanz mit Abstand am höchsten
  • die meisten Befragten tendieren zu einer zweiten Chance für Menschen, die gescheitert sind
  • die Risikoaversion bei einer Unternehmensgründung sorgt dafür, dass sich so viele vor dem Scheitern fürchten
  • Fehler, die nicht „selbstverschuldet sind“ (beispielsweise Krankheit oder zurückgehende Nachfrage) werden eher akzeptiert
  • weit weniger akzeptiert werden Fehler wie Streitereien im Team und eine fehlende Vision

Interessant ist außerdem, dass allgemeine Fehler, die beispielsweise auch im Privatleben gemacht werden, viel eher akzeptiert werden als berufliche Fehlentscheidungen. Außerdem sind Frauen etwas kritischer als Männer, wenn es um unternehmerische Rückschläge geht.

Quelle: Andreas Kuckertz, Christoph Mandl und Martin P. Allmendinger (August 2015): „Gute Fehler, schlechte Fehler. Eine repräsentative Studie zur Einstellung der deutschen Bevölkerung gegenüber unternehmerischem Scheitern“

Ein Blick in die Zukunft

Erfreulich ist, dass vor allem junge Menschen im Alter von 18 bis 39 Jahren berufliche Fehlschläge viel eher akzeptieren und diese auch für wichtig halten. Hieraus entsteht gerade ein neues Verständnis vom Scheitern, das auch in den Fuckup Nights aufgegriffen und verbreitet wird. Die Kernaussage: Es ist okay, zu scheitern – wenn man danach aufsteht und gestärkt weitermacht. Wichtig ist, sich die Zeit zu nehmen und nach Ursachen zu suchen. Doch nicht nur der Einzelne, sondern auch viele andere Instanzen stehen in der Pflicht, das Image vom Scheitern in (naher) Zukunft positiv zu beeinflussen. In der oben genannten Studie von der Uni Hohenheim werden insbesondere Medien, Politik und Wirtschaft genannt.

Eine der geforderten Maßnahmen der Autoren ist ein „freiwilliges und gefördertes Gründerjahr für Schüler, Studierende oder Hochschulabsolventen in einer risikoreduzierten und experimentierfreudigen Umgebung“, das den Einstieg in die Selbstständigkeit vereinfacht und gleichzeitig aufzeigt, dass Scheitern dazu gehört und vollkommen normal ist. Auch das Konzept der Fuckup Night wird in der Studie „Gute Fehler, schlechte Fehler“ aufgriffen und als Lösungsvorschlag genannt.

Zitate übers Scheitern

Natürlich soll die Möglichkeit zu scheitern, in diesem Beitrag nicht verherrlicht oder beschönigt werden. Es soll aber eben auch nicht verschwiegen werden, dass der Karriereweg nicht immer glatt geteert ist, sondern auch Stolpersteine aufweist. Dass es in Ordnung ist, den einen oder anderen davon mitzunehmen, zeigen nicht nur die Fuckup Nights, sondern auch die nachfolgenden Zitate:

„Scheitern ist die Möglichkeit, es noch einmal besser zu machen.“ – Henry Ford

„Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere; aber wir sehen meist so lange mit Bedauern auf die geschlossene Tür, dass wir die, die sich für uns geöffnet hat, nicht sehen.“ – Alexander Graham Bell

„Kein Risiko einzugehen, ist das größte Risiko.“ – Mark Zuckerberg

„Ich bin nicht gescheitert. Ich habe haben 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben.“ – Thomas Edison

„Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern.“ – Henry Ford

„Wer heute den Kopf in den Sand steckt, wird morgen mit den Zähnen knirschen!“ – unbekannt

„Hab keine Angst etwas Neues anzufangen! Denk immer daran: Amateure haben die Arche gebaut und Profis die Titanic.“ – unbekannt

Haben Sie noch mehr inspirierende Zitate? Waren Sie vielleicht selbst schon bei einer Fuckup Night und wollen von Ihren Erfahrungen berichten? Fällt Ihnen noch etwas ganz anderes zum Thema berufliches Scheitern ein? Hinterlassen Sie uns gern einen Kommentar.

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